Die Hölle von Srebrenica
Der Übersetzer Hasan Nuhanovic hat ein Buch über das Massaker geschrieben
1995: Bosnische Flüchtlinge in der Nähe von Srebrenica  © ap
Am 12. Juli 1995 hoffen 30.000 bosnisch-muslimische Flüchtlinge auf Schutz durch die UN. Es ist der Vortag des Massakers von Srebrenica. Hasan Nuhanovic ist damals einer der Dolmetscher der niederländischen Blauhelmsoldaten. Er arbeitet auf dem Stützpunkt Potocari, einer ehemaligen Batteriefabrik. Auch er war zuvor jahrelang auf der Flucht.
"Das ist der Ort, an dem einer Gruppe von 6000 Flüchtlingen erlaubt wurde, gerade mal 48 Stunden lang zu bleiben", erklärt Hasan Nuhanovic. "Als sie hierher kamen, sagten ihnen die Holländer aber natürlich nicht, dass sie bald wieder gehen müssten. Es hieß, bleibt bei uns, dann seid ihr sicher." Während serbische Soldaten draußen schon über die ersten Flüchtlinge herfallen, wähnen sich die Menschen auf dem UN-Stützpunkt noch geschützt.
Hasan Nuhanovic  © ap
Hasan Nuhanovic hat ein Buch darüber geschrieben, was nur wenig später passiert. Wie es zum Genozid kommt - mitten in Europa - und wie die Welt dabei tatenlos zuschaut. "Die Serben waren dort drüben, direkt hinter dem Stacheldrahtzaun. Sie waren bewaffnet, und sie schauten zu mir rüber, immer wenn ich hier entlang lief", schreibt Nuhanovic. "Allen war klar: Wenn du raus gehst, dann bist du tot. Wenn du hier drin bleibst, dann bist du sicher." Am 12. und 13. Juli 1995 gibt es die ersten Übergriffe. Ratko Mladic und seine Soldaten suchen sich unter den Flüchtlingen vor dem Lager erste Opfer. Sie ermorden Männer und vergewaltigen Frauen. Alles passiert unter den Augen der UN-Blauhelme. Die greifen aus Angst nicht ein. Die Flüchtlinge in der Halle ahnen nichts. Dann treffen Mladic und der holländischen Kommandant eine grausame Entscheidung.
Todesurteil durch UN-Blauhelme
"Die UN-Blauhelme sagten zu mir: 'Übersetz' den Menschen hier, dass sie jetzt die Halle verlassen sollen - in Gruppen zu jeweils fünf Personen'", erinnert sich Hasan Nuhanovic. "Das tat ich. Tausende Menschen schauten mich an. Ich war mittendrin und wusste: Das ist ihr Todesurteil." Durch das Spalier der Blauhelmsoldaten laufen die 6000 Flüchtlinge zum Ausgang des UN-Stützpunkts. Die Prozedur dauert Stunden. "Die Menschen hatten keine Chance", sagt Hasan Nuhanovic. "Sie mussten aus der Fabrik heraus, weil es ihnen die Holländer befohlen hatten. Sie verließen das Gelände. Ich bin mir sicher, dass den meisten von ihnen klar war, dass sie ermordet werden. Sie liefen direkt in ihren Tod." Denn vor dem Zaun stehen die serbischen Soldaten. Sie selektieren Männer von Frauen. Selbst zwölfjährige Jungen sind dabei. Sie dürfen nicht bei ihren Müttern bleiben.
Auf dem UN-Stützpunkt sind jetzt nur noch drei Flüchtlinge. Hasans Eltern und sein 20-jähriger Bruder. Hasan Nuhanovic hat sie zu sich in einen Raum der Blauhelmsoldaten gebracht. "Meine Familie war genau hier. Und dann sagten die Holländer mir wieder: 'Hasan, übersetz' mal: Sag' deiner Familie, dass sie das Gelände jetzt verlassen muss. Die Zeit des Wartens ist vorbei.' Das waren exakt ihre Worte." Hasan will seine Eltern begleiten. Doch sie bitten ihn, dass wenigstens er in Sicherheit bleiben soll.
Maschinengewehrsalven bis spät in die Nacht
Bosnische Flüchtlinge  © ap
