Verschrotten für die Konjunktur
Die verkehrte Welt des Kapitalismus
Der Staat fördert die Massenvernichtung alter Autos  © dpa
Nach "Biertrinken für den Regenwald" und Lose kaufen für "Ein Platz an der Sonne" ist das Repertoire an Prämien, die die Menschen zu bestimmtem Verhalten ermuntern sollen, wieder um ein Element reicher: Die "Abwrackprämie". 2500 Euro gibt es für jene, die beherzt ihr altes Auto verschrotten. Ein Milliarden-Aufgebot gegen die Krise des Kapitalismus? Doch wer rechnet, wird schnell ernüchtert. Und auch die Neuproduktion eines Autos belastet die Umwelt stärker, als ein altes, das weitergefahren wird.
Autoverwerter haben derzeit Hochkonjunktur, denn die Bundesregierung hat ihre Bürger dazu aufgerufen, ältere Autos zu vernichten. Wer kaputt macht, um der Autoindustrie zu helfen, wird mit der Abwrackprämie belohnt. "Wir haben jetzt auch festgestellt, dass vermehrt ganz normale Bürger, die wir sonst hier in unseren Gefilden gar nicht begrüßen können, auf einmal den Weg zu uns finden, um die Prämie zu kassieren", berichtet Abwracker Stefan Manke. "Es sind Autos dabei, die sind wie mit der Zahnbürste gepflegt, blitzblank, sauber geputzt, mit denen jede Inspektion gemacht worden ist." Teilweise hätten die Fahrzeuge Kilometerstände unter 50.000 Kilometern. "Und sie werden einfach verschrottet. Das tut einem dann doch weh."
Schlecht gerechnet
Autovernichter haben Hochkonjunktur  © dpa
Mit der Autovernichtung tue man der Umwelt Gutes, sagt Vater Staat. Wie soll das gehen? Ein neues Auto hinterlässt bei der Herstellung 20 bis 30 Tonnen giftiges CO². So viel stößt ein altes nicht mehr aus, selbst wenn es noch jahrelang läuft. Stefan Manke ist empört: "Die Menschen nehmen ihr Auto, das teilweise sogar 3000 bis 4000 Euro am Markt wert sein könnte und verschrotten es, nur um an diese 2500 Euro Prämie zu kommen."
Warum folgen die Menschen dem Staatsappell? Weil sie Lust dazu haben. Und weil der Staat ihnen zur Befriedigung ihrer Lust die Absolution erteilt. Ein neues Auto symbolisiert einen tief verwurzelten Menschheitstraum: Freiheit, Aufbruch, Neuanfang. "Die Abwrackprämie ist natürlich eine wunderbare Verführung, jetzt erst recht", meint Matthias Winzen vom Museum für Kunst und Technik Baden-Baden. "Jetzt kann ich, weil ich dadurch den Banken und der Volkswirtschaft und überhaupt Deutschland und den USA helfe, jetzt kann ich mir endlich ein dickes Auto kaufen."
"Ein ganz tiefes Identifikationsfantasma"
Technologisch ist die Maschine längst ausgereift und bietet kaum Neues. Trotzdem: Ein neues Auto ist wie eine neue Braut, für die man bereit ist, viel Geld auszugeben. Eine Liebesgöttin, die man auf Touren bringt, bis sie die richtige Betriebstemperatur hat. Welch ein Genuss, sicher durch Feuchtgebiete zu steuern. Werbung, die kommerziellen Erziehungsprogramme der Autoindustrie, hat eine symbolische Sprachgewalt entwickelt, die den Kunden hypnotisiert - bis zur Erregungsstarre. "Das ist keine technologische Sache", erklärt Winzen. "Das ist ein ganz tiefes Identifikationsfantasma: Der menschliche Leib erweitert sich auf die Blechgrenze. Das hat etwas Schönes, etwas Faszinierendes, Größenfantasien, und es hat etwas Abgründiges, dass die intime Beziehung zwischen Mensch und Maschine die ganze Zeit abläuft. Das heißt, wenn ich Gas gebe, kreuzt sich Mensch und Maschine. Ich bediene das Gaspedal und dieses Bedienen ist ein zwielichtiges Wort."
Der Staat macht sich zum Komplizen der Autolobby
Der olympische Tanz um den fürstlichen Thron soll darüber hinwegtäuschen, dass die gigantische Autoindustrie das Ende der Fahnenstange erreicht hat. Weltweit herrscht Überkapazität. Die Lager sind voll, die Kaufkraft schwindet. Absatzkrise, Kurzarbeit. Die Giganten wehren sich gegen die notwendige Schrumpfung und drohen mit Massenarbeitslosigkeit.
Und der Staat gehorcht der Autolobby und der Metallgewerkschaft. Beflissen macht er sich zum Komplizen, fördert die Massenvernichtung von Gebrauchswerten. Doch die Zerstörung ist nur ein kurzes Strohfeuer, keine nachhaltige Ankurbelung der Konjunktur. Man kann keine Überkapazitäten abbauen, wenn die wachsende Mehrheit kein Geld mehr für Autos hat. Abwracker Manke berichtet: "So mancher Mitarbeiter stand schon fassungslos da und hat den Kopf geschüttelt vor dem einen oder anderen Auto, das er verschrotten sollte, und das eigentlich noch neuwertig aussah, und noch gut funktionierte. Er selber hat vor dem Haus noch die Rostlaube stehen, mit der er gerade so mit Ach und Krach durch den TÜV gekommen ist. Es ist schon ein Ärgernis, dass er dies noch verschrotten muss."
Die steigende Qualität verursacht Absatzprobleme
Seit rund 20 Jahren werden die Autos immer besser und haltbarer. Noch in den 1960er Jahren hielt ein Motor 80.000 Kilometer, die Karosserie fünf Jahre. Heute hat sich die durchschnittliche Lebenserwartung eines Autos verdreifacht. Doch die wachsende Qualität wird für die Industrie zum Problem. Qualität hemmt den Absatz. Die Rendite kollabiert. "Das gilt natürlich für die gesamte Ökonomie", sagt Sozialphilosoph Robert Kurz. "Das ist Kapitalismus, eigentlich ein Selbstzwecksystem, aus einem Euro zwei zu machen, aus einem Dollar zwei zu machen. Was dann für die Gesamtgesellschaft heißt: Unaufhörliches Wachstum in monetären Größen, und das geht aber nur, wenn ein permanenter Verschleiss stattfindet. Also wenn permanent jedes Jahr eine riesige Masse, eine immer größere Masse auf Grund der gestiegenen Produktivität von Produkten auf den Markt geworfen wird und die auch bezahlt werden können. Also abgesetzt werden können."
Heute purzeln neue, viel versprechenden Modelle in immer kürzeren Abständen aus den Entwicklungslabors. Aber auch diese Strategie wird der Autoindustrie auf Dauer nichts nützen. "Diese Kreierung immer neuer Modelle, da hängt ein Riesenaufwand dran, der auch finanziert werden muss", sagt Kurz. "Das stößt jetzt doppelt an Grenzen vom Absatz und von der Kreditvergabe der Geschäftsbanken her." Schon lange lebt nämlich die Autoindustrie nicht mehr nur vom Verkauf ihrer Autos, sondern von Geschäften auf dem Finanzmarkt. Der ist nun auch zusammengebrochen. Es wird Zeit, sich eine neue Schlüsselindustrie zu suchen. Nicht die betagten Autos haben es verdient, abgewrackt zu werden, sondern die Wachstumsfantasien der Autoindustrie.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



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