Die Kunst des Überlebens
Kambodschas Künstler rebellieren gegen das Schweigen
Gefangene kommen im S21 an - ein Bild von Vann Nath
Nach jahrzehntelangem Tauziehen und unter Druck der Uno beginnen am 17. Februar 2009 in Phnom Penh die Prozesse gegen die überlebenden Führer der Roten Khmer. Im Windschatten der Prozesse mehren sich die Stimmen, die endlich mit der Aufarbeitung der Vergangenheit beginnen wollen. Die stärksten Impulse kommen aus der Kulturszene. "Art Of Survival" heißt eine Ausstellung, in der sich kambodschanische Künstler mit der Vergangenheit auseinandersetzen.
Die Schau ist eine künstlerische Auseinandersetzung mit den Völkermord der Roten Khmer. Ein heikles Thema in Kambodscha - auch 30 Jahre nach Pol Pot. Ein Bild zeigt eine Gruppe von Gefangene bei der Ankunft im S21, dem berüchtigten Foltergefängnis in Phnom Penh. Kambodschas berühmtester Künstler, Vann Nath, hat es gemalt. Es stellt seine eigene Inhaftierung am 7. Januar 1978 dar, seinem 32 Geburtstag.
Vann Nath
Warum die Roten Khmer ihn einsperrten, weiß er bis heute nicht. Der Künstler war einer von 17.000 Gefangenen im S21. Und er ist einer von nur sieben Menschen, die dort Folter und Hunger überlebt haben. "Das Malen hat die Erinnerung an die Zeit im Gefängnis erträglicher gemacht", sagt Vann Nath. Die Erinnerung an die Höllenqualen, die ich damals erlitten habe. Ich habe so viele Menschen sterben gesehen. Für sie habe ich diese Bilder gemalt. Ich habe mir damals geschworen, wenn ich hier herauskomme, dann lasse ich alle Menschen wissen, was hier passiert ist."
Bilder von unmenschlichen Qualen
Nach der Befreiung durch die Vietnamesen begann Vann Nath, Bilder von unmenschlicher Folter und Quälerei zu malen. Sie hängen heute in dem ehemaligen Gefängnis. Doch kaum ein Kambodschaner schaut sie sich an. Dem Maler wurde vorgeworfen, zu übertreiben. Für westliche Touristen ist das S21 heute eine gruselige Attraktion. Kambodschaner hingegen machen nach wie vor einen großen Bogen um diesen Ort.
Die Ausstellung "Art of Survival" (Anklicken zum Vergrößern)
Dass nun eine private Galerie in Phnom Penh Bilder von Vann Nath zeigt, ist eine kleine Sensation. Zusammen mit Werken von elf weiteren kambodschanischen Malern thematisiert die Ausstellung "Art Of Survival" offen den Völkermord. Ein Tabubruch, organisiert von einem gebürtigen Hamburger: Nico Mesterharm, dem Kurator der Ausstellung. Er erklärt: "Die Idee der Ausstellung ist, die Geschichte widerzuspiegeln durch Kunstwerke in einer Gesellschaft, die noch nicht in der Lage ist, offen über ihre Geschichte zu reden. Insofern ist es für Künstler eine Ausdrucksform und für die Menschen, die diese Galerie besuchen, ein Weg der Annäherung an etwas, was viele überhaupt noch nicht begreifen oder verstehen."
In den Familien wird die Vergangenheit totgeschwiegen
In den meisten Familien wird das Mörderregime Pol Pots nach wie vor totgeschwiegen. Zu schmerzhaft ist der Blick in die Vergangenheit. Die Kinder und Enkel der Überlebenden wachsen mit einer diffusen Ahnung von den Schrecken auf. Denn auch im Schulunterricht wird diese Zeit weitestgehend ausgeklammert.
