Ein Schweizer ohne Pass
Der Künstler Adam Tellmeister will in die Alpenrepublik zurück
Aus dem "Musterland der Demokratie" geflüchtet
Seit 20 Jahren lebt der Schweizer Künstler Adam Tellmeister im Berliner Exil, weil er einst in der Alpenrepublik den Militärdienst verweigerte. 2009 könnte Tellmeister zwar in die Heimat zurückkehren. Doch das Land ist ihm in der Zwischenzeit fremd geworden. Befreundete Künstler wollen ihn unterstützen und seine "Repatriierung" mit einer Kunstaktion vorbereiten: Sie packen so genannte Heimatpäckli, die Tellmeister am 6. Dezember 2008 im Rahmen einer Ausstellung mit Performance ausgepackt hat.
Mehr als 20 Jahre hat Adam Tellmeister auf diesen Moment gewartet: Aus einem Zopfbrot kommt ein echter Schweizer Pass zum Vorschein. Er ist nagelneu und ausgestellt auf den Kunst-Namen "Adam Tellmeister". Der Schweizer Künstler inszeniert seine Wiedergeburt in die Legalität als Performance.
Illegal in Berlin
Sein halbes Leben war Tellmeister in Berlin untergetaucht, lebte illegal und unter verschiedenen Namen. Er war ein politischer Flüchtling, fernab der Heimat. Endlich hat er wieder eine Identität, kann zurückkehren. "Die längste Kunstperformance der Welt wird zu Ende gehen, wenn ich in die Schweiz gehe", sagt Tellmeister. "Da geht die Performance wieder weiter, weil ich Kunst und Leben nicht mehr voneinander trennen kann. Das ist ein und dasselbe bei mir geworden."
Geplant war das nicht: Ende der 1980er Jahre verweigert der junge Pazifist Meister in der Schweiz den Militärdienst. Zivildienst gibt es noch nicht. Wählen kann er zwischen Militär oder Gefängnis. "Ich persönlich wollte weder ins Militär, noch wollte ich mich kriminalisieren lassen. Für mich war das ein Menschenrecht, das ich wahrnehmen wollte", sagt er.
Aus der Schweiz geflohen
1986 sitzen rund 600 Kriegsdienstverweigerer in Schweizer Gefängnissen. Meister flieht und legt seinen bürgerlichen Namen ab. Er gilt als Verräter. In der Bundesrepublik und in Holland sucht er politisches Asyl. Der Asylbewerber aus dem "Musterland der Demokratie" erregt Aufsehen. Seine friedensaktivistischen Kunstaktionen jedoch kommen hier nicht gut an. Beide Anträge werden abgelehnt.
Seinen dritten und letzten Asylantrag stellt er in der DDR. "Dummerweise ist an dem Tag, an dem ich hinüber bin, praktisch die Mauer gefallen", erinnert er sich. Der Antrag wird gar nicht mehr bearbeitet. Unterschlupf findet der staatenlose Schweizer in der Künstler-Szene vom Prenzlauer Berg. Als "GP Adam" macht er sich hier einen Namen. Mit Grafikern wie A.R. Penck oder Klaus Staeck gestaltet er das "Knochengeld", als alternative Kunstwährung. Es wird sieben Wochen echtes Zahlungsmittel im Kiez. Dann war der Traum, Geld selbst zu drucken, vorbei.
GP Adam hält sich als Freskenmaler über Wasser. "Ich bin in die Illegalität abgerutscht und da sind Sie einfach ein Niemand", meint Tellmeister. "Sie machen sich strafbar mit jedem Tag, an dem Sie Manna essen. Sie müssen sich neu organisieren und das habe ich immer durch meine Arbeit gemacht und meine Kunst.“
Kunst als Überlebenskunst
Kunst und Überlebenskunst sind in Tellmeisters Leben eins geworden. Sein Heimweh bekämpft er mit den Mitteln der Kunst: Immer wieder kreist er um den Mythos Wilhelm Tell, den Freiheitskämpfer, Tyrannenmörder und sagenhaften Nationalhelden der Schweiz. Deshalb wollte er auch "Tell" im eigenen Namen führen. Als Tell-Meister wird der Kriegsdienstverweigerer in die Schweiz zurückkehren. "Ich spiele Tell nicht nach, sondern ich untersuche, was will eigentlich ein Mythos?" erklärt Tellmeister. "Er stiftet Identität, er kann durch Raum und Zeit wandern und er braucht eine neue Körperschaft. Ich versuche, Schiller loszuwerden. Tell war im Prinzip ein Punk. Lassen wir ihn Punk sein und versuchen wir nicht, aus ihm einen Spießbürger zu machen."
Der eigensinnige Eidgenosse aus dem Emmental bereitet sich nun auf die Rückkehr in die Alpenrepublik vor. Rund 100 Schweizer Künstler helfen ihm dabei: Als Vorgeschmack haben sie ihm Heimatpäckli nach Berlin geschickt. Ausgepackt werden sie im Kunstraum Substitut und 2009 in der Kunsthalle Luzern ausgestellt.
Schweinekopf per Post
Für Tellmeister ist dies eine vorsichtige Annäherung an die Heimat. "Ah, Alpenluft", seufzt er beim Auspacken der Päckchen. Doch schon jetzt heißt nicht jeder den kontroversen Künstler willkommen: Ein anoymer Absender schickte einen echten Schweinekopf, den Tellmeister kurzerhand zum Schiller-Schweinekopf-Fondue verarbeitet. Er weiß, dass seine Rückkehr nicht das Happy End seiner Odyssee sein wird. "Es kann nicht sein, dass ich so ein Leben 23 Jahre lang führe und dann zurückgehe und so tue, als ob nichts passiert ist", sagt Tellmeister. "Ich habe Fragen, auch in der Schweiz. Ich will meine Militärakte lesen. Ich will auch darüber reden, ob es eine Entschädigung geben kann. Ich suche das Gespräch auch weiterhin und mache das natürlich auch in künstlerischen Aktionen."
Im Mai 2009 soll es soweit sein: Mit einem Helikopter wird sich Adam Tellmeister auf der Lüderer Alp im Emmental absetzen lassen, mit einer Schrifttafel, auf der steht: "Den schreckt der Berg nicht, der darauf geboren."

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



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08.12.2008 / Donya Ravasani (Kulturzeit) / hs
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