Missionare auf dem Vormarsch
Evangelikale Christen in Deutschland
Wer den Worten der Bibel nicht folgt, verspielt das ewige Leben, glauben die Evangelikalen  © ap
Rund 52.000 Menschen kamen vom 29. März bis 5. April 2009 zur Missionskampagne "ProChrist" in Chemnitz. Insgesamt erreichte die Großveranstaltung nach Angaben der Veranstalter per Satellit mehr als 1,1 Millionen Menschen. Nach Schätzungen leben in Deutschland mehr als eine Million Evangelikale, die radikal und sendungsbewusst die Bibel zu ihrer Lebens- und Glaubensgrundlage erheben.
Der Film "6000 Punkte für den Himmel" zeigt einen Sünder zwischen Himmel und Hölle - so die evangelikale Vorstellung - nur eine Tür trennt ihn noch vom ewigen Leben - doch für ihn gibt es keine Vergebung. "Leben und Sterben Jesus hatte keine Bedeutung für sie", heißt es im Film. Und damit auch keine Konsequenzen für sein Leben. Daher wartet die ewige Verdammnis. Statt froher Botschaft, eine Drohbotschaft. Mit dem Film werben Evangelikale via Internet und Zeitschriften für ihren Glauben.
Ausgegrenzt und diskriminiert: Tom Haus
Wer den Worten der Bibel nicht folgt, der verspielt das ewige Leben. Homosexuelle müssen unter diesem Dogma oft leiden. Auch Tom Haus. Er war viele Jahre in der evangelikalen Bewegung in Chemnitz als Liedermacher aktiv. Doch dann outete er sich während eines Konzerts. Ein Bekenntnis mit Folgen: Er wurde ausgegrenzt und diskriminiert. Haus spricht vom "sozialen Tod". Doch es kam noch schlimmer. "Es gab Morddrohungen über Telefon", berichtet Haus, "und das Schlimmste war, als ich im Sommer 2002 im Krankenhaus mit einem Zeckenbiss gelegen habe, kam ein anonymer Anruf, wo einer sagte, das ist jetzt die Strafe Gottes, ich hoffe, du stirbst."
Evangelikale auf dem Vormarsch
Homosexualität als Sünde - für viele Evangelikale ist die Bibel irrtumslos: eine fundamentalistische Weltanschauung. Im historischen Text finden sie Anleitung, wie man leben sollte - und wie nicht. Der evangelikale Theologe Ulrich Parzany erklärt: "Ich muss von der Ethik her sagen, dass homosexuelle Praxis nicht dem biblischen Gebot entspricht, dass ist ganz offenkundig."
Ulrich Parzany, Hauptredner bei "ProChrist"
Mit ihrem öffentlichen Bekenntnis stehlen sie den Volkskirchen die Show: Evangelikale sind in Deutschland auf dem Vormarsch. Das Missionsfestival "ProChrist" in Chemnitz gibt sich überkonfessionell - wird aber organisiert von Evangelikalen. Kostenpunkt: 3,5 Millionen Euro. Ulrich Parzany ist Hauptredner. Via Satellit geht seine Wahrheit in 17 Länder. Evangelikale verstehen sich als das "Salz in der Suppe" der Protestanten. "Das Christentum ist in weiten Strecken zur Opium-Religion verkommen", sagt Parzany. "Das merke ich immer dann, wenn es an die Veränderung des Lebens geht. Wir wollen bestätigt werden, wir wollen beruhigt werden, wir wollen getröstet werden."
Fundamentale Antworten im Namen der Bibel
Der Theologe und Journalist Uwe Birnstein sagt: "Durch diese Trennung zwischen den wahren Christen und den Taufscheinchristen, den lauen Christen, den Kirchenchristen, durch diese Trennung, die ein Herr Parzany mit "ProChrist" weiter vorantreibt, spalten sie die Kirche." Statt postmoderner Beliebigkeit, fundamentale Antworten im Namen der Bibel - gerade das zieht viele Menschen an. Auch Oliver Schalk. Er war Hooligan und Neonazi, bis er von einem Missionar bekehrt wurde und evangelikale Glaubenssätze übernahm. Er sagt: "Gehet hinaus in alle Welt und verkündet die frohe Botschaft. Jesus ist der Weg, nur Jesus allein ist der Weg, die Wahrheit und das Leben und nur durch Jesus selbst kommst du zu Gott. Ich sehe das für mich nicht als eine Pflichtoffensive oder als einen persönlichen Auftrag. Für mich ist das völlig klar, weil ich um mich herum Leute sehe, die ins Verlorene rennen."
Oda Lambrecht, Autorin