Schädel im Völkermordmuseum Choeung Ek   © reuters
Pol Pot träumte von einem kommunistischen "Agrar-Musterstaat". Am 17. April 1975 marschierte er mit den Guerillakämpfern der Roten Khmer in Phnom Penh ein. Er wollte einen neuen Menschen erschaffen - ungebildet und genügsam. Intellektuelle wurden sofort umgebracht. Zwischen zwei und drei Millionen Menschen fielen dem Wahnsinn zum Opfer. Überall im Land künden Mahnmale wie die "Killing Fields" unweit von Pnom Penh von der Schreckenszeit. Ausgestellt wurden die Totenschädel allerdings von den Vietnamesen, die die Roten Khmer entmachtet haben. "Die Situation hier in Kambodscha ist so, dass Täter neben Opfern gelebt haben und immer noch leben", berichtet Mesterham. "Das hat zu einem großen Misstrauen geführt. Dass Menschen sich auf der Straße begegnen und sich gar keine Fragen stellen über diese Zeit, um nicht erfahren zu müssen, was wirklich war, und wer wirklich irgendetwas getan hat."
Überall Misstrauen
Das Misstrauen ist in Kambodscha allgegenwärtig. Es verhindert Vertrauen untereinander. Doch Vertrauen kann nur entstehen, wenn die Menschen den Blick zurück wagen. Anders ist die fragile Gesellschaft kaum zu stabilisieren. Sophiline Cheam Shapiro ist eine der wenigen Kambodschaner, die sich traut, die Gründe für das Schweigen zu nennen. Die Choreografin und Tänzerin war ein junges Mädchen, als Pol Pot die Macht an sich riss. Ihr Vater und Bruder wurden umgebracht. Den Grund für das Schweigen sieht sie in der Angst der Menschen vor den alten Seilschaften. "Viele Leute würden eigentlich gerne sprechen, aber was sie zögern lässt, ist ihre Angst, dass sie in der kambodschanischen Gesellschaft nicht offen sprechen können", sagt sie. "Auch unsere aktuelle Regierung besteht teilweise aus ehemaligen Khmer Rouge. Deswegen trauen sich viele Leute nicht, die Abgründe der Khmer-Rouge-Zeit beim Namen zu nennen."
Sophiline Cheame Shapiro
Sophiline Cheame Shapiro ist eine der wenigen Kambodschaner, die sich überhaupt trauen, öffentlich Stellung zu beziehen. Mit ihren Tanz-Inszenierungen verarbeitet sie ihr eigenes Trauma auf sehr subtile Weise. Ihre Choreografien sind latente politische Statements, für uns kaum wahrnehmbar, für Kambodschaner schon fast ein Affront. Sie fordert die Roten Khmer auf, endlich Verantwortung zu übernehmen. Einige von ihnen müssen das jetzt. Nach massivem Druck der Uno und jahrelangen Vorbereitungen beginnen am 17. Februar 2009 in Phnom Penh die Prozesse gegen fünf ehemals hochrangige Khmer Rouge-Führer. 300.000 Dokumente, Fotos und Zeugenaussagen hat die Anklage zusammengetragen.
Vann Nath: Für Gerechtigkeit ist es zu spät
Vann Nath ist einer der wichtigsten Zeugen im Prozess. Um persönliche Genugtuung geht es ihm nicht. Dafür seien zu viele der Verantwortlichen, und Pol Pot selbst, längst gestorben, sagt er. Wichtig seien die Prozesse vor allem für das kambodschanische Volk. "Wirkliche Gerechtigkeit können die Prozesse nicht mehr bringen", sagt Vann Nath. "Trotzdem ist es wichtig, dass es jetzt endlich losgeht. Es muss endlich Ergebnisse geben. Nur durch die Prozesse können die Kambodschaner erfahren, was passiert ist. Es gibt nur diesen einen Weg." Die Angeklagten sind mehr als 70 Jahre alt. Einige werden den Prozess wohl nicht überleben. Ein Prozess, in dem es nicht nur um Schuld und Sühne gehen wird, sondern vor allem darum, einem Land die Angst vor der eigenen Vergangenheit zu nehmen.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr

Späte Gerechtigkeit: Der kambodschanische Maler Vann Nath sagt vor dem UN-Tribunal aus
Buchvorstellung in Kürze: "Das Schweigen der Unschuld"
Der Himmel auf Erden: Kunstschätze der exotischen Hochkultur Angkor Wats in Bonn
Angkor - Die Kultur der Khmer

17.02.2009 / Maren Bekker und Alexander Dluzak für Kulturzeit / hs
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