© ap Lupe
Der haitianische Galerist Georges Nader hält ein zerstörtes Bild von Castera Bazile.
Kulturerbe in Trümmern
Haitis Museen nach dem Beben
Kunst und Kultur haben in Haiti seit jeher einen hohen Stellenwert. Bei der "Ghetto Biennale", die im Januar 2010 in Haiti stattgefunden hat, stellten internationale mit haitianischen Künstlern aus den Slums zusammen in den Straßen von Port-Au-Prince aus. Nach dem verheerenden Erdbeben sind nun viele Museen und Galerien im Land eingestürzt.
Kunst hat es schwer in Haiti, wo in diesen Tagen schon Überleben eine Kunst ist. Das Musée Nader im Zentrum von Port au Prince war eine Institution in der Kunstszene Haitis. Nun klauben Helfer in den Trümmern zusammen, was das Große Beben übriggelassen hat. Viel ist es nicht. Rund 12.000 Gemälde sind unwiederbringlich verloren. Unweit des kollabierten Präsidentenpalastes liegt das Musée d’Art Haitien. Das Kunstmuseum beherbergt die wichtigste Sammlung haitianischer Malerei. Zum Zeitpunkt des Bebens waren hier Meisterwerke der 1930er, 40er und 50er Jahre des vergangenen Jahrhunderts ausgestellt. Nun hängen nur noch die Fotos der Künstler. Der Direktor Louis Dubois macht eine Bestandsaufnahme: "Ich habe bislang noch keinen endgültigen Überblick über die Verluste", sagt er. "Aber sie sind wahrscheinlich erheblich. Unser Lager ist schwer beschädigt. Die Decke ist eingestürzt, und wir konnten noch immer nicht hinein, um die Schäden aufzunehmen und abzuschätzen."

Jahrzehntelange Arbeit in Sekunden vernichtet
Immerhin, etliche der alten Meister aus dem Ausstellungssaal haben der Direktor und seine Mitarbeiter bergen können. Dieser Teil des künstlerischen Erbes Haitis hat das Beben überdauert, doch richtig freuen kann das Monsieur Dubois nicht. Nur ein paar Hundert Meter weiter ist das 1944 gegründete Centre D’Art eingestürzt. Einer der ältesten, wichtigsten Schulen und Galerien für zeitgenössische Malerei hat quasi aufgehört zu existieren. Jahrzehntelange Arbeit vernichtet in ein paar Sekunden. "Wir haben nicht nur die Gemälde verloren", erklärt Maryse Descosiers, "die wir in der Galerie verkaufen, wovon unsere Künstler leben. Wir haben auch eine Sammlung von Werken verloren, deren Wert sich mit Geld nicht bemessen lässt."

Mitarbeiter versuchen nun zu retten, was zu retten ist. Einen einzigen LKW haben sie, um das, was vom Centre d’Art übriggeblieben ist, an einen sicheren Ort zu bringen. Wohin wissen sie noch nicht. "Wir müssen jetzt wohl ein neues Centre d’Art bauen", sagt Descosiers. "Denn das Centre d’Art ist ein Teil von Haiti. Wir haben keine Wahl, wir müssen irgendwie weitermachen." Haiti ist ohne seine Künstler und Galerien nicht vorstellbar. Haiti ist laut und bunt, Musik und Kunst helfen über unaussprechliches Leid und Armut hinweg. Das war schon immer so.

Das Beben verändert die Kunst
Die Kunst ist die Seele des Landes, sagt Philippe Dodard, und nimmt das erste Mal seit dem großen Beben wieder den Pinsel in die Hand. Der international renommierte Maler glaubt, dass die Katastrophe Haitis Kunstszene verhändert hat. Nicht nur durch die unwiederbringliche Zerstörung des kulturellen Erbes, sondern auch für die Zukunft. "Kunst hat mit Empfindsamkeit zu tun", sagt Dodard. "Wir spüren, was wir auf unsere Art und Weise ausdrücken. Die meisten Künstler sind extrem beeindruckt und schockiert von der schieren Gewalt dieses Bebens. So etwas haben wir noch nie zuvor erlebt. Deswegen bin ich ziemlich sicher, dass das unsere Vorstellung von Leben und die Art, wie wir sie in unserer Kunst ausdrücken, verändern wird."

Derweil hat Monsieur Dubois, der Direktor des Musée D’Art Haitien den Internationalen Krisenstab für Museen in Not um Hilfe gebeten. Noch versucht er, das Vergangene zu verarbeiten: "Wir Haitianer haben Kunst und Musik im Blut. Der Verlust sitzt tief, und wir werden lange brauchen, um uns davon zu erholen." Das Erdbeben von Haiti ist eine Tragödie, für die Menschen und für ihre Kunst. Aber es kann - irgendwie - auch ein Neubeginn sein.

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Alice Smeets aus Haiti