Die Ursache des Hungers
Brechts "Heilige Johanna der Schlachthöfe" heute so aktuell wie damals
Bertolt Brecht  © dpa
"Hungersnöte brechen nicht aus, sie werden gemacht", heißt es frei nach Bertolt Brecht in der "Heiligen Johanna der Schlachthöfe" - eine steile These aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise. Vor dem Hintergrund der Überproduktion von Getreide interpretiert er die Spekulationen in Fleisch und Vieh an der Börse von Chicago 1929/30 als Gier und Mangel an Moral.
Die Folge sind Hunger und soziale Not. Wie aktuell sind Brechts Aussagen heute? Lässt sich die Frage nach der Verantwortung von Spekulanten, die sich auf Rohstoffmärkte stürzen und die Lebensmittelpreise hochtreiben, noch immer mit Brecht beantworten? Der schrieb: "Das Unglück entsteht nicht wie der Regen", sondern "wird von denen gemacht, die ihren Vorteil davon haben."
Brecht brandaktuell
Goldgelb-satte Weizenfelder kurz vor der Juli-Ernte verheißen: Bald werden die Speicher voll sein. Der Tisch scheint reichlich gedeckt. Die Statistik sagt allerdings anderes: Weltweit hungern 860 Millionen Menschen oder sind akut vom Hunger bedroht. 860 Millionen, das macht rund ein Achtel der Weltbevölkerung aus. Unvorstellbar! Vor 80 Jahren schon hat der Stückeschreiber Bertolt Brecht die Ursachen des Elends angeklagt. "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" ist ein noch immer höchst brisantes Drama. Claus Peymann hat das Stück 2003 auf Brechts alter Bühne, dem Berliner Ensemble, noch einmal inszeniert. Es ist die Geschichte der mildtätigen Johanna, die erkennt, dass Hungersnöte nicht wie Regen vom Himmel fallen, sondern gemacht werden, von einer Clique von Spekulanten, die Armut nicht schert.
"Heute sagt man, es ist alles so kompliziert", so Peymann, "dass wir das gar nicht mehr verstehen können, die Stücke Brechts schon gar nicht, das ist ja alles von vorgestern. Ich finde das völligen Quatsch. Ich glaube, es sind die einfachen Wahrheiten. Es ist heute nur unsichtbarer geworden. Das sind nette Leute, die die Fäden in der Hand halten. Man kann mit denen Abendessen gehen, französischen Rotwein trinken und Austern schlürfen, aber der Verelendungsprozess in der Welt nimmt permanent zu. Irgendetwas ist da faul, und ich finde, da sind solche knallharten Unternehmungen wie die 'Heilige Johanna der Schlachthöfe' totales Aufklärungsmaterial." Ort der Handlung sind die Schlachthöfe Chicagos, wo sich die Fleischkönige bekriegen. Sie spekulieren, lassen Fleisch verrotten, um die Preise nach oben zu treiben. Arbeiter werden nach Belieben gefeuert.
Künast: "Hungersnöte sind gemacht"
Das Drama gefällt auch einer einstigen Verbraucher-Schutzministerin. "Die jetzige Welternährungskrise ist der Beweis", sagt Renate Künast. "Brecht hat Recht, Hungersnöte sind gemacht, weil die gesamte Welt-Ernährungsstruktur genau so funktioniert. Die Armen dürfen die Rohstoffe anbauen, und die Wertschöpfung der Verarbeitung nimmt der reiche, weiße Mann im Norden." Ein Beispiel: Welches Land ist weltweiter Marktführer im Kaffee-Geschäft? Brasilien? Falsch: Weltmeister ist Deutschland. Hier wird nicht gepflückt, aber veredelt - und Geld verdient. Ein Brecht-Stück unserer Tage. "Die 'Heilige Johanna' wird in der so genannten Dritten Welt gespielt", sagt Claus Peymann. "Brecht ist der einzige deutsche Dramatiker von Weltrang. Goethe und Schiller werden nicht gespielt in Johannesburg, Mexiko City und Rio de Janeiro, nicht Kleist, nicht Lessing: Brecht! Warum? Weil sie ihn da gebrauchen können, um über ihre eigene Verelendung aufzuweinen."
Wie zeitlos aktuell die Thesen des Klassikers Brecht sind, zeigt auch der nachdrückliche Dokumentarfilm "Septemberweizen" von 1980. Er zeigt, wie an der Weizenbörse Chicagos die Preise diktiert werden, Nahrungsgüter als politische Waffe benutzt werden. Ein skrupelloses Geschäft mit dem Hunger. An den Techniken der kapitalen Vernichtung von Nahrung hat sich wenig geändert. Aber die Gruppe der Täter ist größer geworden. "Hunger wird durch Marktmanipulation gemacht", sagt Dokumentarfilmer Peter Krieg. "Nehmen Sie als Beispiel die EU: Durch ihre Einfuhrzölle und Ausfuhrgesetze macht man Dumping in der 'Dritten Welt' und verhindert, dass die Entwicklungsländer ihre Produkte auf dem europäischen Markt verkaufen können."
Die "Heilige Johanna" zieht sich am Ende die Uniform der "Schwarzen Strohhüte" aus. Mit christlicher Nächstenliebe ist keinem Spekulanten beizukommen. Bei Brecht hilft nur der Klassenkampf.

"Dieses ganze System ist eine Schaukel mit zwei Enden, die voneinander abhängen. Und die da oben sitzen oben nur, weil jene unten sitzen. Und nur solange jene unten sitzen. Und säßen nicht mehr oben, wenn jene heraufkämen, sodass sie wollen müssen."
(Zitat "Die Heilige Johanna der Schlachthöfe")


Bitterer Triumph
Das aber ist einem klugen Kopf wie Peter Krieg dann doch etwas zu simpel gedacht. "Die ist sehr aktuell", sagt er, "aber auf eine ganz andere Art und Weise, die Brecht wahrscheinlich so nicht gedacht und unterschrieben hätte, denn wir haben heute die Situation, dass der größte Verursacher von Hunger nicht mehr da ist: der Sozialismus. Die größten Hungersnöte sind in der Sowjetunion und in China von den Kommunisten organisiert worden durch etwas, was man heute immer noch versucht, nämlich, den Markt vor allem mit Getreide und Nahrungsmitteln staatlich zu manipulieren."
Aber auch nach dem Zusammenbruch des Kommunismus wird mit Weizen, Mais und Raps hemmungslos spekuliert. In der 'Johanna' heißt es: "Elend und Hunger hat eine Ursach". Eben! "Neulich war mal der Sommer hier mit seinen Gewerkschaftsleuten", sagt Claus Peymann. "Die haben sich auch inzwischen angewöhnt, genauso zu reden wie die Unternehmer. Die waren völlig fertig. Plötzlich habe ich gedacht: 'Das gibt's ja nicht! Das ist, was unsere Leute hören und sehen wollen, dass den Anderen Hören und Sehen vergeht. Also, ich finde es toll, dass wir die 'Heilige Johanna der Schlachthöfe' 80 Mal gespielt haben hier, immer voll." Ob der große Stückeschreiber wohl geahnt hat, dass die "Heilige Johanna", der Klassiker vom Termingeschäft mit dem Hunger, auch nach 80 Jahren noch immer auf den Spielplan gehört? Es ist ein bitterer Triumph.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



Das gesamte Interview mit Claus Peymann, geführt von Tilman Jens



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16.07.2008 / Tilman Jens (Kulturzeit) / lj
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