Porno, Drogen, rechte Parolen
Wie Jugendschutz bei "SchülerVZ" funktioniert
Schüler werden bei "SchülerVZ" Gefahrensituationen ausgesetzt  © dpa
Fünf Millionen Jugendliche treffen sich bei "SchülerVZ" vor dem Bildschirm. Sie stellen ihre Fotos in Netz, verabreden sich, suchen Freunde, im "geschützten Raum". Der "geschützte Raum" schützt aber keineswegs vor Mobbing, Gewaltfantasien und seelischer Verrohung - auch nicht vor Fremden, die dort nicht hingehören.
Vernetzte Kinderzimmer: Mona, Lena und Miriam sind zwölf Jahre alt. Sie sind in ihrer Welt, und die heißt "SchülerVZ". Jeder hat hier eine eigene Seite mit Fotos, Hobbys und einer Liste aller Freunde. Ganze Schulen und Schulklassen sind "drin". Zu dieser Welt haben Eltern keinen Zutritt, sie heißt ja schließlich "SchülerVZ". Bloß, was begegnet den Schülern, wenn sie in ihr Verzeichnis, in ihr VZ abtauchen - vorbei an Gruppen mit gleichen Interessen und Fotos - und zwei Klicks weiter?
Wir finden bei der Recherche in dieser Parallelwelt Propaganda für die Jugendorganisation der NPD, einen Klick weiter rechte Hassparolen gegen Ausländer, unzählige Sexbilder, Stellungskunde und Links zu Seiten mit Porno-Videos, detaillierte Drogenrezepte, kinderleicht nachgemacht, und natürlich Mobbing. All das auf einer Seite für Kinder ab zwölf Jahren. "SchülerVZ" gehört der renommierten Holtzbrinck-Verlagsgruppe, wie das "Handelsblatt", "Die Zeit", Rowohlt und der Fischer-Verlag. Jugendgefährdende Inhalte auf einer Schülerseite?
Pädagoge: Schüler werden Gefahrensituationen ausgesetzt
"Wir sind da mit Sicherheit nicht perfekt", sagt Markus Berger-de León, Geschäftsführer von "SchülerVZ". "Wir müssen schneller werden und auch bessere Mechanismen finden. Es handelt sich aber immer um Einzelfälle." Der Pädagoge Martin Wild glaubt allerdings: "Meiner Erfahrung nach können das keine Einzelfälle sein, weil mir dafür zu viele Schüler, zu viele Jugendliche davon berichten." Wild ist Anti-Gewalt-Trainer an etlichen Schulen. Er bekommt mehr mit als viele Eltern. Und "SchülerVZ" gehört mittlerweile zu seinem Standardrepertoire. "Auf 'SchülerVZ' beobachte ich", so Wild, "neben dieser tollen Möglichkeit zu kommunizieren, auch sehr schnell, dass Schüler Gefahrensituationen ausgesetzt werden. Seien es Gewalterfahrungen, die dort ausgetauscht werden, seien es sexuelle Handlungen, die dort angebahnt werden, wo Kinder und Jugendliche Kenntnis davon bekommen. Oder sei es, dass ich Kontakt zu Gruppen bekomme, zu denen ich wahrscheinlich sonst keinen Kontakt bekäme."
Man findet über "Schüler VZ" Infos über Handfeuerwaffen mit Stahlmunition. Damit kann man Menschen töten. Gibt es keine technischen Möglichkeiten, um eindeutige Begriffe wie "Handfeuerwaffe", "Porno" oder "Juden vergasen" auszusieben? Wir fragen auf der Computermesse "Cebit" nach und treffen einen Wissenschaftler, der sich auf Internetsicherheit und auf Filter spezialisiert hat. Markus Linnemann, IT-Sicherheitsexperte an der FH Gelsenkirchen, sagt: "Von der technischen Seite haben Sie ganz konkrete Möglichkeiten, um Inhalte zu kontrollieren. Sie können Wortfilter verwenden, wodurch bestimmte Wörter herausgefiltert werden. Sie können Bilder analysieren und schauen, ob in den Bildern komische Inhalte sind, die Sie genau definieren können. Und Sie können auch intelligente Filter verwenden, so wie bei Spam zum Beispiel, die lernen können, was kritisch ist, und das dann erkennen und anzeigen können."
