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Nathan Boehme dreht, schneidet und textet oft bis zu zehn Beiträge am Tag.
Die Medienmaschine
Ein groteskes Erfolgsmodell aus den USA
Das Medienunternehmen Demand Media hat mehr Filme im Netz als ARD, ZDF, CBS und NBC zusammen. Das Ziel für 2011 sind eine Million Beiträge - pro Monat. Für eine solche Medien-Fabrik spielt Qualität keine Rolle - die Masse macht es. Videoreporter bekommen für einen fertigen Film, inklusive Schnitt und Vertonung stolze 20 Dollar. Zehn Filme am Tag sind keine Seltenheit.
Sieht er so aus, der Alptraum traditioneller Journalisten? Nathan Boehme hat 2009 mehr Filme produziert als jeder deutsche Reporter - weit mehr als 1000. Er leistet mediale Akkord-Arbeit nach dem Motto: Zeit ist Geld. "Wir fahren jetzt zur Universität von Kalifornien und interviewen eine Finanz-Studentin", erklärt Boehme. "Es wird eine Serie, wie man seinen Bachelor-Abschluss macht - vom Stipendium über die Finanzierung bis hin zu Tipps über die besten Kurse. Es dürfte interessant werden." Auf dem Campus, der im letzten Star-Trek-Film als Kulisse diente, klappt das Treffen. Das ist perfekt für Nathan: Er hat keinen Zeitverlust. Seine Effizienz hat ihn zu einem Star seiner Auftraggeber in Santa Monica gemacht.

Publikum, Werbung und Klickzahlen entscheiden
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Demand-Media-Manager Steven Kydd
Demand Media ist ein Medienunternehmen, das die Branche revolutionieren will. Die knapp vier Jahre alte Firma konzentriert sich auf das Internet. Für ihre 45 Webseiten und You Tube produziert sie täglich über 4000 Filme und Artikel. "Bevor wir irgendeinen Content produzieren", sagt der Firmen-Manager Steven Kydd ,"wollen wir wissen: Ist die Werbung daran interessiert? Gibt es genügend Publikum? Und können wir es erreichen? Das hilft uns, bessere Entscheidungen über jeden einzelnen Beitrag zu treffen. Spezielle Algorithmen verraten uns, ob wir Publikum, Werbung und genügend Klickzahlen haben. Das verringert das Risiko im Produktionsprozess."

Als Risiko-Killer dient das Herzstück des Unternehmens: Algorithmen. Sie verraten die meistgesuchten und von der Werbeindustrie bestbezahlten Schlagworte und die Chancen, bei einer Google-Suche ganz oben zu landen. "Wir nehmen diese ganzen Such-Daten und analysieren sie", sagt der Mitgründer von Demand Media, Shawn Colo, "um herauszufinden, wo sich wirtschaftliche Chancen bieten, durch Fragen, die die Menschen stellen. Das ist einzigartig. Wir hören auf das, was uns die Leute durch ihre Fragen verraten, und bauen unser Mediengeschäft von unten nach oben und nicht von oben nach unten wie die traditionellen Medien." Das ist eine Entwicklung, die Medienwissenschaftler schon länger mit Sorge beobachten.

Dreh folgt auf Dreh
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Die Redaktionsräume von Demand Media
"Die Fähigkeit, zuverlässiger Aufmerksamkeit zu erzeugen, lässt sich bestens über Werbung vermarkten", sagt Todd Gitlin von der Columbia Universitiy. "Seitdem sich das Surf-Verhalten exakt messen lässt, dank der Algorithmen von Google und anderen, war es unvermeidlich, dass Unternehmen das ausnutzen würden." Eine Web-Seite verrät Tausenden von freien Mitarbeitern, welche Stories für welches Honorar zu produzieren sind. Sie bekommen etwa 20 Dollar für einen Job, der traditionell mindestens drei Berufsgruppen als Team erfordert. Die Kunst liegt in der Segmentierung: Ein langes Interview mit fünf Themen gibt fünf Filme. Dreh folgt auf Dreh. "Wenn du bei der Firma anfängst", sagt Boehme, "kann das zunächst ganz schön hart sein, besonders, wenn du es hauptberuflich machen willst. Dann musst du wirklich klotzen. Doch wer sein Handwerk beherrscht, kann 15 bis 30 Filme am Tag machen, das sind 600 Dollar, da kann man nicht meckern."

Für Shawn Colo, ist die Frage Mensch gegen Maschine entschieden: Computer lieferten fünfmal höhere Klick-Quoten als Redakteure. Dazu gehört auch der lukrativste Hit der Firma. "Wie spendet man ein Auto in Dallas, Texas? Das ist ein sehr wertvolles Thema und wird von den Leuten ständig gefragt", so Colo. "Das ist das Internet. Da gibt es die abwegigsten und obskursten Fragen. Das ist das Problem, aber auch die Chance für Medien und Werbung: Wie kreieren wir Content für dieses spezielle Beispiel?" Soziologe Gitlin erklärt: "Mit Journalismus hat das überhaupt nichts zu tun. Es geht vielmehr darum, Firmen so aufzurüsten, dass Leute sich Öffentlichkeit erkaufen können. "Das ist genauso, als ob man die Titelseite einer Zeitung verkauft, Werbeplakate aufhängt oder mit Flugzeugen Werbung in den Himmel schreibt. Es geht da um etwas, das der Öffentlichkeit gehört, wie nun auch das Internet, für private Profit-Maximierung auzubeuten."

Ratgeber-Themen sind Gold
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Mitgründer von Demand Media, Shawn Colo
Aktueller Journalismus ist Gift, zeitlose Ratgeber-Themen sind Gold für ein Medienmodell, das jedes Produkt nur nach seiner Konsumierbarkeit beurteilt. Die mehr alsr 500 Redakteure in der Zentrale arbeiten inzwischen vor allem als Trainer für die freien Akkord-Arbeiter. Die sollen ab Juni 2010 eine Millionen Stories pro Monat erstellen. Dass griffige Quantität dabei auf Kosten der Qualität geht, bestreitet das Unternehmen: "Wir haben Fakten-Prüfer", sagt Steven Kydd. "Ich nenne ihnen ein Beispiel: Wir haben einen Autoren für eine Story und einen freien Redakteur, der redigiert, und einen Faktenprüfer. Bei 100.000 Themen, aus denen unsere Leute täglich wählen können, haben wir Mitarbeiter, die ihre Arbeit gegenseitig kontrollieren."

Nathan, inzwischen im Proben-Keller einer Musikband, ist ein Großverdiener im Vergleich zu den Fakten-Prüfern. Die erhalten pro Beitrag einen Dollar. Das rechnet sich nicht wirklich, selbst bei simplen Stories über das Background-Singen in einer Band oder den Einsatz von Harmonien. Nathan liebt seinen Job und freut sich, dass er im Zeitalter des großen Branchensterbens für ein Medienhaus arbeitet, das rasant wächst. Doch für die Zukunft wünscht er sich, für den klassischen Journalismus entdeckt zu werden. Bei der Frage, wie man einen Video-Beitrag beendet, setzt Nathan auf Altbewährtes. Auf etwas, worauf zur Zeit auch alle Medienunternehmen hoffen, ob alte oder neue: auf ein Happy End.

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Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr