Teure Straßenkunst
Graffiti-Künstler leben mit dem Rücken zur Wand
Ein Banksy-Graffiti bringt viel Geld - und wird gerne mal aus der Wand herausgeschlagen  © ap
Berlin ist Hochburg der "Street-Art", die überall lauern kann. Mal politisch, mal einfach plakativ - Street-Art kennt viele Spielarten, ist für manche Kunst, für viele Schmiererei. Die Akteure arbeiten illegal. Es geht um Ruhm und Spaß, wie "Grafro" erzählt, dessen Name über der Spree prangt: "Die Welt ist für alle da und die Stadt ist für alle da und jeder sollte daran teilnehmen", sagt er.
Street-Art ist keine neue Spielart der Straße, aber eine, die in ist. Viele Graffiti-Künstler werden mittlerweile von Galeristen umworben - "xoooox" etwa. Seine Mädchen sind sicher nicht Jedermanns Geschmack, für xoooox sind sie Kritik an der Konsumwelt. Erkannt werden will der Künstler nicht, die Aufnahmen vom aufwendigen Sprühen in der Nacht kommen per Post, das Interview ist nur im Internet möglich. "Ich will eben noch länger auf der Straße arbeiten und habe keine Lust auf Strafgelder", sagt xoooox. "Die Straße brauche ich, um mich mitzuteilen." Und dennoch zieht es auch xoooox in die schicken Galerien. Street-Art ist längst im Mainstream verankert, wie auch Benjamin Wolbergs Bucherfolg zeigt. Über Jahre ortete er die Tummelplätze der Szene, herausgekommen ist eine Art Street-Art-Führer, mit dem sich nun jeder auf Suche begeben kann.
Leidiger Nebeneffekt ist: Je bekannter ein Akteur wird, umso häufiger verschwinden seine Werke. Die "Ratten" von Englands Top-Street-Art-Künstler "Banksy" etwa werden übersprüht oder aus dem Stein gehauen und verkauft. Auch Roland Brückner, alias "Linda", erlebte das - für ihn ein Grund aufzuhören. Noch schlimmer für die Szene ist: Was Protest gegen die Werbung sein soll, wird von dieser benutzt. So schwimmen etwa Fregatten noch konsumkritisch unter verschlüsselten Modenamen wie Homy Milftiger alias Hillfiger, aber das, was sich als Street-Art tarnt, ist Teil einer Webekampagne. Geklebt oder gesprayt - für den Normalbürger ist das kaum als Werbung zu enttarnen. So gerät Street-Art in die Krise, wird Teil der Werbewelt - von der sie sich eigentlich unterscheiden will. Und der Betrachter fragt sich: War das nun Kunst, Schmiererei oder Werbung?

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr

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15.07.2008 / Stephanie Gargosch ("heute-journal"/ZDF) / tm
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