Goethe in Sibirien
Deutsche Kulturarbeit gibt es jetzt auch in Nowosibirsk
Der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann, in einer Schule in Nowosibirsk
Nach Moskau und St. Petersburg wird das Goethe-Institut künftig auch im asiatischen Teil Russlands in Nowosibirsk tätig sein. In der sibirischen Metropole eröffnete der Präsident des Goethe-Instituts, Klaus-Dieter Lehmann, am 13. März 2009 eine Niederlassung. Von Nowosibirsk aus soll die neue Filiale den Kulturaustausch zwischen Deutschland und Sibirien sowie dem fernen Osten Russlands koordinieren und den Deutschunterricht in der Region unterstützen.
Eisig kalt und ganz weit weg, beinahe hinter dem Mond, weit hinter dem Ural auf jeden Fall: Das Sibirien im Kopf ist ein Subkontinent frostiger Verbannung. Wer, der nicht gerade nach Öl oder Erdgas sucht, will hier schon freiwillig hin? Man staune: Nowosibirsk ist die drittgrößte Stadt Russlands. Der strenge Charme der untergegangenen Sowjetunion ist noch allgegenwärtig. Prunkstück ist das gewaltige Opernhaus. Es zählt zu den größten der Welt. Am 14. März 2009 waren alle 2100 Plätze ausverkauft. Der Deutsche Frank Strobel dirigierte ein russisches Stummfilm-Orchester. Auf der Leinwand wurde zu Prokofjews Noten "Romeo und Julia" getanzt, dem malerischen Liebestod entgegen. Und doch war es ein freudiger Abend, der finale Akt war gleichsam Ouvertüre: Die Geburtsstunde eines neuen Goethe-Instituts - ausgerechnet hier, in Nowosibirsk.
Viel Platz für Sprachunterricht und fantasievolle Kulturarbeit
Drei Schülerinnen finden Deutschland toll
"Ich muss sagen, Nowosibirsk war unser Wunschort", sagte Klaus-Dieter Lehmann. Was hat den ehrwürdigen Verein, den Repräsentanten deutscher Kultur und deutscher Sprache, geritten? Nowosibirsk? Haben wir, gerade in Zeiten der Krise, nicht dringlichere Probleme beim interkulturellen Dialog? Vorsicht! Nowosibirsk, 5000 Kilometer östlich von Deutschland, Zentralstation der Transsibirischen Eisenbahn, ist ein letzter Knotenpunkt, bevor es endgültig in die Ferne geht. Sibirien reicht im Norden bis zum Arktischen Ozean, im Osten bis zum Pazifik. Da gibt es viel Platz, für Sprachunterricht und erst recht für fantasievolle Kulturarbeit. "Man kann Russland ohne Sibirien nicht denken", so Lehmann. Wir haben auch immer versucht, Russland von Moskau und St. Petersburg aus zu versorgen. Wir haben Lesesäle hier und Sprachzentren. Doch die Entfernung, 9000 Kilometer, ist nicht einfach zu überwinden."
Die Schul-Aula rappt. Die Goethe-Leute haben das Gymnasium Nummer Drei am Rande der Stadt zur Partnerschule ausgewählt. Jetzt ist die Schule Teil eines weltweiten Netzwerks. Hier wird das Deutsche groß geschrieben. Präsident Lehmann ist noch immer in Eröffnungslaune. Erste Eindrücke: "Mich interessiert die Deutsche Geschichte, der deutsche Kaiser vor allem - Wilhelm I.", sagt ein Schüler. "Ich möchte die deutsche Sprache lernen und später mit Deutschland zusammenarbeiten." Und eine Schülerin findet: "In Deutschland gibt es schöne Menschen, die machen was her, was den Stil angeht." Und ihre Freundin gibt zu: "Nun ja, in Russland ist vor allem das Äußere wichtig. In Deutschland ist das alles irgendwie lockerer, bequemer - das gefällt uns."
Die Zeiten der Schließungen von Instituten scheint vorbei
Der Kaiser, die Klamotten: Es sind bisweilen kuriose Bilder, die sich hier, weit im Osten, mit den Deutschen verbinden. Da kann ein klein wenig Präzisierung nicht schaden. Aber nun gibt es ja ein Goethe-Institut. Ein Gründungsbüro zumindest, das schon bald wachsen soll. Und das ist wieder einmal ein Grund, um zu feiern - heitere Trendwende. Die Zeiten, da Goethe schrumpfte, Institute geschlossen wurden, scheinen erst einmal vorbei. "Dass wir ein Goethe-Institut gründen können, kommt in der letzten Zeit nicht so oft vor", sagt Julia Hanske, die Institutsleiterin in Nowosibirsk. "Das ist eine große Chance für jemanden, der noch nicht lange am Goethe-Institut ist, eine wunderbare Gelegenheit, mitzubekommen, wie man ein Goethe-Institut aufbaut."
Fotograf Andreas Herzau hat in Nowosibirsk gearbeitet
Ein erstes Projekt fand vor vier Wochen statt. Im Herbst 2008 hat sich einer der besten deutschen Städte-Fotografen die Metropole an der Ob erlaufen. Jetzt stellt Andreas Herzau anlässlich der Instituts-Eröffnung seine eindrücklichsten Momentaufnahmen vor Ort zur Diskussion. Herzau berichtet: "Ich habe entdeckt, dass man hier atmosphärisch das alte und das neue Russland erleben kann." Er hat aus seinen Erlebnissen eine kleine Multimedia-Schau gemacht. Sollen die Menschen, die hier leben, seine Bilder doch mit ihren eigenen Eindrücken vergleichen. So könnte der Dialog beginnen. Und der ist gewollt, so Johannes Ebert, Goethe-Bereichsleiter von Russland: "Ein sehr erfolgsreiches Modell waren Schriftsteller- und Künstler-Residenzen, die wir hatten. Deutsche Künstler, die sich mit der russischen Kultur auseinandergesetzt haben. Das war eine spannende Geschichte."
Deutsch-russisches Bloggertreffen
Das klingt freundlich, aber gibt es denn bei Goethe in Nowosibirsk gar keinen auch politisch akzentuierten Dialog? Es gibt ihn, jedenfalls am Rande. Das deutsch-russische Bloggertreffen war noch so ein Event zur Eröffnung. Ein Forum für Nachdenklichkeiten, auch über die in Russland allgegenwärtige Zensur. "Blogs sind die vermutlich freiesten Zonen in ganz Russland, zumindest wenn man es mit dem Fernsehen vergleicht", sagt ein Blogger. "In Blogs kann man deutlich mehr sagen als vor einer Fernseh-Kamera", so eine Kollegin. "Das ist eine Chance. Aber auch ein Blogger kann hierzulande unter Umständen seine Arbeit verlieren, wenn er etwas Unliebsames schreibt."
Als gelegentlich unbequeme Gäste, so wie die freigeistigen Blogger, könnten sich vielleicht auch Goethes sibirische Statthalter verstehen - als angstfreie Kommunikatoren, die ausloten, was möglich ist, 3000 Kilometer östlich von Putins Moskau. Die Vorstellung hat etwas: das Goethe-Institut Novosibirsk als frostige Oase, dicht bei den Menschen - und doch beinah am Ende der Welt.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



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17.03.2009 / Tilman Jens für Kulturzeit / tm
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