In der Höhle des Löwen
Wie Juden im Iran den Spagat zwischen Religion und nationaler Identität bewältigen
In der Synagoge bekennen sich iranische Juden offen zu ihrer Religion
Die persischen Juden leben in einem Land, dessen Präsident den Holocaust leugnet und das Existenzrecht Israels bestreitet. Trotz der antisemitischen Ausfälle ihres Präsidenten darf die jüdische Minderheit in der Islamischen Republik Iran ihre Religion frei ausüben - wenn auch nur im Schutz der Synagoge. "Iranische" Juden empfinden eine starke Identifikation mit der iranischen Kultur und fühlen sich nicht in der Diaspora.
"Wir verstehen uns zu aller erst als Iraner und dann als Juden", sagt Rahmatollah Rafii, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Teheran. "Die iranische Nationalität hat oberste Priorität. Ich bin also ein 'iranischer' Jude." Insgesamt 20.000 Juden leben heute in der Islamischen Republik und bilden die größte jüdische Gemeinde außerhalb Israels im Nahen Osten. Allein in der Hauptstadt Teheran gibt es mehr als 15 jüdische Synagogen. Sie haben ihr eigenes Viertel und einen eigenen Vertreter im Parlament.
Im Iran wird sehr deutlich zwischen der eigenen Nationalität, der Religion des Judentums und der jüdischen Bewegung des Zionismus unterschieden. Daher können iranische Juden wie der ehemalige Parlamentsabgeordnete Moriss Motamed es sich erlauben, Israels Vorgehen im Gazakrieg scharf zu kritisieren. "Schon unser verehrter Imam Khomeini hat kurz nach der Revolution in einer bedeutenden Rede gesagt: Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Judentum und dem Zionismus", so Motamed. "Das eine ist eine Religion, das andere eine politische Ideologie. Diese Beiden haben für uns nichts miteinander zu tun."
Trennung zwischen Juden und Zionisten
Die Geschichten der Juden im iran hat eine lange Tradition
Wie sehr die Trennung zwischen jüdisch als Religion und Zionismus als politischer Ideologie in der islamischen Republik als Formel gilt, zeigt das Beispiel des iranischen Holocaust-Dramas '"Zero degree Turn". Die im iranischen Fernsehen populäre Soap ist Gesprächsthema Nummer eins in Millionen von persischen Haushalten. Sie erzählt das Leben eines "iranischen Schindler", der in den 1940er Jahren vielen französischen Juden das Leben rettete, indem er ihnen persische Pässe besorgte. Die bekannte persische Feministin und Filmemacherin Tahmineh Milani kennt die Serie und weiß sie kritisch einzuordnen. "In dieser Serie wird sehr deutlich zwischen zwei Arten von Juden unterschieden, Juden einerseits und Zionisten andererseits", so Milani. "Zionisten werden als die schlechteren Juden dargestellt und als Störenfriede im Verhältnis zwischen den Juden untereinander, aber auch zwischen Juden und Muslimen. So suggeriert es zumindest der Film. Ansonsten ist es auch eine Liebesgeschichte zwischen einer Jüdin und einem Muslim."
Die Geschichte der Juden im Iran hat eine lange Tradition und ist von Zeiten der Unterdrückung und des Aufbruchs gekennzeichnet. Im Nationalsozialismus flohen viele Juden in den Iran. Im Stadtteil Sirus im Süden Teherans steht das Doktor-Sapir Krankenhaus. Es ist als Folge des Nazi-Terrors in Europa entstanden. Jetzt erinnert nur noch das koschere Essen - neben dem islamischen - daran, dass es ein jüdisches Krankenhaus ist. Hier arbeiten Juden wie Muslime. Doktor Younes Hammami-Lalezar hat heute Visite. Als Ärzte dürfen Juden arbeiten, von allen höheren öffentlichen Ämtern sind sie im Iran jedoch ausgeschlossen. Hier spielt das keine Rolle. Im Sapir-Krankenhaus sind religiöse Unterschiede kein Thema - im Gegenteil.
Unterdrückung und Anpassung
Das jüdischen Krankenhaus hat 90 Prozent muslimische Patienten
"Wir behandeln hier in unserem jüdischen Krankenhaus alle Menschen, die zu uns kommen", berichtet Doktor Hammami-Lalezar. "Bemerkenswert ist, dass über 90 Prozent unserer Patienten Muslime sind. Bei uns stehen die Patienten im Vordergrund. Wir haben kein Problem mit den unterschiedlichen Religionen." Das galt auch unter dem Schah. Erst mit der Islamischen Revolution 1979, die jetzt ihren 30. Jahrestag feiert, verschlechterte sich die Lage vieler Juden im Iran. Man warf ihnen Kollaboration mit dem Schahregime und Israel vor. Nur wenige wanderten aus, wie viele der Gewalt zum Opfer fielen, ist nicht bekannt. Die Juden im Iran haben gelernt, sich anzupassen.
Wie die Stimmung in der Gesellschaft heute ist, ist ein heikles Thema. Nicht alle trauen sich, sich so kritisch zu äußern wie die iranische Menschenrechtsanwältin Nasrin Soutodeh. Sie weiss, dass sich die Juden vom Zionismus distanzieren, weil sie in der iranischen Nation überleben wollen. "Die Juden sind natürlich durch ihre Nähe zum zionistischen Staat Israel und der Religion des Judentums unter Druck", sagt Soutodeh. "Sie wurden in der Vergangenheit sogar als Kollaborateure Israels verfolgt und auch verhaftet. Fest steht: Juden werden in der iranischen Gesellschaft diskriminiert."
Davon spürt man in der in der Yussufabad-Synagoge in Teheran wenig. Das relativ einheitliche und friedliche Bild, das die Juden von ihrem eigenen Leben und ihrer Religion in der Islamischen Republik entwerfen, bekommt jedoch Risse. Wer politisch und sozial nicht auffällt, kann auch als Jude unbehelligt hier leben und seine Religion ausüben. Doch in einem Land, in dem Menschenrechte und Meinungsfreiheit täglich neu erkämpft werden müssen, kann sich das Schicksal der Juden von heute auf morgen ändern.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



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Post aus Teheran - Kamran Safiarian berichtet exklusiv für "Kulturzeit" aus Iran



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12.02.2009 / Kamran Safiarian (Kulturzeit) / yg
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