Deutsche Djihadisten
Islamseminare in Deutschland stacheln den Hass gegen den Westen an
Dieser mutmaßlichen Terrorist nennt sich selbst "Abu Talha, der Deutsche"  © ap
Seit mehreren Monaten kursieren immer mehr islamistische Droh-Videos auf Deutsch. Immer mehr Deutsche befinden sich im sogenannten Heiligen Krieg, im Djihad. Mehr als 100 Djihadisten sollen es inzwischen sein. Es sind junge Menschen, die in Deutschland aufgewachsen sind. Sie sind verblendet von ihrem Hass auf den Westen - auf alles, was nicht muslimisch ist. Woher kommt dieser Hass? Wo und wie wird er gelehrt?
Einer, der darüber Auskunft geben kann, ist Barino Barsoum. Mit 18 Jahren wird er Moslem. Fünf Jahre lang ist er intensiv dabei, stellt aber zunehmend fest: Viele radikale Praktiken des Islam sind mit seinen Werten nicht vereinbar. Deshalb wendet er sich ab. Er hat an unzähligen Islamseminaren teilgenommen. "Aus diesen Seminaren kommt man gehirngewaschen heraus", sagt Barsoum. "Man hat immer nur einen Punkt eingebläut bekommen, immer wieder: Das einzige Gesetz, dem man gehorchen darf, ist der Koran und ist die Tradition des Propheten Mohammed. Alles, was gegen den Koran und gegen die Tradition des Propheten Mohammed ist, ist abzuweisen, und hat für uns keine Bedeutung."
Gesetze wie vor 1300 Jahren
Einem Moslem sei es verboten, so schildert der Aussteiger Barsoum, Christen oder Juden als Freunde zu haben. Mädchen dürften nicht am Schwimmunterricht und nicht an Klassenfahrten teilnehmen. Solche Regeln würden den Teilnehmern von Islamseminaren wieder und wieder eingetrichtert. Doch die Fanatisierung gehe noch weiter. "Ich habe Freunde gehabt, die haben Jobs gekündigt, weil sie nicht beten durften in den entsprechenden Zeiten", so Barsoum. "Sie haben sich selbst abgeschottet von der Gesellschaft. Sie haben gesagt, ich passe mich auf keinen Fall an. Entweder akzeptiert die Gesellschaft meinen Lebensweg oder nicht. Wenn, dann muss die Anpassung von der anderen Seite kommen."
Während eines Islamseminars lebt man nach islamischen Gesetzen wie vor 1300 Jahren, in der Tradition des Propheten. Die Islamseminare haben großen Zulauf, manchmal sind es bis zu 500 Teilnehmer. Gegen zehn Verantwortliche dieser Veranstaltungen, Organisatoren und Prediger, wird ermittelt. "Die Staatsanwaltschaft München I ermittelt gegen zehn Personen wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung", sagt Oberstaatsanwalt Anton E. Winkler. "Es besteht der Verdacht der Verbreitung volksverhetzender Schriften, zum anderen der Verdacht zur Anwerbung zu fremdem Wehrdienst und nicht zuletzt zur Radikalisierung von Menschen, angefangen von der Missionierung, bis hin zu djihadistischen Tätigkeiten."
"Abtrünnige hinrichten"
Unter den Beschuldigten ist auch der Prediger Mohammad B. aus Bonn. Mohammad B. ist einer der ideologischen Scharfmacher. Aus dem Arabischen hat er die Schrift, die unter anderem Grundlage der Seminare ist, ins Deutsche übersetzt. Verbreitet wird sie über einen islamistischen Verlag. Darin heißt es zum Beispiel: Wenn ein Moslem behauptet eine andere Religion als die des Islam sei möglich, dann ist er ein "Ungläubiger". Er muss das "bereuen". Tut er dies nicht, "muss er als ein Abtrünniger hingerichtet werden".
Werden Teilnehmer solcher Islamseminare fanatischer, radikaler, gewaltbereiter? "Sie werden darauf getrimmt, nichts anderes an sich heranzulassen als die islamischen Glaubensquellen", sagt der ehemalige Moslem Barino Barsoum. "Dass man nichts Anderes an sich heranlässt, außer genau diese Quellen, den Koran und die Tradition des Propheten und die Schriften der Gelehrten darüber, führt zwangsläufig zu einer Radikalisierung und zur Legitimation von Gewalt." Auch das Bundesamt für Verfassungschutz ist dieser Ansicht. "Es ist der Missbrauch dieser Religion für politische Zwecke, und das findet eben, nach dem was wir sehen, auch in solchen Islamseminaren statt", so der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz Heinz Fromm. "Und es gibt eine Reihe von Protagonisten, die die Gelegenheit nutzen, um den einen oder anderen zu radikalisieren und womöglich auch für terroristische Aktionen zu rekrutieren."
Das ist längst geschehen: Cüneyt Ciftci ist der erste deutsche Selbstmordattentäter in Afghanistan. Sein Sprengstoffanschlag 2008 auf einen Nato-Stützpunkt kostete vier Menschen das Leben. Ciftci ist auf Islamseminaren genauso radikalisiert worden wie die mutmaßlichen Terroristen der Sauerland-Zelle. Und der Djihadist Bekay Harrach hat dort sogar Vorträge bei Veranstaltungen gehalten. Er wartet nur darauf zu morden - in Deutschland.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



Der unheilige Krieg - Geschichte und Realität des Dschihad in Europa

19.03.2009 / Ulrich Neumann, Fritz Schmaldienst und Markus Frenzel ("Report Mainz", SWR) / yg
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