Die Universität in Hargeisa, der Hauptstadt Somalilands
Konsens in Somaliland
Das andere Somalia oder die Kultur der Konfliktbewältigung
Wir haben uns angewöhnt, von Kultur meist nur dann zu sprechen, wenn es um die schönen Künste, um Literatur, Theater oder Musik geht. Dass es auch einer Kultur der Konfliktbewältigung bedarf, zeigt das Beispiel des kleinen Somaliland, einer eigenständigen Region im Norden Somalias, das mitten im Bürgerkriegschaos am Horn von Afrika erfolgreich Frieden praktiziert und damit eigentlich zum Vorbild für viele andere Regionen taugen würde.

Konfliktbewältigung hat Tradition
Bobe Yusuf Duale
Die Märkte sind geöffnet, die Mobiltelefon-Dichte ist unter den Höchsten in Afrika, und wer hier zum Einkaufen oder Geldwechseln bei den Straßenhändlern geht, muss nicht um sein Leben fürchten. Die traditionellen Strukturen und Autoritäten, das uralte Clan-Recht und nicht zuletzt eine bewährte Kultur der Konfliktbewältigung waren und sind noch heute der Schlüssel dieses Friedens. Bobe Yusuf Duale von der "Academy for Peace & Development" in Hargeisa erklärt: "In Somaliland sind wir isoliert von der Welt und lösen unsere Probleme vor Ort. Konfliktbewältigung hat eine eigene Tradition hier, und während zu Somalia etwa 16 Konferenzen in Nairobi, Addis Abeba, Kairo, Djibouti und anderswo abgehalten wurden, fand keine einzige Friedenskonferenz zu Somaliland außerhalb des Landes statt. Alle Friedens- und Versöhnungskonferenzen in Somaliland wurden zudem lokal finanziert, nicht von Ausländern."


Dichter rezitieren Texte in den Versammlungen
Der "Council of Elders", der Ältestenrat von Somaliland
"Ein somalisches Sprichwort sagt", so Bobe Yusuf Duale: "'Die Entscheidungen einer Versammlung werden von allen getroffen'. In den Versammlungen benutzen wir gewöhnlich unsere traditionellen Methoden. Wenn die Diskussion im Versammlungsraum oder unter einem Baum sich erhitzt, und die Leute schon fast handgreiflich werden, muss der Versammlungsleiter unterbrechen. Dann gehen wir raus, für eine Stunde, einen Tag oder manchmal eine Woche, und diskutieren in Gruppen oder zu zweit weiter. Dann kommen wir zurück, nach einem halben Tag, oder zwei oder drei oder manchmal sieben - es gibt keine Grenze." Der Versammlungsleiter müsse sehr aufmerksam sein, sagt Duale, und immer die "Temperatur" der Versammlung messen. Manchmal sehe er jemanden in Hitze geraten und rufe dann einen Dichter, um etwas vorzutragen. Der rezitiere dann beispielsweise ein Gedicht über Frieden und Versöhnung.


Konsens statt Abstimmung
"Das Wichtigste ist, im Konsens zu handeln", sagt Duale. "Und alles auch außerhalb des Versammlungsraums, oder des Baums zu beraten, unter dem die Versammlung stattfindet. Üblicherweise gehen wir dann in informelle Meetings, wo wir Kat kauen, miteinander sprechen, wo wir uns manchmal gegenseitig beleidigen und beschimpfen, aber dann auch wieder zusammen lachen und freundlich miteinander reden." Der Hafen von Berbera ist kein Piratennest, sondern ein wichtiger Umschlagplatz für die ganze Region. Von hier werden nicht nur Kamele und Schafe für die arabische Halbinsel exportiert, auch Hilfsgüter für das traditionell verfeindete Äthiopien nehmen immer häufiger den sicheren Weg über Somaliland. Wer aus eigener Kraft den Frieden schafft und bewahrt, sollte eigentlich als Vorbild internationale Anerkennung finden. Die EU hat nun einen zarten Anfang gewagt: Sie spendete dem Land ein großzügiges neues Gefängnis.

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29.04.2009 / Peter Krieg für Kulturzeit / tm