Späte Rehabilitierung
Die Urteile gegen die Schweizer Spanienkämpfer werden offiziell aufgehoben
Klara Thalmann kämpfte als einzige Schweizerin an der Front
Die Schweizer Spanienkämpfer, die im Spanischen Bürgerkrieg in den Internationalen Brigaden gegen Franco und den Faschismus gekämpft haben, sollen offiziell rehabilitiert und die Gerichtsurteile aufgehoben werden. Nach dem Nationalrat hat am 12. März 2009 auch der Ständerat einem Gesetz zugestimmt, das die damaligen Urteile und Entscheide gegen die Spanienkämpfer aufhebt. Doch nur ganz wenige der ehemaligen Spanienkämpfer können das noch erleben. "Kulturzeit" hat sich auf die Spuren einer solchen Spanienkämpferin gemacht: Klara Thalmann.
Im Spanischen Bürgerkrieg gab es um 1937 blutige Grabenkämpfe. In den republikanischen Truppen kämpften auch viele Frauen, darunter Klara Thalmann aus Basel. Für einen Deutschen Dokumentarfilm kehrte Klara Thalmann 1984, drei Jahre vor ihrem Tod, nach Spanien zurück. Sie zeigt die Stelle, an der die Gräben lagen, und berichtet: "Hier konnte man nicht aufrecht stehen. Die hatten viele Maschinengewehre", berichtet sie. Thalmann war Mitglied der anarchistischen Durutti-Kolonnen, die an der Aragon Front vor Zaragoza lagen. "Einmal war es sehr heiß", berichtet sie, "und wir haben versucht, ins Wasser zu tauchen. Da haben sie angefangen zu schießen wie die Verrückten - das war sehr gefährlich."
Zu zehn Monaten Gefängnis in der Schweiz verurteilt
Klara Thalmann 1984  © DVD "Die lange Hoffnung"
Als einzige Schweizerin kämpfte Klara Thalmann mit dem Gewehr in der Hand, als einzige Frau wurde sie dafür in ihrer Heimat zu zehn Monaten Gefängnis verurteilt. Helen Moser, die 88-jährige jüngste Schwester von Klara Thalmann zeigt uns Fotos von ihrer Schwester und berichtet: "Sie war eine sehr lebendige Person und ich mochte sie sehr. In Basel gab es sehr viele Leute, die der Spanischen Republik beim Aufbau ihrer Demokratie helfen wollten. Das ist auch ein Grundgedanke der Schweiz - demokratisch zu leben."
Klara Thalmann Ensner wuchs als eines von zehn Kindern in Basel auf. Sie jobbte als Fabrikarbeiterin und Serviererin. Klara war Trotzkistin und wurde früh aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. Als gute Schwimmerin fuhr sie 1936 zur Arbeiter-Olympiade nach Barcelona, einer Gegenveranstaltung zu den Olympischen Spielen im faschistischen Deutschland. Einen Tag vor Beginn der Wettkämpfe putschten die Spanischen Generäle unter Franco gegen die demokratisch gewählte Regierung. Klara Thalmann entschloss sich zusammen mit ihrem Mann Paul, einem Journalisten, gegen den Faschismus zu kämpfen - mit der Waffe in der Hand. Für die Schweizerin war das eine ganz pragmatische Entscheidung. "Sie haben mir zwar geraten, ich solle doch im Büro oder als Krankenschwester arbeiten", sagt sie im Dokumentarfilm von 1984. "Das wollte ich aber nicht. Ich wollte mit an die Front. Warum? Weil ich schießen konnte."
28 Frauen aus der Schweiz gingen nach Spanien
Ralph Hug
Der St. Galler Publizist Ralph Hug hat die Rolle der Schweizerinnen im Spanischen Bürgerkrieg neu ins Bewusstsein gebracht. Im Nachlass eines Spanienkämpfers stieß er auf Fotos von Klara Thalmann unter Soldaten an der Front. Von den 780 Spanienkämpfern, die aus der Schweiz nach Spanien gingen, seien 28 Frauen gewesen, soweit er das habe feststellen können, sagt Hug. "Das sind ungefähr vier Prozent. Bei den Frauen ist es wie bei den Männern: Sie kommen aus denselben Schichten. Es waren eher Leute aus proletarischem Hause, aus der Arbeiterbewegung und durchwegs auch Frauen, die in einem linken oder gewerkschaftlichen Milieu groß geworden sind."