Dann erfolgt der Abtransport in Bussen. Kurz danach sind bis spät in die Nacht Maschinengewehrsalven zu hören. Hasan, der als Dolmetscher auf dem UN-Stützpunkt bleiben darf, weiß, was das bedeutet. Die Blauhelmsoldaten sind froh, feiern, dass die Flüchtlinge weg sind, sie das Lager nun aufgeben und sich zurückziehen können. "Einer von ihnen kam mit einer Stange Zigaretten und einigen Dosen Bier", erzählt Hasan Nuhanovic. "Ich weinte und dachte daran, mich umzubringen. Ich wollte sterben. Und da kam dieser holländische Soldat und fragte mich, ob ich eine Schachtel Zigaretten und ein paar Bier wolle. Ich heulte nur noch. Meine Familie hatten sie rausgeschmissen, die Serben würden sie töten, und er sagte nur: 'Okay' - und ging."
Gegenüber dem ehemaligen UN-Stützpunkt liegen die Opfer von Srebrenica jetzt begraben. Bisher wurde weniger als die Hälfte von ihnen gefunden. So wie Hasan haben auch viele andere Menschen ihre Familien verloren. 8376 Menschen wurden ermordet. "Meine Mutter wurde in unserer Heimatstadt ermordet, die 50 Kilometer von hier entfernt liegt", sagt Hasan Nuhanovic. "Man hat sie in ein Gefängnis gesteckt und dort umgebracht. Über meinen Bruder weiß ich gar nichts. Und der Körper meines Vaters wurde vor einem Jahr exhumiert. Nach dem Bericht der Gerichtsmediziner fehlten große Teile seines Schädels."
UN-Kommandant leugnet die Vorfälle
Hasan Nuhanovic lebt heute in Sarajevo. Er arbeitet immer noch als Übersetzern - in einem Beruf, den er seit damals hasst. Im bosnischen Büro der deutschen "Gesellschaft für bedrohte Völker" erzählt er von seinem Gerichtsprozess. Hasan hat den holländischen Staat verklagt, weil dessen Soldaten damals seine Familie und die anderen Flüchtlinge im Stich gelassen haben. Doch der ehemalige Kommandant der UN-Blauhelme leugnete die Vorfälle. Vor kurzem erging das Urteil: "Das Urteil des Gerichts von Den Haag sagt, dass die holländischen Soldaten keinen der Flüchtlinge dazu aufgefordert hätten, das Lager zu verlassen", sagt Hasan Nuhanovic. "Niemand von ihnen habe sie in die Hände der Serben übergeben. Und das ist einfach gelogen."
Jahrelang hat Hasan Nuhanovic darum gekämpft, den einstigen UN-Stützpunkt zum Gedenkzentrum zu machen. Fotos der Opfer und Funde aus den Massengräbern erinnern an das, was an jenem Tag im Sommer 1995 geschah. "Dieser Ort erzählt die Wahrheit", sagt er. "Und die Serben wissen ganz genau, was damals passiert ist. Ich hoffe, dass sie ihre Kinder, die zu dieser Zeit vielleicht gerade geboren wurden oder noch nicht einmal auf der Welt waren, hierhin schicken. Sie sollen diesen Ort besuchen und der nächsten Generation davon erzählen. Wenn das nicht passiert, dann wird Bosnien für immer gespalten bleiben." Bisher sind es nur Schulklassen aus dem muslimischen Teil Bosniens, die den ehemaligen UN-Stützpunkt besuchen - wo der der größte europäische Genozid nach dem Zweiten Weltkrieg seinen Anfang nahm - der Ort, an dem die UN-Friedenstruppen komplett versagten.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



"Kulturzeit extra: Srebrenica - Zehn Jahre nach dem Massaker"


Hasan Nuhanovic
"Under The UN Flag: The International Community and the Srebrenica Genocide"
DES Sarajevo, 2007
ISBN-13: 978-9958728877

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13.11.2008  /  Clemens Riha für Kulturzeit / jh
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