Terror mit Wirkung
Der Propagandakrieg der afghanischen Taliban
Talibansprecher Mujahid gibt am 9. Oktober 2008 einem Journalisten ein Interview   © dpa
Nach jedem Anschlag auf Soldaten der Bundeswehr in Afghanistan wird in Deutschland der Abzug der deutschen Truppen gefordert. Ein Erfolg für die Taliban auch durch ihre Propagandastrategie. Gezielt machen die Taliban westliche Medien zu ihrem Sprachrohr. Talibanführer geben Zeitungen "Exklusivinterviews". Unkommentierte Drohungen der Taliban werden so zu Meldungen. Bilder, die ihre Gräueltaten zeigen, kommen oft nicht an die Öffentlichkeit.
Filmaufnahmen zeigen, wie im September 2008 in Afghanistan Taliban zwei Frauen von der Straße kidnappen. Eine von ihnen ist gerade beim Einkaufen. Noch ahnen sie nicht, was ihnen gleich passieren wird. Die Taliban haben die beiden Frauen einfach hingerichtet, gefilmt von einem afghanischen Kameramann. Ermordet wurden die Frauen, weil sie angeblich unmoralisch seien. Als Warnung auch für alle anderen. Bilder, die in Deutschland nicht wahrgenommen werden. Die Medien berichten meist nur von Taliban-Anschlägen auf die Isaf-Truppen. Das bestimmt unser Bild von Afghanistan.
Medien- und Propagandastrategie der Taliban
Im August 2008 stirbt ein Bundeswehrsoldat bei einem Anschlag. Prompt und reflexartig kommt wieder die Forderung, die Bundeswehr soll raus aus Afghanistan. Der ganze Einsatz wird jedes Mal in Frage gestellt - ein Erfolg für die Taliban. Genau so eine Diskussion wollen sie in Ländern wie Deutschland provozieren. Immer wenn das Mandat der Bundeswehr verlängert werden soll, wie im Oktober 2008, mehren sich die Anschläge gegen deutsche Soldaten - mit Schlagzeilen, die Angst und Schrecken verbreiten. Doch dahinter steckt eine perfide Medien- und Propagandastrategie der Taliban. Sie verfügen über ein professionelles Mediennetzwerk und bestimmen die Nachrichtenlage. Was die Taliban früher verteufelt haben, benutzen sie jetzt als Waffe.
Diese Entwicklung beobachtet Terrorismus-Experte Rolf Tophoven, er war gerade in der Krisenregion. "Kriege im 21. Jahrhundert werden häufig nicht auf dem Schlachtfeld entschieden, sondern sie werden in den Medien entschieden", sagt Tophoven. "Eine gezielte immer wieder in Szene gesetzte Medienkampagne, hat oft größere Wirkung als ein Kampfjet oder eine Spezialeinheit. Eine gezielte immer wieder in Szene gesetzte Medienkampagne, hat oft größere Wirkung als ein Kampfjet oder eine Spezialeinheit. Was Afghanistan betrifft, so sehen wir heute, dass die mediale Wirkung, der Medienkrieg, Zug um Zug von den Taliban auf die Siegesstraße gebracht wird."
Deutsche Medien zitieren Taliban-Sprecher
Diese Strategie der Taliban bestätigt eine gerade veröffentlichte Studie der International Crisis Group, einer renommierten Organisation mit Sitz in Brüssel. Darin wird ein Talibansprecher zitiert, der ihr "Erfolgrezept" beschreibt, Zitat: "Die Taliban-Medienarbeit ist sehr schnell, wenn Journalisten nach Informationen fragen. Die Karzai-Medien können nicht mit uns mithalten. Wir geben über Satellitentelefone die Informationen in Rekordzeit." Sie streuen Zahlen von Opfern und viele Gerüchte. Die Isaf-Truppen und die afghanische Regierung müssen das alles erst überprüfen und verlieren jedes Mal den Wettlauf mit der Zeit. Vor allem sind die Pressesprecher der Taliban 24 Stunden erreichbar. Nach jedem Anschlag ruft ein Talibansprecher bei ausgewählten deutschen Journalisten an oder diese bei ihm. Medien wie "Spiegel-Online" sind da ganz vorne weg. Hier liest man Interviews mit Talibanführern. Ihre Drohung wird sogar zur Schlagzeile gemacht: "Wichtig ist, Deutsche zu töten", titelt "Spiegel-Online" am 22. Mai 2008.
