Wie nennt man den zweiten und vierten Zeh? So wie die Finger
Uns fehlen die Worte… nicht mehr!
Der 3sat-Wettbewerb ist abgeschlossen
Die namenlosen Dinge - jetzt endlich haben sie einen Namen. Der 3sat-Wettbewerb "Uns fehlen die Worte" ist abgeschlossen. Nun können wir frühlich sein, blauwindverwirrt oder uns zerherzen, an Tratschmulme oder Dunkeldreherei leiden. Eine prominent besetzte Jury aus Sprachbegeisterten wie Axel Hacke, Rafik Schami, Feridun Zaimoglu oder Ernst Pöppel hat neue deutsche Wörter ausgewählt.
Durch Worte begreifen wir die Welt. Sie scheint vertraut und geordnet. Verrücken wir ein wenig den Blick, fehlen uns die Worte - weiße Stellen im deutschen Sprachschatz.

Feridun Zaimoglu ist begeistert vom Wort "Brötchenwatte"
"Neue Worte entstehen, wen man ein bisschen lernt zu schielen", so Feridun Zaimoglu. "Das Ding will nicht wirklich erfasst werden. Das Ding will genaus wie ein Mensch schön bezeichnet werden. Und die schöne Bezeichnung einer Leerstelle, einer Stimmung, eines Dings, das ist - glaube ich - die große Kunst im Deutschen."

Zehn Sprachexperten sondierten die Einsendungen
In dieser Kunst übten sich viele Zuschauer. Feridun Zaimoglu hat als einer von zehn Sprachexperten ihre Vorschläge für uns bewertet - tausende neue Wörter für den 3sat-Wettbewerb "Uns fehlen die Worte". auch Axel Hacke prüfte streng - und traf seine Wahl. "Sprache wird ja immer da interessant", so Hacke, "wo sich Räume öffnen, wo man wegkommt von dem, was es schon gibt. Von da, wo sich etwas öffnet. Und wo öffnet sich etwas? Da, wo man anfängt zu spielen."

Kreativ und dabei klar sein - das ist keine leichte Aufgabe. Denn wir wollten zum Beispiel wissen: Wie nennt man das weiche Innere im Brötchen? Weichkrume? Pulchen? Inbrot? Doch nur eines hat überzeugt: Brötchenwatte. "Ist das nicht ein schönes Wort?, fragt Zaimoglu. Er hat es beim Bäcker ausprobiert. "Es gab keine Sekunde der Irritation", erklärt der Schriftsteller. "Und beim Rausgehen hörte ich, wie die Bäckerin sagte: 'Brötchenwatte - das ist gut!' Damit hat das Wort den Praxistest bestanden."

In Worte fassen, was wir erleben - das ist die Herausforderung. Etwa den Moment der Schwebe kurz vorm Wachwerden: Traumbaden? Duseln? Oder: Die sicheren Orte, wo wir etwas ablegen - um es dann doch ne wieder zu finden: Mirvana? Blindort? Verlageplatz? Axel Hacke findet es "nicht so toll, wenn man dem Wort anmerkt, dass es ausgedacht ist. Das ist nicht interessant. ein Wort muss eines sein, wo man denkt: Ja, das hat es schon immer gegeben. Das hat man nur jetzt gerade gefunden."

Lupe
Wundersamer Wortsalat - plötzlich geordnet
Worte finden, nicht erfinden - am Schwierigsten ist das scheinbar Banale. Wie heißen etwa der zweite und der vierte Zeh? "Hierzu kamen viele Vorschläge", so Axel Hacke. "Die niedlichsten Sachen, wie etwa Langer und Lumpi, Zackel und Lackel, großer Cousin und kleine Schwester. Das ist alles ganz nett, hat aber auch ein bisschen was Infantiles. Das hat mir nicht so gut gefallen. Und dann hat einer gesagt: 'Wir nennen die wie die Finger: das eine ist der Zeigezeh, das andere der Ringzeh." Das finde ich ganz gut. Da weiß jeder sofort, was gemeint ist."

"Man kann alles mit der deutschen Sprache sagen"
Wichtig ist es, die Balance zu finden zwischen Verständlichkeit und Schönheit. Sprache ausprobieren, heißt, Möglichkeiten zu entdecken. "Ich kann ja nichts dafür, dass in dieser medial verfransten Zeit die Menschen, auch Muttersprachler, vergessen haben, wie wortprächtig und kräftig die deutsche Sprache ist", so Feridun Zaimoglu. "Man kann alles und noch viel mehr in der deutschen Sprache sagen. Man muss sich nur ein bisschen Mühe geben. Und man darf nicht den Fehler begehen, das allgemeine Geschwätz für sich zur Norm zu erheben."

Nach dem 3sat-Wettbewerb ist die Welt um 70 Worte reicher, ausgewählt aus mehr als tausend Einsendungen. Eine Welt, die umso weiter wird, je häufiger wir sie mit Wortspielen neu entdecken.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr
Schwerpunkt
Uns fehlen die Worte -
Wir haben die Gewinner!
Die Gewinner
Die Liste der Gewinnerwörter