"Ich glaube nicht an Glück"
Murat Kurnaz engagiert sich für unschuldige Guantanamo-Häftlinge
In Guantanamo gefoltert: Murat Kurnaz
Seit Monaten reist Murat Kurnaz durch Europa und wirbt für die Aufnahme seiner für unschuldig erklärten Leidensgenossen in Guantanamo. 2006 dort entlassen, blieb Murat Kurnaz bei uns als eine Art El-Kaida-Jeti im öffentlichen Gedächtnis. Als würde das Asylrecht sympathischen, nicht aber verfolgten Menschen gelten. Nina Gladitz hat mit Murat Kurnaz über sein Engagement für Guantanamo-Häftlinge gesprochen.
US-Präsident Barack Obamas Anweisung, Guantanamo zu schließen, hat für Murat Kurnaz den bitteren Beigeschmack, dass die Schließung nicht sofort vollzogen wird, dass zu viel Zeit verloren wird. "Nur leider hat er [Obama] auch erzählt, nachdem er zum Präsidenten gewählt wurde, dass es nicht einfach sein und lange Zeit dauern wird", so Kurnaz. "Wir reden hier von Menschen, die in Folterhaft sitzen, bereits mehr als sieben Jahre. Und er erzählt von einem Jahr. Das heißt, falls Guantanamo geschlossen wird, werden diese Menschen entlassen nach mehr als acht Jahren Folter." Falls es noch Leute auf Guantanamo gebe, so Kurnaz, "die ihre Gesundheit behalten konnten, denen es noch gut geht, physisch oder psychisch. Es ist gut möglich, dass in diesem Jahr noch viele Menschen verloren gehen. Jeder einzelne Tag könnte zuviel sein und man müsste sich dafür einsetzen, dass sie so schnell wie möglich schließen."
Soldaten bitten öffentlich um Verzeihung
Im Internet häufen sich die Berichte von ehemaligen Soldaten, die Dienst in Guantanamo taten. Getrieben vom schlechten Gewissen, an den Gräueltaten beteiligt gewesen zu sein, bitten sie öffentlich um Verzeihung. Ihre Berichte bestätigen Folterszenen wie sie auch Murat Kurnaz in seinem Buch "Fünf Jahre meines Lebens" beschreibt: "An einem Balken war ein Haken angebracht, wie in einer Fleischerei", heißt es da. "Ich weiß, sie werden mich jetzt hier hängen lassen, bis ich es nicht mehr aushalte. Nach einer Weile scheinen die Handschellen direkt in die Knochen zu schneiden. Die Schultern fühlen sich an, als reiße jemand unablässig an meinen Armen. Als sie mich dann von hinten aufhängen, fühlt es sich an, als ob meine Schultern brechen. Sie binden meine Hände hinter meinem Rücken und ziehen mich herauf. Ich weiß jetzt, man kann sehr schnell sterben dabei, der Körper hält das nicht aus."
Fünf Tage und fünf Nächte war Murat Kurnaz so aufgehängt. Was hat das alles mit ihm gemacht? Welche persönlichen Fragen kann man so einem Mann stellen? Und was ist nach der Rückkehr aus der Hölle wirklich noch wichtig im Leben? "Es ist wichtig, ein faires, ein gerechtes Leben zu führen", sagt er. "Das ist das Wichtigste im Leben." In seinem Buch schreibt Kurnaz: "Ich bekam immer weniger Luft, je mehr sie mich in den Bauch schlugen und je öfter sie mich untertauchten. Und ich spürte, wie mein Herz raste. Sie hörten nicht auf. Als sie mich wieder untertauchten und in den Bauch schlugen, glaubte ich, unter Wasser zu schreien." Kann man nach solcher Barbarei überhaupt noch an etwas glauben? Zum Beispiel an die Liebe? "Liebe ist, wenn man den - oder diejenige - respektiert", sagt Kurnaz, "und immer für ihn oder sie da ist - in guten oder schlechten Zeiten."
Toilettenpapier mit Pfefferspray
Für Respekt oder gar Menschenliebe gibt es keinen Platz in einem solchen Lager. Seit Obamas Amtsantritt hat sich die Lage in Guantanamo sogar noch verschlechtert, heißt es in Berichten von Anwälten. Diesmal nicht von oben angeordnet, quälten die Soldaten die Häftlinge, solange das Lager noch existiert. So lange es noch geht, würden Arme und Knie ausgekugelt, Toilettenpapier mit Pfefferspray für Häftlinge mit Hämorrhoiden besprüht und die Gefangenen nach Anwaltsbesuchen derart verprügelt, dass sie flehen würden, nicht mehr besucht zu werden.
Kann man da verzeihen? "Natürlich gibt es Menschen, denen ich verzeihen kann und denen ich auch bereits verziehen habe", sagt Kurnaz. "Nur ich kann solchen Menschen nicht verzeihen, die das, was sie getan haben, nicht bereuen und immer noch dazu stehen, obwohl sie wissen, sie haben einen Fehler begangen. Und in Zukunft würden sie es genauso tun." Es war der damalige Kanzleramtsminister Frank Walter Steinmeier, der die Rückkehr von Kurnaz nach Deutschland verhinderte, obwohl ihn die US-Amerikaner los werden wollten. Kurnaz blieb deshalb noch drei weitere Jahre in Guantanamo. Auch deutsche Intellektuelle haben sich der Solidarität enthalten. Anders Patti Smith, die für Kurnaz einen Song und das Vorwort zur englischen Ausgabe seines Buches geschrieben hat - und John le Carré, dessen neuester Romanheld an das Schicksal von Murat Kurnaz erinnert.
Kurnaz: Ich habe keine psychische Hilfe benötigt
"Ich habe keine psychischen Probleme", sagt Kurnaz, "habe ich auch nie gehabt. Daher habe ich auch keine Hilfe benötigt. Ich bin einer der wenigen, die das gut überlebt haben. Menschen, die auf dieser Welt leben, haben einfach das Recht, zu erfahren, was ihre Politiker, die von ihnen gewählt worden sind, alles anrichten, hinter den Kulissen. Mir ist egal, was die Leute über mein Buch denken. Es ist mir auch total egal, ob sich mein Buch gut verkauft, oder nicht. Nur, es ist gut zu wissen. Wer möchte, kann wissen. Das ist für mich wichtig. Und das habe ich auch sehr gut erreicht."
Murats Auftritt auf dem roten Teppich der Berlinale hatte mit einem kurzen Film seines Landsmanns Fatih Akin zu tun. Es war ein wichtiger, ein symbolischer Akt, der auch seine Mutter ehrt, die ihn freigekämpft hat. Damit ist er endlich da gelandet, wo er hingehört: in der Mitte unserer Kultur und als Teil von ihr. "Ich bin ein Mensch, der nicht an Glück glaubt", sagt Kurnaz. "Das ist ein Teil des Lebens. Es gibt gute und schlechte Dinge, die man erlebt und durchmacht im Leben. Das ist für mich Schicksal." Diese uneitle Überzeugung hat Murat Kurnaz geholfen, zu überleben.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr


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Murat Kurnaz:
"Fünf Jahre meines Lebens: Ein Bericht aus Guantanamo"
Rowohlt 2007
ISBN: ISBN-13: 978-3871345890

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16.03.2009 / Nina Gladitz für Kulturzeit / hs
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