Verdammt einsamer Held
Wie Raymond Chandler mit der Figur des Philip Marlowe den Krimi neu erfand
Raymond Chandler  © ap
"Sein Ehrenkodex ist fast aus dem Mittelalter. Diese Achtung vor Frauen, diese Mannhaftigkeit, Anstand, das sind alles Sachen, die die Ritter im Mittelalter als Eigenschaften hatten", so der Vorsitzende der Raymond Chandler-Gesellschaft William Adamson. Die Rede ist von Philip Marlowe: Prototyp und bis heute Vorbild des großstädtischen Privatdetektivs - sein Schöpfer: Raymond Chandler.
In Chicago geboren, wird er nach der Scheidung der Eltern in England erzogen. Die Werte der britischen "public school" werden die Figur des amerikanischen Tough-Guy Marlowe nachhaltig beeinflussen. In England beginnt Chandler zu schreiben. Seine frühen Artikel und Gedichte bleiben erfolglos - noch. Frustriert besteigt er den Dampfer nach Amerika. Sein beschwerlicher Weg führt den britischen Gentleman quer durch das Land nach Los Angeles. Im Land der Orangen muss er für ein paar Cent auf einer Aprikosenplantage schuften.
Cool und unbestechlich
Dann begegnet er Cissy, einer Pianistin. Sie wird die wichtigste Person in seinem Leben. Es ist die große Liebe, obwohl sie mit 48 Jahren 18 Jahre älter ist als Chandler. Sie heiraten. Auch beruflich geht es bergauf. Chandler heuert bei einer Ölgesellschaft an und steigt auf bis zum Vize-Präsidenten. Doch das eintönige Geschäft mit dem schwarzen Gold langweilt ihn. Immer öfter greift er zur Flasche. Es folgen Depressionen und versuchter Selbstmord. Ziellos reist Chandler umher, mehr denn je getrieben davon, zu schreiben. Er endeckt die Schundmagazine mit ihren Geschichten im "Hardboiled"-Stil: knapp, hart, realistisch. Begeistert von Autoren wie Dashiel Hammet schreibt er 1933 seine erste Kurzgeschichte. "The Big Sleep", sein erster Philip-Marlowe-Roman, wird sechs Jahre später sein großer Durchbruch, da ist Chandler 50 Jahre alt.
"Eine Stärke seines Romanwerks ist wirklich die Sprache", sagt Adamson. "Die Sprache ist wunderbar: Diese Metaphern und Gleichnisse, die er hat, die Poesie der Sprache ist fantastisch. Und das war auch sein Ziel. Er wollte den Kriminalroman auf eine ganz andere Ebene bringen, er wollte Literatur schreiben." Chandler erfindet das Wegwerf-Genre "Krimi" für die USA neu. Und Hollywood entdeckt den coolen, unbestechlichen Marlowe für sich. Es beginnt die große Zeit der schwarzen Serie, des "Film Noir". Trotz seiner geringen Körpergröße verkörpert Humphrey Bogart die Figur des Philip Marlowe in der Inszenierung "The Big Sleep" von Howard Hawks legendär. Wie die Romanfigur besticht Bogart durch seine Coolness und den Hauch Überheblichkeit, die selbst beim simplen Betreten eines Raumes den Zuschauer in seinen Bann zieht.
Eine unsterbliche Figur
Hollywood selbst ist zu dieser Zeit in der Krise: Krieg und Depression beeinflussen die Produktionen. Kalte Alpräume kommen ins Kino. Der "Film Noir" wird Ausdruck einer Weltsicht ohne Hoffnung und ohne Ausweg. Die Aussicht auf Geld lockt Chandler 1943 ins Filmgeschäft, für Paramount soll er Drehbücher schreiben, das heißt, im Team arbeiten. Eine Qual für den Einzelgänger Chandler. Die Zusammenarbeit mit Billy Wilder am Drehbuch zu "Double Indemnity" erweist sich als schwierig. Der Film aber wird ein Erfolg und Chandler nimmt weitere Aufträge an, doch nach sieben Jahren kehrt er Hollywood enttäuscht und frustriert den Rücken.
Die Welt des labilen Chandler zerbricht vollends, als seine Frau Cissy stirbt. Einsamkeit überflutet ihn über Jahre. Der Schriftsteller versinkt im Alkohol und versucht abermals, sich das Leben zu nehmen. In dieser Zeit macht er den harten Marlowe zum Romantiker, der sogar heiratet. Leser und Kritiker toben. Raymond Chandler stirbt einsam am 26. März 1959. Mit Philip Marlowe hat Chandler Literaturgeschichte geschrieben. Mit ihm betrat eine neue Figur die Krimibühne und hat sie verändert - bis heute. Es ist eine melancholische Figur - die des unbestechlichen und verdammt einsamen Privatdetektivs.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



"Farewell my Lovely"
von Raymond Chandler
Bertz + Fischer, 2008
ISBN-13: 978-3865055545

26.03.2009 / Martin Schöne (Kulturzeit) / tm
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