Das Gegenüber als Missionsobjekt - doch muss das, was man selbst für die absolute Wahrheit hält, auch für Andere gelten? Evangelikaler Missionseifer, sagen die beiden Autoren, Oda Lambrecht und Christian Baars, birgt Sprengstoff für unsere pluralistische Gesellschaft. In ihrem Buch "Mission Gottesreich" warnen sie vor christlichem Fundamentalismus in Deutschland. "Wir glauben, dass es in der Gesellschaft sehr problematisch ist, wenn andere Religionen abgelehnt werden", sagt Oda Lambrecht. "Weil wir es gerade in der Zeit, wo Integration ein wichtiges Thema ist, wo man friedlicher miteinander leben will, für sehr problematisch halten, wenn eine Gruppe sagt, dass ihnen Mission wichtiger als sozialer Frieden ist."
Die Massenmedien gut genutzt
Offensiv und sendungsbewusst - Evangelikale nutzen die Massenmedien. In Wetzlar produzieren sie mit dem Wochenmagazin "Idea Spektrum" ihre eigenen Schlagzeilen - und das für rund 100.000 Leser. Das Motto der medialen Mission: Gott wird’s schon richten. Helmut Matthies, Chefredakteur von "Idea Spektrum" und der "Idea Nachrichtenagentur", sagt: "Stellen Sie sich einmal vor, es gäbe das Jüngste Gericht nicht, dann würden Diktatoren Recht bekommen, ein Hitler, ein Stalin, ein Mao: Sie müssen sich alle für ihre unglaublichen Taten einmal verantworten."
Heilsversprechen gibt es nur für Bibeltreue. Wolfgang Baake, Beauftragter der "Evangelischen Allianz" am Sitz des Deutschen Bundestages, macht im politischen Berlin Lobby für rund 1,4 Millionen Evangelikale in Deutschland. Bei öffentlicher Kritik an der Bewegung schlägt er zurück. Gegen den Zeitgeist - für die christliche Leitkultur. "Dass Leute, die ganz klar den Atheismus prägen und favorisieren, nach vorne drängen, das ist klar und das ist eine Herausfoderung für uns Christen", so Baake. "Das ist eine ganz scharfe Anfrage an uns, was setzen wir dagegen?"
Die Kirchen bleiben leer
Klare Feindbilder: Das Gute kämpft gegen das Böse. Die Kirchen bleiben derweil leer. Ein Drittel weniger Mitglieder bis zum Jahr 2030 - so die Prognose. Die Spitze der evangelischen Kirche setzt deshalb auf ein geschärftes Profil: die Reihen geschlossen, glaubensfest und missionarisch. Vergangene Konflikte mit dogmatischen Evangelikalen haben sich scheinbar aufgelöst in Wohlgefallen.
Bischof Wolfgang Huber, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland, sagt: "Der Anspruch, sie alleine würden die Wahrheit des christlichen Glaubens aufrechterhalten, oder gerade sie alleine seien die richtigen Erben der Reformation, diese Ansprüche sind zurückgetreten. Man sieht deutlicher, dass in den Landeskirchen selbst auch ein Ringen um die Wahrheit des christlichen Glaubens lebendig ist. Auf diese Weise hat es von beiden Seiten, wenn man es so ausdrücken will, einen Wandel durch Annäherung gegeben. Das ist eine der verheißungsvollsten Entwicklungen, die es in unserer Kirche in den letzte zehn bis 20 Jahren gegeben hat."
"In diesem ganzen Weltmaßstab, der sich auch in Deutschland spiegelt, sind die Evangelikalen auf der Seite: Wir haben die Wahrheit gepachtet, wir stehen in der Wahrheit und ihr anderen nicht, und ihr habt euch uns gefälligst anzupassen", sagt der Theologe und Journalist Uwe Birnstein. "Mit dieser Einstellung kommt man nach der Erfahrung von 2000 Jahren Kirchengeschichte nicht weiter, sondern endet darin, dass man sich die Schädel blutig haut, mit Gott auf der Gürtelschnalle." Tom Haus hat zu spüren bekommen, was es bedeutet, sich nicht an diese Wahrheit anzupassen. Er ist noch heute gläubiger Christ. In der evangelikalen Ideologie aber sucht er keine Antworten mehr.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



Bischof Wolfgang Huber im Gespräch (Das Interview führte Cornelius Janzen)



Oda Lambrecht, Christian Baars:
"Mission Gottesreich"
Ch. Links 2009
ISBN-13: 978-3861535126



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07.04.2009 / Cornelius Janzen (Kulturzeit) / hs
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