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Zwei Männer küssen sich während der "Europride Parade" 2007
Die neue Homophobie
Igitt, zwei küssende Jungs
Ob in Vorabendserien, Castingshows oder Kinofilmen: Homosexuelle scheinen völlig akzeptiert, auch unter Jugendlichen. Begibt man sich aber auf einen deutschen Schulhof, sieht die Sache ganz anders aus. Die Abneigung und Diskriminierung von Jugendlichen gegenüber Schwulen und Lesben hat massiv zugenommen. Kultur und Alltag sprechen verschiedene Sprachen. Ist es Zeit für eine neue kreative Homo-Bewegung?
Ob küssende Männer in der "Lindenstraße" oder knutschende Frauen in der längst nicht mehr "Verbotenen Liebe" - Homosexualität ist im Fernsehen längst kein Aufreger mehr. "Tatort"-Kommissarin Ulrike Folkerts, Moderatorin Anne Will oder Komiker Hape Kerkeling sind beliebt bei Jung und Alt. Sänger Mark Medlock wird von seinen Fans geradezu abgehimmelt.

Homophobie hat zugenommen
Doch in der Schule sieht die Situation ganz anders aus. Offen schwule oder lesbische Jugendliche sehen sich immer öfter mit Übergriffen von Mitschülern konfrontiert. Aktuelle Umfragen unter Jugendlichen bestätigen: Homophobie, Angst und Ekel vor Schwulen und Lesben, nimmt zu. Die Zahlen sind deutlich: Fast die Hälfte aller Jugendlichen kann gleichgeschlechtliche Liebe nicht verstehen, ein Drittel lehnt sie komplett ab. Gegenüber ähnlichen Umfragen von vor zehn Jahren hat sich die Zahl dieser Gegner verdoppelt.

In der Kultur hielt man die Schwulen-Diskriminierung eigentlich erst recht für überwunden. Comic-Zeichner Ralf König feierte mit seinem "Bewegten Mann" in den 1990ern auch im Mainstream-Kino Erfolge. Doch heute glaubt er, dass bestimmte Filme eher wieder für neue Schwulenfeindlichkeit sorgen. "In 'Traumschiff Surprise', wo eineinhalb Stunden lang nur drei Schwuchteln, unerträgliche Schwuchteln, durch den Weltraum flitzen. Als ich das gesehen habe, fühlte ich mich unangenehm erinnert an diese alten Detlef-Witze", so König. "Ich halte das für genauso schwulenfeindlich, verzerrend, und gefährlich."

Mehr Normalität im Alltag
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Filmszene aus "Brokeback Mountain" (2005)
In den 1970ern sorgte Rosa von Praunheim für Aufsehen - gerade weil seine Schwulen spießiger waren als jeder Hetero. Er rief die Schwulen dazu auf, sich nicht länger zu verstecken, und forderte von der Gesellschaft ein Umdenken: "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt." Und auch "Brokeback Mountain", oscar-prämiert, tritt für mehr Normalität ein. Schwule Liebe als urmenschliche Leidenschaft: Das berührt - im Film.

Doch in Wahrheit zeigen die aktuellen Studien unter Jugendlichen, dass vor allem Migranten in der Pubertät eine noch größere Abneigung gegen Homosexuelle haben. Und die Gewaltbereitschaft steigt. Was kann, was muss Kultur tun? Ist es Zeit für einen neuen, lauten Aufschrei?

Ralf König glaubt weniger an die Überzeugungskraft seiner Schwulen-Comics als an persönliches Engagement als Vorbild im Alltag. "Den Freiraum, der damals erkämpft wurde, selbstbewusst zu besetzen und sich zu zeigen, das finde ich wichtig." Homosexuelle Normalität muss aus der Popkultur auch in den Alltag gebracht werden, dann wird hoffentlich bald kein junges Paar mehr Angst haben müssen, seine Liebe auch auf dem Schulhof offen zu zeigen.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr
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28.05.2009 / Kulturzeit / vv/se