© adler Lupe
Bakus Altstadt
Kulturelle Provinz
Unter der Fuchtel eines Clans: Baku
In Aserbaidschan, dem Land des Feuers, huldigten die Tempel der Ateschgah dem Feuergott - dort, wo zuletzt Erdgas an die Oberfläche kam. Mitten in Ölfeldern steht die letzte dieser uralten Kultstätten. Es sind die ältesten Ölfelder der Welt. Öl und Kultur sind in Aserbaidschan nicht voneinander zu trennen. Davon handelt die Geschichte dieses Landes und seiner Hauptstadt Baku, der "Islamischen Kulturhauptstadt 2009".
Öl ist Zerstörung und Reichtum, Öl ist Fluch und Segen. In den armseligen Dörfern, im Schatten der Bohrtürme und Pumpen, ist vom Wohlstand nichts angekommen. Die Menschen führen ein Leben in einer feindlichen Umwelt. Baku dagegen, die glänzende Metropole, verdankt dem Öl ihre Existenz. Die Oper zum Beispiel ist das großzügige Geschenk eines Ölbarons an seine Geliebte, eine Sängerin. Oder Jazz: In den 1930er und 40er Jahren war Baku ein Mekka für Freunde der US-amerikanischen Musik. Davon ist kaum mehr etwas übrig. "Islamische Kulturhauptstadt 2009" darf sich Baku nennen, doch viele Veranstaltungen stehen nur im Programm - zu sehen sind sie nicht. Potemkin scheint der Pate dieses Kulturprogramms.

"Mugam-Musik ist Opium für die Nation"
Lupe
Die Sängerin Azizah Mustafa Zadeh verbindet Mugam und Jazz
Ein neues Bauwerk ist doch zu entdecken. Auch wenn es aussieht, als sei es der Moderne gewidmet, dient es doch nur der Tradition: das Mugam-Zentrum. Die populärsten Musiker dieser Richtung werden hier verehrt wie Feldherren. Solcher Traditionspflege erweist auch das Präsidentenpaar Aliyev am liebsten seine Reverenz. Das hat allerdings nichts mit ihrem persönlichen Geschmack zu tun, wie die junge aserbaidschanische Schriftstellerin Narmin Karmal weiß: "Diese Mugam-Musik ist Opium für die Nation. Sie dominiert alle anderen Musikrichtungen. Diese Unterhaltung ist für unsere Regierung sehr nützlich, denn es ist einfacher, die Leute zu führen, wenn sie den alten Werten gehorchen."

Die Tochter eines Dirigenten und einer Pianistin sieht ihr Land kulturell im Hintertreffen. Kultur ist hier so wenig der Motor des Wandels wie das Öl. Womit wir wieder bei der Familie des Präsidenten sind. Heydar Aliyev war einst kommunistischer Parteichef, dann gründete er eine Familiendynastie. Sein Sohn sitzt heute an den Hebeln der Macht. Die politisch Mächtigen und die Oligarchen des Öls sind in Aserbaidschan dieselben. Öl schmiert nicht nur jedes Geschäft in der hoch korrupten Gesellschaft. "Weil diese Regierung so viel Geld durch das Öl hat, kann sie viele Politiker korrumpieren, viel Oppositionelle einkaufen, kann den ganzen Angstapparat aufbauen - alle Gruppen kaufen, die den Protest mobilisieren könnten", sagt der Regimekritiker Emin Milli. "Die ganzen Ölgelder machen die Regierung mehr und mehr unabhängig vom Volk, von den Staatsbürgern. Das ist ein großes Problem." Wer sich nicht einkaufen lässt, lebt gefährlich. Emin Milli wurde kurz nach dem Interview verhaftet.

"Unseriöse Poeten"
© ap Lupe
Unabhängigkeitsfeierlichkeiten
Die Loslösung von der Sowjetunion 1990 ging nicht ohne Blutvergießen. Der sowjetische Präsident Gorbatschow ließ die Panzer sprechen. Die Opfer werden als Nationalhelden verehrt. Doch die Befreiung von der Diktatur Moskaus mündete in der Despotie eines Clans. Die Altstadt von Baku ist Weltkulturerbe und bestens restauriert. Die Perlen islamischer Baukunst sind nur das eine. Politische Macht hat die Religion fast vollständig eingebüßt. Als Narmin, die junge Schriftstellerin, ein Gedicht über Allah und die Sexualität veröffentlichte, um zu beweisen, dass nicht die Religion, doch die Kunst alles darf, hagelte es Proteste. Mehr aber auch nicht. Dichtkunst steht in hohen Ehren in Aserbaidschan. Poeten haben in Baku die größten Denkmäler. Die jungen Autoren fühlen sich dennoch am Rand. "Aserbaidschan ist eine Nation der Poeten. Aber das ist nicht gut für mich und für meine jungen Kollegen", so Narmin Karmal. "Wir stellen fest, dass es eine Schande ist, eine Nation von Poeten zu sein. Denn die Poeten hier sind nicht seriös."

Dichten nach den strengen Regeln der verehrten Altmeister wie die von Narmin verehrten Goethe und Shakespeare, ist beinahe ein Volksport. Narmin Karmal weiß, was das heißt: "Alle Texte handeln von schönen Frauen und Liebe, aber nicht vom wahren Leben der armen Leute, von der Gesellschaft, von der Politik und solchen Themen. Immer nur Schmetterlinge, hübsche Mädchen, Liebe." Da ist es kein Wunder, dass das bedeutendste Museum der Stadt das Teppichmuseum ist. Und zu den wenigen avantgardistischen Architekturen zählt der Entwurf des künftigen Teppichmuseums. Manches sieht aus, wie die alte Pracht der Ölbarone, ist aber, wie zum Beispiel das Gebäude der Stiftung des Präsidenten, nagelneu.

In Aserbaidschan sind Familienbande alles
"Die Leute hier stecken den Kopf in den Sand und ducken sich vor den Problemen weg", sagt Niyaz, einer der wenigen gesellschaftskritischen Künstler, der drogensüchtig im Gefängnis saß. Er haust und malt in einer unwürdigen, engen Behausung. Doch immerhin durfte er jetzt sogar Aserbaidschan auf der Biennale in Venedig vertreten. Denn in diesem Land sind Familienbande alles. Und ein gütiges Schicksal wollte es, dass die Schwester der First Lady ein Auge auf den Außenseiter warf. Auch deren Schwager ist kulturell tätig, er malt dekorative, gefällige, harmlose Bilder. Doch er, der Mann aus dem Familienclan des Präsidenten, durfte das erste Museum Moderner Kunst bauen und es nach eigenem Gusto bestücken.

Die Kluft zwischen Arm und Reich ist 2009 in Baku tiefer geworden, trotz des Öls. Überraschend tolerant und freizügig ist Aserbaidschan, was Religion und Lebensstil angeht. Kulturell ist es Provinz. Die Reichen ignorieren das Moderne. Die Intelligenz zieht weg. Wenn Kultur ein Zeichen des Aufbruchs sein kann, ist davon in der Kulturhauptstadt Baku jedenfalls nicht viel zu spüren.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Extra
"Linz09" im Test - Ein "Kulturzeit extra" zur Kulturhauptstadt
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27.07.2009 / Wolfgang Herles ("aspekte", ZDF) / tm/se