"Wir benutzen heute überhaupt keine Filter"
Schüler sollen sich selbst kontrollieren  © dpa
Das klinisch saubere Netz wird es nicht geben. Aber offensichtlich rassistische oder Gewalt verherrlichende Schlagworte, das bestätigen uns auch andere Experten, kann man mit Filtern aussortieren. Zurück zu "Schüler VZ": welche Filter werden hier benutzt? "Wir benutzen heute überhaupt keine Filter", sagt Markus Berger-de León. "Und ich glaube auch nicht, dass technische Filter an der Stelle funktionieren können." Keine Filter, bei einer so sensiblen Zielgruppe? Bei "SchülerVZ" sollen die Kinder selbst auf sich aufpassen. Sie können die gefährlichen Seiten melden, dann werden sie gelöscht.
"Kinder sind ja genauso aktiv und in unserer Gesellschaft wie auch wir Erwachsene", so der Geschäftsführer von "SchülerVZ". "Das heißt, die Kinder müssen Ihnen dann melden, dass auf Ihrer Seite Hakenkreuze und Schlagringe auftauchen?", haken wir nach. Schüler, die sich selbst kontrollieren, sind sicherlich billiger als Filter, neue Server und mehr Personal. Kinder sehen sich gefährliche Inhalte an und sollen sie melden. So funktioniert Jugendschutz bei "SchülerVZ". Und dann entdecken wir auf "SchülerVZ" doch noch, was Filter und Suchprogramme leisten können. Wer sich etwa für Schlagringe interessiert, dem wird auch der passende Werbelink geliefert. Ein Klick und Kinder können den eigenen Schlagring bestellen - Werbung, mit der "SchülerVZ" Geld verdient.
"'SchülerVZ' ist hier hundertprozentig in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass solche Werbung nicht geschaltet wird", sagt der Medienrechtler Christian Franz. "Egal, ob das jetzt Drittangebote sind, die da in Anspruch genommen werden oder nicht. 'SchülerVZ' verdient sein Geld mit dieser Werbung. Die haben dafür Sorge zu tragen, dass da keine Rechtsverletzungen stattfinden." Halten wir fest: Keine Filter, Kinder als Netzpolizei, jugendgefährdende Inhalte. So kommen Pornobilder und Drogentipps direkt zum Schüler. Wer aber kontrolliert diese Plattform? Bundesfamilienministerin von der Leyen, gerne beim Thema Kinderpornografie aktiv, ist hier doch nicht zuständig. Ihr Ministerium verweist uns an die Kommission für Jugendmedienschutz. Die könne gegen Internetbetreiber Bußgelder verhängen. Aber auch sie sind nicht zuständig.
Ein rechtsfreier Raum und niemand ist zuständig
Wolf-Dieter Ring von der Kommission für Jugendmedienschutz sagt: "Gerade bei 'SchülerVZ' zeigt sich das auch, jeden Tag sind es Tausende von neuen Teilnehmern an dieser Plattform. Da haben Sie nur eine begrenzte Möglichkeit. Deswegen ist es eine gesellschaftliche Aufgabe. Deswegen bin ich auch dankbar, wenn Medien diese Themen aufgreifen und eine Verpflichtung auch von Eltern, Lehrern und möglicherweise, wie ich es jetzt gesagt habe, des Gesetzgebers einfordern." Ein rechtsfreier Raum und niemand ist zuständig für diese Parallelwelt im Kinderzimmer. Den Betreibern ist Jugendschutz offenbar zu aufwändig.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr

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19.03.2009 / Isabel Schayani, Nina Magoley und Caroline Rollinger ("Monitor", WDR) / yg
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