Italiens harte Hand
Wie Sinti und Roma stigmatisiert werden
Italienische Roma-Mutter mit Kind  © AFP
Silvio Berlusconi macht Ernst. Schon im Wahlkampf hatte er angekündigt, hart gegen Immigranten und illegale Einwanderer vorzugehen. Jetzt startet eine in Europa einmalige Staatskontrolle gegen eine ganze Volksgruppe: Roma und Sinti müssen bei den Behörden Fingerabdrücke abgeben, auch die Kinder der Roma. Klagten Kritiker noch darüber, dass selbst in Italien geborene Romakinder bisher nicht die italienische Staatsbürgerschaft bekommen haben, geschweige denn einen Pass, werden sie jetzt vorzeitig wie Verbrecher behandelt.
Dagegen gibt es auch im Land Widerstand. Prominente wollen aus Solidarität auch ihren Fingerabdruck geben - darunter Andrea Camilleri, Dacia Mariani und der in Italien sehr populäre linksjüdische Musiker Moni Ovagia. Auch mit dem Projekt "Cheja Chelen" wehrt sich Vanja Mancini, eine Tänzerin in Rom, gegen diese Behandlung der vielen Roma in Italien. Sie holt Romakinder von der Straße und bringt ihnen das Tanzen bei. Einladungen nach Deutschland hat sie bereits von Pina Bausch und der Folkwangschule Essen bekommen.
Roma-Kinder unter Generalverdacht
Umiza Halilovic fühlt sich wie eine Kriminelle behandelt
Die Roma Italiens werden demnächst alle Besuch von den Carabinieri bekommen. Die Behörden wollen Fingerabdrücke nehmen, notfalls mit Gewalt. Roma-Kinder stehen unter Generalverdacht. "Sie wollen uns alle erkennungsdienstlich behandeln - wie Kriminelle", sagt Umiza Halilovic, Bewohnerin von "Cesare Lombroso". Warum gehen Sie denn nicht zu den Kindern der Camorra, Ndrangheta und Mafia!" Das Roma-Lager "Cesare Lombroso" im Norden von Rom ist eines von 700 in Italien. Rund 160.000 Roma und Sinti leben im Land.
Brenda Halilovic ist hier geboren, dennoch gibt ihr der italienische Staat weder Staatsbürgerschaft noch Pass. Ihre Mutter Umiza sammelt auf der Straße Altmetall, davon lebt die Familie. "Ich wünsche mir so sehr, dass meine Kinder in Zukunft ein besseres Leben als ich haben", so Umiza Halilovic. "Dass sie endlich einen Ausweis bekommen, der es ihnen ermöglicht, arbeiten zu gehen, etwas Sinnvolleres zu machen als ich." Danach sieht es derzeit nicht aus. Im Mai 2008 steht eine riesige Rauchwolke über Neapel. Anwohner des Außenbezirks Ponticelli haben das örtliche Romalager angezündet, weil diese angeblich italienische Kinder kidnappen würden.
Und es brennt immer wieder - nicht nur in Neapel. Dort müssen die Roma sogar unter Polizeischutz aus der Stadt gebracht werden, unter den Freudentänzen ihrer einstigen Nachbarn. "Es gibt Volksgruppen, die eine Art Legende mit sich führen", erläutert der Schriftsteller Andrea Camilleri. "Sie ist bar jeder Realität, hat mit der Wirklichkeit ganz und gar nichts zu tun, und dennoch lässt sich die Legende nicht entkräften. Zum Beispiel, dass die Sinti und Roma Kinderdiebe seien. Schon im zarten Alter von vier, fünf Jahren habe ich meine Eltern gehört, die mir diesen Rassismus eingetrichtert haben. Pass bloß auf, so sagten sie, sonst kommen die Zigeuner. Die Zigeuner kommen und holen dich. Ich bin jetzt 83 Jahre alt und habe noch nie gesehen oder gehört, dass ein Kind von ihnen geklaut wurde. Aber dennoch - die Legende lebt bis heute." Der italienische Krimischriftsteller Andrea Camilleri ist, wie hunderte anderer, gekommen, um seinen Fingerabdruck zu geben - aus Solidarität mit den Roma, direkt vor dem römischen Innenministerium.
