 |
|
Frau mit XY-Chromosomensatz
|
 |
|
Elisabeth Müller sieht aus wie eine Frau, hat aber einen XY-Chromosomensatz wie ein Mann. Mit 24 Jahren wurde sie von ihrem Arzt psychisch genötigt, die Hoden wegmachen zu lassen - ohne Aufklärung über die gesundheitlichen Folgen. "Dass da schlimme Nachwirkungen kommen können, das hat mir keiner erzählt", so Elisabeth Müller. "Dass ich Osteoporose bekommen könnte, Fettleibigkeit, Depressionen, Stimmungsschwankungen, Ermüdungserscheinungen. All diese hübschen Dinge sind dann alle aufgetreten. Ich wurde von einem gesunden zu einem kranken Zwitter gemacht."
|
 |
|
 |
 |
 |
|
Eine Leidensgeschichte als Intersexuelle hat auch Christiane Völling. Sie hat wie jede Frau einen XX-Chromosomensatz. Sie fühlte sich als Mädchen, wurde aber zu Thomas gemacht. Wegen eines äußerlich uneindeutigen Genitals, trotz intakter weiblicher Geschlechtsorgane. "Die Behandlung der Mediziner kann ich nicht als Behandlung bezeichnen, sondern nur als menschenverachtende Handlungen, die an mir durchgeführt worden sind", so Christiane Völling. "Zum Beispiel die Sache mit dem Hausarzt: 'Solche Menschen wie dich hat man früher auf dem Jahrmarkt ausgestellt und damit Geld verdient! Das kannst du ja auch mal ausprobieren! Da bist du eine Kuriosität, eine Sensation!' Und wenn man so etwas bei höhnischem Gelächter zu hören bekommt, dann rutscht man in einen psychischen Schock hinein. Das kann kein Mediziner einem intersexuellen Menschen sagen. Das ist eine menschenverachtende Methode." Sie versuchte, sich mit einem Küchenmesser zu verstümmeln, dachte an Selbstmord, kam schließlich in die Klinik. Dann bei der Untersuchung hatten die Ärzte einen Verdacht: ein Tumor. Stattdessen fand das OP-Team eine intakte Gebärmutter sowie gesunde Eierstöcke und schnitt sie heraus - ohne Völlings Einwilligung.
|
 |
|
 |
 |
|
 |
 |
|
Was bin ich?
|
 |
|
Katinka Schweizer vom Institut für Sexualforschung an der Uniklinik Hamburg weiß: "Fast 50 Prozent der Teilnehmenden zeigen Suizidgedanken, ein hohes Ausmaß an Depressivität und anderen psychischen Symptomen. Da sprechen wir von klinisch auffälligen Fällen. Auch mit anderen Gruppen verglichen, haben wir es mit einem hohen Maß an psychischer Beeinträchtigung zu tun."
Intersexuelle wie Menschenrechtsexperten fordern das Recht auf einen freiwilligen Eintrag im Pass - als Grundstein für eine geschützte Existenz von Zwittern. "Es ist ein Grundrecht eines Menschen, als das wahrgenommen zu werden, was er oder sie ist", sagt der Menschenrechtsexperte Oliver Tolmein. "Das Bundesverfassungsgericht hat bei Transsexuellen beispielsweise das Recht anerkannt, von dem Moment an, wo sie sich als Transsexuelle outen, auch in dem Geschlecht angesprochen zu werden, das sie sich ausgesucht haben. Intersexuelle Menschen werden in ihrem Geschlecht, das eben nicht Mann, nicht Frau ist, überhaupt nicht anerkannt. Sie werden nicht besonders angesprochen, sie werden sogar gezwungen, sich einem anderen Geschlecht zuzuordnen. Das ist deswegen eine gravierende Grundrechtsverletzung."
|
 |
|
 |
 |
|
 |
 |
|
Rechtlose Stellung von Zwittern
|
 |
|
"Im 18. und 19. Jahrhundert gab es Zwitter", erklärt Menschenrechtsexperte Oliver Tolmein. "Die Medizin konnte damals nichts machen, es war ein Thema des Rechts, Rechte und Pflichten von Zwittern zu regeln. Im allgemeinen Preußischen Landrecht ist das geschehen. Später hat die Medizin übernommen, hat gesagt, wir können therapieren, wir können das heilen, wir können es zum Verschwinden bringen. Das Recht hat sich zurückgezogen. Wir haben heute eine rechtlose Stellung von Zwittern. Und ich denke, das Recht muss in diesem Bereich wieder hinein kommen. Dann haben die Zwitter auch wieder die Möglichkeit zu entscheiden, wie sie medizinisch behandelt werden wollen."
|
 |
|
 |
|  |

 |
 |

 "XXY"
AR/F/E 2007
Regie: Lucía Puenzo
Kinostart: D: 26.06.2008,
CH: 31.07.2008 |  |
|  |
 |



|