Das Schweigen brechen
Die iranische Schriftstellerin Simin Behbahani
Irans berühmteste Lyrikerin: Simin Behbahani
Seit mehr als einem halben Jahrhundert schreibt Simin Behbahani über ihr Land. Die heute 82-jährige gelernte Juristin, Lehrerin und spätere Schriftstellerin ist eine der berühmtesten Lyrikerinnen Irans. Sie schrieb Gedichte über die Liebe, als das ausschließlich die Domäne der Männer war und wurde berühmt für ihre sinnlichen Darstellungen. Seit der Machtübernahme der Mullahs schreibt sie Alltagsgeschichten und kritisiert indirekt die gesellschaftliche Realität des Iran. "Kulturzeit" hat mit der Dichterin in Paris gesprochen, wo sie den Simone de Beauvoir Preis erhalten hat.
30 Jahre nach der Islamischen Revolution ist der Iran ein gespaltenes Land. Trotz vieler Verbote und Tabus lassen sich die Jugendlichen ihre Freiheiten nicht nehmen. Es gibt Snowboard fahrende Jugendliche und skifahrende Frauen abseits von Mullahs und Atombombe. Auch Simin Behbahani, die bedeutendste Stimme der iranischen Literatur, kämpft für alltägliche Freiheiten und begeht Tabubrüche. "Um zu überleben, muss man das Schweigen brechen", so ihr Motto. Für ihre Kampagne "Eine Million Unterschriften" für mehr Frauenrechte im Iran hat die Menschenrechtsaktivistin in Paris jetzt den Simon de Beauvoir-Preis erhalten. "Für mich sind die Literatur und das Schreiben die wichtigsten Waffen im Kampf für Menschenrechte", sagt die Dichterin. "Information, Aufklärung, Meinungsfreiheit - das ist das Wichtigste für unser Volk. Aber: Mit Waffengewalt kann man nichts erreichen. Der einzige Weg und die einzig wirksame Waffe im Kampf um Menschenrechte ist die schreibende Feder."
"Nichts gehört allein den Männern"
Farah Diba und der Schah von Persien  © dpa
Im Alter von zehn Jahren verfasst die Tochter eines Journalisten ihre ersten Verse. Simin Behbahani wächst im bürgerlich intellektuellen Millieu der 1950er Jahre Teherans auf. Der Schah von Persien hat gerade seine dritte Frau Farah Diba geheiratet, da erscheint der erste Gedichtband Simin Behbahanis auf dem Markt. Hautnah erlebt sie die wechselvolle Geschichte ihres Landes - zwischen Elend und Prunk der Schahzeit. Vor allem mit ihren Liebesgedichten macht sie sich im vorrevolutionären Iran einen Namen. Literarisch begeht sie damit einen Tabubruch, denn die Liebe ist ein traditionelles Männerthema in der persischen Poesie. Behbahani sieht das anders. "Nichts gehört allein den Männern", sagt sie. "Wieso sollen die Männer die Liebe für sich beanspruchen? Die Liebe ist für mich ein Symbol für Fortschritt, Engagement und Intellekt."
1979 setzt sich die inzwischen dreifache Mutter und Gymnasiallehrerin für Literatur im diktatorischen Reich des Schah für Menschenrechte und Meinungsfreiheit ein. Von der Islamischen Revolution erhofft sie sich ein vom Westen unabhängiges und selbstbestimmtes Iran. Doch von den neuen Machthabern wird sie enttäuscht. Sie setzen ihre Bücher auf den Index. Was folgt, ist eine gesellschaftliche Gleichschaltung, der auch die Kultur zum Opfer fällt. Behbahanis Kritik wird abgewürgt, da sie im Iran lebt. "Es tut mir sehr weh, zu sagen, dass, trotz der zunehmenden Klugheit und Informiertheit, unsere Bevölkerung die Ideale der Revolution und den Fortschritt leider nicht erreicht hat", meint Simin Behbahani.
"Ich werde mich nie einschüchtern lassen"
Einen ersten Hoffnungsschimmer gibt es 1997. Mit der Wahl des reformorientierten Mohammad Chatami zum Präsidenten, glaubt Behbahani wie viele Perser an eine iranische Perestroika. Ein Jahr später gründet sie den unabhängigen Schriftstellerverband mit. Doch die konservativen Hardliner schlagen brutal zurück. In den so genannten Kettenmorden werden einige Schriftstellerfreunde Behbahanis 1998 Opfer einer Mordserie. Auch Simin Behbahnai entgeht knapp einem Mordanschlag. Fürchtet sie um ihr Leben? "Ich höre nicht auf solche Drohungen", sagt die Schriftstellerin. "Ich habe nur ein Leben und ich lebe dieses Leben. Ich habe nie daran gedacht, dass man es mir nehmen könnte. Ich werde mein Leben zu Ende führen und werde mich nie einschüchtern lassen."
Auch den neuen Machthabern unter Präsident Ahmadinedschad ist die Regimekritikerin ein Dorn im Auge. Andersdenkende und Literaten wie Simin Behbahani sind permanent in Lebensgefahr. Trotzdem schreibt sie unbeirrt weiter über die beiden traumatischen Erfahrungen der iranischen Gesellschaft: Revolution und Krieg. Verbote und Tabus akzeptiert sie nicht. "Ich werde meine Meinung nie verbergen", sagt Behbahani. "Das habe ich noch nie getan. Ich finde, die Wahrheit muss ausgesprochen und Missstände und Lügen müssen aufgedeckt werden. Ich will doch nur das Gute für mein Land und seine Menschen." Simin Behbahani fühlt sich 30 Jahre nach der Islamischen Revolution ähnlich wie das iranische Volk um die Ideale der Revolution betrogen. Mit ihren heute 82 Jahren bleibt sie eine mutige Frau im Kampf für Menschenrechte im Iran.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



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28.01.2009 / Kamran Safiarian für Kulturzeit / hs
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