Der Talibanführer darf sich ausbreiten und hat damit sein Propaganda-Ziel erreicht: Angst zu schüren. Fast jede Woche schaffen sie es, eine Meldung zu platzieren, so heißt es da: "Per Telefon meldete sich Taliban-Sprecher Zabiullah Mojahid bei 'Spiegel-Online' und bestätigte die Durchführung der Attacke." Und "Der 'Spiegel' befragte den Talibanführer Salam telefonisch". Und veröffentlicht dessen Drohung: "[Salam] kündigte an, den 'Heiligen Krieg' fortzuführen - bis die Deutschen Kunduz und 'alle anderen Besatzer' Afghanistan verlassen hätten". Genau davon lebt die Taliban-Propaganda, dass sie im Westen Verbreiter hat. Terrorismusexperte Rolf Tophoven sagt: "Interviews mit Talibanführern, so interessant sie sein mögen, sollten erläutert und kommentiert dargestellt werden, sonst macht man sich zum Handlanger der Taliban und ist Teil der intendierten Propagandamaschinerie der Taliban."
Einschüchterungskampagnen der Taliban
Wir hätten gerne mit "Spiegel-Online" darüber gesprochen, ob man Terroristen auf diese Weise ein Forum geben soll. Die Chefredaktion fand leider keinen Termin. Die Taliban-Propaganda suggeriert, der Krieg ginge nur gegen die Nato-Truppen und ihre Anwesenheit. Und das glauben viele, die jedes Jahr gegen den Bundeswehreinsatz auf die Straße gehen und den Truppenabzug fordern. Doch dass sich der Terror der Taliban auch gegen die afghanische Bevölkerung richtet, das wird einfach ausgeblendet. Die Taliban haben Hunderte Schulen seit 2006 zerstört. Beispielsweise haben sie eine neu aufgebaute Schule angezündet, und wurden von einem Kamerateam überrascht. Nur durch Glück konnte das Team später entkommen. Die Taliban bedrohen die Bevölkerung auch mit so genannten Nachtbriefen. "Die werden nachts abgelegt, in einem Dorf, beispielsweise vor einer Schule und bedrohen den Lehrer mit dem Tode, wenn er am nächsten Tag die Schule wieder öffnet", berichtet Tophoven. "Das sind Einschüchterungskampagnen, die sehr wirksam sind, die aber in dieser Größenordnung zum Teil immer noch nicht im Westen wahrgenommen werden."
Dieser alltägliche Terror gelangt kaum in die deutschen Medien und die Öffentlichkeit. In Deutschland glauben viele lieber der Taliban-Propaganda vom Krieg, der sich nur gegen die fremden Truppen richtet. Maliha Zulfacar ist die afghanische Botschafterin in Berlin. Sie hält die Debatte um den Abzug der Bundeswehr für fatal. Die Taliban würden das Land wieder an sich reißen, sagt sie, und die Afghanen zu Geiseln ihres Regimes machen. "Was die Taliban versuchen, ist, ein Bild zu vermitteln, dass die internationalen Truppen bei den Afghanen nicht willkommen sind", sagt Zulfacar. "Das ist absolut falsch. Die Afghanen begrüßen die Hilfe, sie wollen Veränderungen in ihrem Leben sehen. Die Truppen müssen die Hoffnungen und Wünsche der afghanischen Bevölkerung verteidigen. Wenn ein Kind zur Schule geht, dann ist das Hoffnung für eine ganze Familie. Das dürfen wir nicht vergessen."

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr


Der Beitrag als Video in der Mediathek des RBB



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22.10.2008 / Alexander Kobylinski, Caroline Walter ("Kontraste", rbb) / tm
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