Warum Staaten ins Chaos stürzen
Politikwissenschaftler Christian Tuschhoff im Gespräch
Thailändische Regierungsgener protestieren in Bangkok  © AP
Das Weltwirtschaftssystem ist aus den Fugen geraten, die westlichen Werte wurden in Frage gestellt. Überall auf der Welt gibt es Terror, Krieg und Flüchtlinge. Und im Hintergrund lauert die Klimakatastrophe. Beste Voraussetzungen für die Propheten des Weltendes. Der britische Philosophieprofessor John Leslie hat kürzlich in dem Buch "The End of the World" das Risiko für ein Ende der Welt mit 30 Prozent bezeichnet. Warum stürzen Staaten ins Chaos? Das fragen wir den Politikwissenschaftler Christian Tuschhoff.
In Thailand hält die Machtprobe zwischen der Regierung und ihren Gegnern noch immer an. Der internationale Flughafen ist weiter besetzt. Ministerpräsident Somchai Wongsawat flüchtet vor seinem Volk. Er hat Angst vor einem Militärputsch. In Nigeria gibt es blutige Zusammenstöße: Christen und Muslime bringen sich nach einer Kommunalwahl gegenseitig um, die Regierung schaut hilflos zu, ohne Einfluss auf das Geschehen. Das sind nur zwei Momentaufnahmen vom ersten Adventwochenende 2008. In vielen Krisenregionen der Welt hat der Staat sein Gewaltmonopol längst verloren. In diesem Vakuum entstehen neue Formen der Interessenvertretung - allerdings weit entfernt von demokratischen Strukturen.
Dies hat Folgen, auch für Europa. Im Kosovo verhaftet die Regierung drei deutsche BND-Agenten und wirft ihnen ein Sprengstoffattentat vor - allerdings ohne Beweise. Im jüngsten Staat der Welt bestimmen offenbar mafiöse Strukturen die Politik - so berichtet zumindest der BND. Dennoch hat Deutschland rund 100 Millionen Euro finanzielle Hilfe für die Entwicklung des Landes zugesagt.
Angesichts der globalen Krisenherde zerbröckelt unsere Vorstellung von Rechtsstaaten, die ihre Interessen mit legitimen Mitteln durchsetzen. Zwei Drittel aller Länder der Welt sind nur noch begrenzt regierbar. Viele benötigen internationale Hilfe. Diese orientiert sich am Idealbild der Demokratie westlicher Prägung. Müssen wir nach neuen Standards des Regierens unter einer prekären Staatlichkeit suchen? Was geschieht, wenn der souveräne Nationalstaat weltweit zum Auslaufmodell wird?
Mehr zum Thema:
Die Mode in Zeiten der Finanzkrise: Teil I: Die Stardesignerin Anja Gockel im Gespräch
Von Krise keine Spur: Teil II: Wie werben Banken während der Finanzmisere?
Im Sinkflug: Bedeutet die Finanzkrise das Ende des Kapitalismus?
Mumbai in Angst: Terroristen richten in der indischen Großstadt ein Blutbad an
Das Imperium kommt zurück: Politikwissenschaftler Herfried Münkler analysiert die Bedeutung von Imperien

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr


Das Gespräch mit Christian Tuschhoff, Politikwissenschaftler (01.12.2008)

01.12.2008 / Cornelius Janzen (Kulturzeit) / hs
zurück Seitenanfang Druckversion Artikel versenden 3sat / Kulturzeit [E-Mail]