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Am Bahnhof im polnischen Freiburg fuhren die Züge nach Deutschland ab.
Flucht und Vertreibung
Polnische Historiker brechen ein Tabu
Der Machtkampf zwischen Bunderegierung und Vertriebenverbänden nimmt an Schärfe zu. Zugleich scheint sich in Polen die Sichtweisen auf die gemeinsame Geschichte zu verschieben. Wurde bisher in der öffentlichen Debatte jegliche Erwähnung des Leids deutscher Vertriebener als Versuch der Relativierung der Schuldfrage betrachtet, haben polnische Historiker ein geradezu bahnbrechendes Buch veröffentlicht, das jetzt im Weltbild-Verlag auf Deutsch erscheint: "Illustrierte Geschichte der Flucht und Vertreibung. Mittel- und Osteuropa 1939 bis 1959".
Europa 1945: Die Menschen sind auf der Flucht, vertrieben aus ihrer Heimat auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft. Viele sind auf dem Weg in den Tod. Aber wer sind sie? Deutsche auf der Flucht vor der Roten Armee? Polen, vertrieben von der deutschen Wehrmacht? Ukrainer, Weißrussen, Juden? Sie alle haben eines gemein: das Schicksal der Vertreibung. "Wir haben uns überlegt, wie wir im Buch die Vertreibungen darstellen können", erklärt der Historiker Grzegorz Hryciuk, "und uns gegen eine chronologische Darstellung entschieden. In den Auswirkungen ist diese Tragödie für alle Menschen gleich. Abgesehen natürlich von den Juden, denn für die war die Aussiedlung in die Ghettos nur die erste Station vor der Ermordung. Wir hoffen, dass polnische und deutsche Leser Mitgefühl für das Schicksal auch der anderen Nation haben."

Politiker benutzen das Thema für Kampagnen
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Die Historikerin Malgorzata Ruchniewicz
In der "Illustrierten Geschichte der Flucht und Vertreibung" haben polnische Historiker erstmals die gesamte Geschichte dieser Zwangsmigration in Mittel- und Osteuropa zwischen 1939 und 1959 erzählt - sachlich und faktenreich. "ich glaube, dass Politiker besonders beim Thema Vertreibungen alles sehr verkomplizieren und auf einer emotionalen Ebene agieren", sagt die Autorin Malgorzata Ruchniewicz. "Sie haben keine Ahnung von den Tatsachen und nehmen solche Bücher nicht zur Kenntnis. Obwohl die Fakten für deutsche und polnische Historiker überhaupt nicht strittig sind, benutzen Politiker dieses Thema gern für ihre eigenen Kampagnen."

Das Buch wurde von Breslauer Historikern verfasst. In Breslau lassen sich wie in einem Brennglas die Auswirkungen der Zwangsumsiedlungen betrachten. Nach dem Krieg begann der Massen-Exodus der Deutschen aus der schlesischen Stadt, in der sie jahrhundertelang gelebt hatten. Am Freiburger Bahnhof fuhren die Züge nach Deutschland ab. Heute ist das ein verlassener Vorortbahnhof, der keine Vorstellung mehr von den Dramen vermittelt, die sich hier abgespielt haben. Und in die verlassenen Wohnungen und Häuser der Deutschen kamen andere Vertriebene: Polen aus den Gebieten, die nach dem Krieg der Sowjetunion zugeschlagen wurden.

Millionen Menschen wurden aus der Heimat verjagt
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Grzegorz Hryciuk
"Wenn man eine Stadt wie Breslau mit einem Theater vergleicht, kann man sagen, dass die Menschen, die diesen Ort einst gestaltet haben, nach der Vertreibung weg waren", berichtet Ruchniewicz. "Zurück geblieben ist die Bühne, wie eine bloße Dekoration und die Häuser. Langsam kamen neue Menschen und ein neues Theater. Diese neue Bevölkerung waren größtenteils ebenfalls Vertriebene aus Lemberg. Vielleicht hatten diese Menschen ein größeres Mitgefühl für die vertriebenen Deutschen." Detailliert zeigen die Historiker, wie sich die Flüchtlingsströme quer durch Europa bewegten, Millionen Menschen aus der Heimat verjagt und deportiert wurden: 2,8 Millionen Juden, die danach ermordet wurden, 12 Millionen Deutsche, 6,5 Millionen Polen, 1,4 Millionen Ukrainer. Auch die dunklen Seiten der polnischen Geschichte werden aufgedeckt: die Vertreibung der Deutschen genauso wie Nachkriegspogrome an Holocaust-Überlebenden.

"Es musste Zeit vergehen, bis die Polen bereit waren, sich ihrer Geschichte zu stellen und bis sie zugeben konnten, dass sie nicht nur Opfer waren", so Hryciuk. "Wie beispielsweise beim Pogrom von Jedwabne, als Polen Juden töteten." Es ist eine ideologiefreie Sachlichkeit, die dieses Buch kennzeichnet. Die Brutalität, mit der deutsche Flüchtlinge behandelt wurden, wird thematisiert, ebenso wie die Exekutionen, die Massenvergewaltigungen und die Tieffliegerangriffe auf Flüchtlingstrecks. Und doch bleibt immer klar, dass es die menschenverachtende Politik Hitler-Deutschlands war, die das große Elend ausgelöst hatte.

Wie Spielbälle in Europa hin- und hergeworfen
"Die Menschen, die die Vertreibungen selbst erlebt haben, betrachten das als ihr individuelles Schicksal und Leid und als unverdiente Strafe", sagt Hryciuk. "Aber als Historiker muss man diese Vertreibungen als das Ergebnis einer furchtbaren Logik ansehen." Der "Illustrierte Atlas der Vertreibungen" zeigt einen neuen Blick auf die Zwangsaussiedlungen. Wie Spielbälle wurden die Menschen millionenfach in Europa hin- und hergeworfen, als Instrumente in den Händen von Politikern und Militärs. Und so begegnet uns das Leid dieser Flüchtlinge nicht mehr nur als das Los einer einzelnen Volksgruppe oder Nation, sondern als eine traumatische Geschichte von Verlust, Entwurzelung und Neuanfang in der Fremde, die alle gleichermaßen durchmachen mussten. Velleicht ist diese Erfahrung auch ein Fundament für Nachbarschaft und Aussöhnung.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buchtipp
Bozena Szaynok
"Illustrierte Geschichte der Flucht und Vertreibung. Mittel- und Osteuropa 1939 bis 1959".
Weltbild 2010
ISBN-13: 9783828909038