Thalmann stand in Spanien den anarchistischen Gewerkschaften nahe. Diese verknüpften die politische Revolution mit einer gesellschaftlich egalitären. Ihre Ziele waren keine Hierarchien, eine Kollektivierung der Landwirtschaft und die Gleichberechtigung unter den Geschlechtern. "Die Arbeit auf der Kollektive war viel lustiger und nicht so schwer, weil alle zusammengearbeitet haben", berichtet Thalmann im Film. "Dann stießen allmählich immer mehr Bauern dazu. Sie waren freier und fanden es lustiger."
Klara und ihr Mann Paul Thalmann
Das utopische Modell einer basisdemokratischen Revolution von unten ließ sich nicht lange halten. Bald übernahmen die Kommunisten das Kommando. Ihr Ziel war eine klassisch hierarchisierte Volksarmee. Auch in der Geschlechterfrage kam es zu einem Rückschritt. Die Frauen wurden von der Front zurück in Spitäler und Küchen befohlen. Ralph Hug berichtet: "Klara Thalmann hat sicher negativ darauf reagiert. Das kann man sich lebhaft vorstellen. Sie war lange Zeit die einzige Frau an der Front, die trotz des Verbots noch in den Stellungen blieb. Aber später musste auch sie nach Barcelona zurückgehen."
Blutige Flügelkämpfe
Innerhalb der heterogenen Antifaschistischen Truppen begannen blutige Flügelkämpfe. Die orthodoxen Kommunisten setzten sich schließlich gegen die Anarchisten durch. Es kam zu Säuberungen. Auch Klara und Paul Thalmann wurden von der stalinistischen Geheimpolizei verhaftet und wochenlang einzeln verhört. Um ihren Mann über den Inhalt der Verhöre zu informieren, sang Klara in der Zelle umgetextete Schweizer Volkslieder.
Mit viel Glück überstanden die Thalmanns die stalinistischen Schauprozesse unversehrt. Danach setzten sie sich nach Frankreich ab und gründeten nach dem Krieg in Nizza eine Kommune. Sie bauten Gemüse und Blumen an und belieferten unter anderem den Lebensmittelgrossisten Coop in Basel mit frischen Nelken. In die Schweiz zurückkehren wollten sie nie. Wie würde Klara Thalmann auf die späte Rehabilitierung ihres Engagements in Spanien reagieren? Ihre Schwester meint, dass sie sich gefreut hätte. "'Endlich' hätte sie gesagt. Das wäre ihr sicher nicht egal gewesen. Dieses Zugeständnis hätte sie gerne entgegengenommen."
Ralph Hug glaubt dagegen, dass es ihr egal gewesen wäre, "weil sie überzeugt war, das Richtige getan zu haben. Und sie war überzeugt, dass sie keine staatliche Anerkennung für ihr Tun brauchen würde". Klara Thalmann starb 1987 in Nizza. Auf ihrer Todesanzeige stand ein Satz: "Jetzt werde ich die Revolution im Himmel machen".

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



Peter Huber:
"Die Schweizer Spanienfreiwilligen: Biografisches Handbuch"
Rotpunkt Verlag 2009
ISBN-13: 978-3858693907


"Die lange Hoffnung"
(Dokumentarfilm)
BRD 1984
Medienwerkstatt Freiburg
erhältlich als DVD unter "www.medienwerkstatt-freiburg.de"


Medienwerkstatt Freiburg(Hrsg.):
"Die lange Hoffnung: Erinnerungen an ein anderes Spanien mit Clara Thalmann und Augustin Souchy"
Trotzdem Verlag 1985
ISBN 978-3-922209-54-6

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12.03.2009 / Daniel von Aarburg für Kulturzeit / hs
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