Schreckensbilder im Internet
Mit KZ-Opfer-Fotos wird schwunghafter Handel betrieben
Bilder aus dem Warschauer Ghetto (hier Agenturmaterial):
Private Fotos von damals werden heute oft übers Internet zum Verkauf angeboten  © dpa
Die Auktionsplattform "Ebay" hat wiederholt für Schlagzeilen gesorgt: mit Angeboten, die Moral und Menschenwürde verletzen. Zurzeit blüht der Handel mit privaten Fotos aus dem Zweiten Weltkrieg. Aufnahmen von KZ-Opfern, gedemütigten Juden und Roma aus den ehemaligen Ostgebieten werden besonders teuer gehandelt.
Die Bilder stammen aus dem Nachlass deutscher Wehrmachtssoldaten. Das vermutet zumindest der österreichische Schriftsteller und Osteuropa-Experte Martin Pollack. Bei Recherchen zu einem Buch war er auf die Fotos gestoßen. Auf den Aufnahmen sind jüdische Frauen zu sehen, die in Polen zur Zwangsarbeit geführt werden, halbnackte Roma-Mädchen in Ungarn, bettelnde Kinder, Männer und Frauen in polnischen Ghettos.
Für das Jüdische Museum Warschau hat der Historiker Jan Jagielski eine Reihe von Ghetto-Fotos erworben. "Die Fotografen waren Wehrmachtssoldaten, die entweder von der Ostfront nach Deutschland in den Urlaub fuhren oder über einen längeren Zeitraum in Polen stationiert waren", berichtet Jagielski. "Sie besuchten auch das Ghetto. Das fanden sie exotisch, wie eine Safari. Inspiriert waren sie von der antijüdischen Propaganda und glaubten, dass die Juden anders sind, ekelhaft, meistens schmutzig, abgemagert, ausgehungert. Und beim Ghettobesuch haben sie das auf ihren Fotos festgehalten und mit nach Hause genommen, um es ihrer Familie zu zeigen. Man sieht die Augen der Menschen, die fotografiert wurden, und erkennt darin die Angst."
Der Reiz des realen Schreckens
"Was ich so gespenstisch finde bei dem Ganzen, ist, dass ich weiß, oder wissen müsste, was mit den Menschen kurze Zeit später passiert ist", sagt Martin Pollack. "Denn in dem Moment, wo ich Juden zeige im Ghetto von Lublin, im Ghetto von Warschau, Juden in einer Situation in Polen 1941, 1942, weiß ich: Diese Menschen sind mit größter Wahrscheinlichkeit umgebracht worden, sind vergast worden, sind erschossen worden, erschlagen worden. Genau darauf zielen ja die Leute ab. Darauf wird hingewiesen. Wir haben es hier mit echten, wahren Opfern zu tun. Diese Menschen sind umgebracht worden."
Dass gerade die Authentizität der Bilder den Preis nach oben treibt, weiß auch Lars Rebhan, der mit solchen Fotografien handelt. "Ghettoaufnahmen", sagt er, "würde ich daran erkennen, wenn die Leute mit Stern herumlaufen oder mit den Armbinden. Und das ist wirklich sehr selten. Wenn so etwas fotografiert worden ist, dann ist das Bild auch viel wert." Auch die Texte, mit denen die Händler die Fotografien zum Verkauf anbieten, zeugen von erschreckender Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Abgebildeten. Martin Pollack erklärt: "Was ich auf jeden Fall Ebay vorzuwerfen habe, ist, dass es überhaupt keine Kontrolle gibt, mit welchen Texten diese Fotos ins Internet gestellt werden."
Und wer sind die Käufer? Die bei Ebay garantierte Anonymität lässt nur Spekulationen zu. Museen und öffentliche Sammlungen kommen in Frage. Für sie aber sind Einzelfotos, aus dem Zusammenhang gerissen, in der Regel wertlos. So also liegt die Vermutung nahe, dass die Bieter und Käufer überwiegend Privatpersonen sind - im besten Falle geleitet von historischem Interesse, vielleicht aber auch getrieben von einer zynischen Lust am realen Schrecken.

Kulturzeit: montag bis freitags, um 19.20 Uhr



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20.02.2009 / ("ttt"/WDR) / se
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