Das Gesetz: "Widerlich und nicht zu entschuldigen"
Eine Volksgruppe so zu behandeln, das sei Faschismus, sagt der jüdisch-italienische Schauspieler Moni Ovadia. "Ich dachte, ich müsste kotzen", sagt er. "Ich weiß, was es bedeutet, einem Volk anzugehören, das verfolgt wurde. Nicht etwa, weil es etwas getan hat, sondern weil es ist, was es ist. Und so ist dieses Gesetz. Es ist widerlich und nicht zu entschuldigen. Je mehr man versucht, es zu verharmlosen, umso schlimmer wird es." Wanja Mancini vom "Arci Flüchtlingsprojekt" kommt jeden Tag nach "Cesare Lombroso". Ihr "Progeto Integrazione Scuolastica", ein Projekt für die Integration an Schulen, hat dafür gesorgt, dass 50 Kinder des Lagers erstmals regelmäßig die Schule besuchen. Italienische Kinder tanzen gemeinsam mit den Roma. So begann das Projekt 2006. 2200 Roma konnten bisher in die römischen Schulen integriert werden. Auch die ansonsten verschlossenen Roma-Gemeinschaften machten mit. Doch dann bekam Rom einen rechten Bürgermeister und das Land das Fingerabdruckgesetz.
Tanzprojekt von Vanja Mancini
"Für uns war es ein harter Schlag", sagt Wanja Mancini. "Vor allem auch für die Roma-Gemeinschaften, die beschlossen hatten, mit uns und den staatlichen Stellen zusammenzuarbeiten. Vieles von unserer Arbeit ist verloren gegangen. Es ist so, als ob die neue Regierung eher die Rassisten unterstützen würde. Sie setzt auf die Vorurteile jener, die andere Kulturen nicht akzeptieren wollen." "Grazie Napoli" - "Danke Neapel" heißt es im Internet. Dort feiern die italienischen Neofaschisten die brennenden Roma-Lager und hetzen mit einer durchgestrichenen rumänischen Fahne weiter gegen sie. "Das Viertel Ponticelli gegen die Zigeuner" - so heißt der Film, der zeigt, wie die Roma von einer Horde Halbstarker auf Motorrollern verfolgt werden. Wenig später brennt ihr Lager.
"Dass diese Albträume wiederkommen, ist grauenhaft"
"Ich habe mich in diesen Tagen an ein Foto erinnert", sagt Schriftsteller Andrea Camilleri. "Es stammt, so glaube ich, aus Polen. Darauf sieht man einen kleinen jüdischen Jungen, der so eine Mütze trägt wie ich und die Hände nach oben hält. Dass diese Albträume wiederkommen, ist grauenhaft."
Dacia Mariani
Auch Dacia Mariani will ihren Fingerabdruck geben. Seit den 1960er Jahren kämpft die Schriftstellerin für eine liberale Gesellschaft. Dass es in ihrem Italien einmal dazu kommt, dass eine ganze Ethnie stigmatisiert wird, das hielt sie nicht für möglich. "Es wurde hier ein Klima der Angst erzeugt", so Dacia Mariani. "Angst vor den Roma. Wir haben die Mafia, die Camorra und die Ndrangheta, die Italien doch tatsächlich daran hindern, sich zu entwickeln. Doch statt auf sie, konzentriert man sich auf die Roma. Auf die kleinen Diebe, die kleinen Händchen der Kinder, die angeblich viel gefährlicher seien als die großen Hände derer, die Italien wirklich im Würgegriff halten."
Noch geht das Tanzprojekt an den Schulen weiter. Doch in den letzten Wochen kommen immer weniger Kinder. "Wir haben Angst, ja", sagt Wanja Mancini vom "Arci Flüchtlingsprojekt". "Angst herrscht vor den Reaktionen der Menschen, die Fremdes nicht akzeptieren wollen. Sie wollen keine Ausländer in ihrem Leben. Wir aber sind der Meinung, dass jede Andersartigkeit eine große Bereicherung für die Gesellschaft ist." Die Romakinder von Italien haben Träume und Wünsche. Auch sie sind Europäer. Ob Europa ihnen hilft?

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



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15.07.2008 / Clemens Riha und Alessandro Allaria für Kulturzeit / lj
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