Sterben für die Pressefreiheit
Wie ein mutiger Lokaljournalist in Russland für sein Engagement bezahlen muss
Nur wenige trauen sich in Russland für die Pressefreiheit zu demonstrieren
Sich in Russland gegen Politiker aufzulehnen und für die Pressefreiheit einzustehen, kann tödlich sein. Das weiß man nicht erst seit dem Tod von Anna Politkowskaja. Auch in der Provinz kann der Einsatz für das Recht der Bevölkerung und beispielsweise Umweltschutz fatale Folgen haben. Der Lokaljournalist Michail Béketow wurde für sein Engagement gegen die Abholzung von 1000 Hektar Wald grausam zugerichtet.
Die Gefahr lauert im Wald von Chimki. Die Nussbäume und Fichten können Leben kosten. Michail Béketow zum Beispiel hätte besser die Finger vom Wald gelassen. Der Boden ist Milliarden Rubel wert, Politiker wollen den Wald zu Geld machen - schnell. Den Boden in Chimki zu betreten, kann schon gefährlich sein. Aber wer den Milliardendeal verhindern will, spricht besser weitab von der Öffentlichkeit. Dem Politklüngel in die Quere zu kommen, kann in Russland den Kopf kosten, das wissen sie.
Die Kreise der Politiker stören
Umweltaktivist Nikolaj Wolkonskij
"Hier soll eine Autobahntrasse durchgebaut werden", sagt der Umweltaktivist Nikolaj Wolkonskij. "Das wollte man ganz heimlich beschließen, direkt durch den Wald, von hier bis zum Flughafen. Aber wir haben alle Anwohner aufmerksam gemacht, auch heimlich. Natürlich wissen wir, dass wir damit die Kreise dieser Politiker stören." Auf die Frage: "Habt Ihr keine Angst?", antwortet er: "Klar haben wir richtig Angst. Wir machen uns natürlich in die Hose, aber man muss sich denen doch entgegenstellen."
Der letzte, der sich den Politikern entgegengestellt hat, liegt jetzt im Skliff-Krankenhaus in Moskau. Am 16. November 2008 wird der Journalist Michail Béketow hier eingeliefert. Die Diagnose ist eine Horrorliste: schweres Schädel-Hirn-Trauma, schwere Gehirnerschütterung, eine komplizierte Unterschenkelfraktur, Hämatome im Gesicht, der Patient im Koma, Knochensplitter im Gehirn, eine Amputation der Finger ist unumgänglich. Auf Béketow ist ein Mordanschlag verübt worden. Michail Béketow ist ein ehemaliger Fallschirmjäger, 50 Jahre alt, angstfrei und daher zwangsläufig ständig im Konflikt mit der Staatsgewalt. Ein kleiner Lokaljournalist, der mit seinen Artikeln eine kleine Umweltbewegung auslöst, ist in Russland unerhört. Für die wenigen, einsamen Aktivisten ist er ein Volksheld. Auf ihrer ersten Demonstration erklärt Béketow auch öffentlich, dass der Bürgermeister den Forst von Chimki zur Baustelle machen will.
Ein riesiger Schwarzmarkt mit Immobilien
Umweltaktivistin Jewgenija Tschirikowa
Die Umweltaktivistin Jewgenija Tschirikowa berichtet: "Der Grund und Boden hier ist wahnsinnig teuer. Das ist Moskauer Umland, 1000 Hektar will der Bürgermeister verscherbeln, das ist eine Riesensache. Und Béketow schreibt darüber. Der einzige Journalist, der einzige, verstehen Sie? Der Rest hat das irgendwann einmal auch mitbekommen, aber sie haben Angst. Eine kleine Notiz, mehr wird nicht gedruckt." Chimki liegt im Speckgürtel von Moskau. Dort gibt es einen riesigen Schwarzmarkt mit Immobilien, Millionenbeträge unter dem Tisch. Jeder weiß es, alles schweigt - außer Béketow. In einer Atmosphäre der Angst und der Einschüchterung gibt er eine kleine Zeitung heraus. Er schreibt ungelenk, aber er veröffentlicht in seiner "Chimikinskaja Prawda" die Pläne, nach denen der Bürgermeister aus dem Wald nicht nur eine Maut-Autobahn machen will, sondern ein riesiges Gewerbegebiet. Der Profit, so Béketow, geht an die Politiker.
Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten: Im Mai 2007 fackeln Unbekannte sein Auto ab, bis zum letzten Blech. Béketow weiß es schon damals: Er soll zu recherchieren aufhören. Vandalismus sagt die Polizei, in Wirklichkeit ist das Autowrack die letzte Warnung - endgültig. Im Mai 2007 sagte Michail Béketow: "Das ist politischer Terror, und der Auftraggeber ist unser Bürgermeister. Ich weiß, dass er es war, er hat mir das schon persönlich angekündigt. Danke, Herr Bürgermeister, dass es nur mein Auto ist. Sie haben mir zuletzt schon mit Schlimmerem gedroht."
Der Bürgermeister bestimmt alles
Diese Worte könnten sein Todesurteil gewesen sein. Sogar den Kreml darf man in Russland ein bisschen kritisieren, auf keinen Fall aber die Lokalfürsten. Und hier in Chimki gibt es nur einen, der bis zur Miliz über alle bestimmt, den Bürgermeister. Das Rathaus ist ein Palast: Sitzt dort also der Auftraggeber für Mordanschläge? Hoheitssymbole überall, eine abgeschlossene Welt, allergisch gegen Journalisten, diese Bilder können wir gerade noch filmen, dann hat man uns entdeckt.
"Zurück hier, das ist das Verwaltungsgebäude", fährt man uns an. Wir antworten: "Das ist doch kein Militärobjekt." Darauf bekommen wir zu hören: "Das hier, das sage ich Ihnen, ist genau dasselbe wie ein militärisches Objekt. Und, wenn Sie verstehen, auch Gott ist mit mir. Besorgen Sie sich eine Genehmigung vom Bürgermeister." Wir antworten: "Wir sind akkreditierte Journalisten und wollen zum Bürgermeister. Was Sie machen, ist gegen das Gesetz." Der Mann sagt: "Das heißt, ich bin ein Gesetzesbrecher." Als wir das bestätigen, fordert er uns auf, uns doch zu beschweren.
Nachbarn lassen den Verletzten ohne Hilfe liegen
Auf eine Beschwerde verzichten wir, denn wir kennen den Schluss von Béketows Geschichte: Ende Oktober 2008 erscheint sein letzter Artikel - ein wütender Kommentar: Chimki werde ausverkauft, das ganze Gouvernement sei eine Zentrale der Korruption. Keine drei Wochen später bekommt er Besuch. Was sich genau am 14. Oktober 2008 vor seinem Haus in der Gorkij-Straße 28 abgespielt hat, weiß keiner. Vor einer Tanne wird er gefunden, leblos, zusammengeschlagen, die Nachbarn müssen aus ihren Fenstern den Angriff sogar gesehen haben, sagen die Freunde, die den Journalisten schließlich finden.
Danila Wolkonskij
"Er lag da in einer Riesenblutlache auf dem Asphalt", sagt Danila Wolkonskij, Umweltaktivist und ein Freund von Béketow. "Sie haben ihm den Schädel eingeschlagen, die Beine verdreht, er hatte ein Loch in der Brust und die Rippen gebrochen. Und die Nachbarn haben ihn so gesehen und ihn einen Tag so liegen lassen, die hatten Angst den Überfall zu melden, verstehen Sie, sie müssen ja hier weiterleben." Sie müssen auch hier weiterleben, aber sie haben nichts mehr zu verlieren. Nur Rentner trauen sich auf die Gedenkveranstaltung für Míchail Béketow. Die Stimmung ist explosiv, die Miliz wird unruhig, der Bürgermeister selbst wird gerufen. Er will die aufgebrachten Pensionäre beruhigen, aber hier kann er nichts ausrichten. Sprechchöre mit der Forderung "Rücktritt, Rücktritt!" kommen auf.
Wir fragen ihn: "Herr Bürgermeister, was sagen Sie zum Vorwurf, Sie hätten den Anschlag auf Béketow bestellt?" Und der Bürgermeister Wladímir Strelchenko antwortet: "Ich will dazu gar nichts sagen, ich überlasse alles unseren bewährten Rechtsorganen. Sie sollen sich damit beschäftigen und den Schuldigen finden." Dass der Schuldige in Russland so gut wie nie ermittelt wird, weiß er wahrscheinlich. Er weiß auch, dass ihm die Alten in Chimki mit ihrer Unterschriftenaktion nicht wirklich gefährlich werden, es sind zu wenige. Und im Wald von Chimki hat man schon einmal unauffällig angefangen, alles für eine Großbaustelle vorzubereiten. Die weißen Flecken auf den Bäumen markieren den rechten Rand der geplanten zehnspurigen Autobahn, die hellbraunen den linken. Béketow, der das vorausgesagt hat, liegt immer noch auf der Intensivstation. Der Journalist ist aus dem Weg, die Geschäfte können weitergehen.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr


Der Beitrag als Video in der ARD-Mediathek

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11.12.2008 / Stephan Stuchlik ("Weltspiegel", WDR) / tm
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