Aufstand der Anständigen
Tausende Südafrikaner demonstrieren für Toleranz und gegen Gewalt
"Million Man March" am 10.06.2008 in Pretoria  © dpa
In dem Film "Hotel Ruanda" wurde die Auseinandersetzung von Hutu und Tutsi drastisch vor Augen geführt. Eine der Hauptrollen spielte der Schauspieler Desmond Dube. Er ist es auch, der den "Million Man March", einen "Marsch der Millionen", am 10. Juni 2008 im südafrikanischen Pretoria organisiert hat. Dieser richtet sich gezielt gegen die Gewalt von Südafrikanern gegen ausländische Flüchtlinge.
Es ist ein Aufstand der Anständigen. Ein "Marsch der Millionen" sollte es werden, doch nur Tausende kamen. Nach den brutalen Übergriffen gegen Ausländer demonstrierten sie für Toleranz und gegen Gewalt. Der Schauspieler und Filmregisseur Desmond Dube, der Initiator des Marschs, mahnt: "Die gewalttätigen Ausschreitungen haben uns zu Fremden in unserem eignen Land gemacht."
Arme bedrängen andere Arme
Die Demonstration bedeutet einen Hoffnungsschimmer - und Süd-Afrika braucht Hoffnung. Noch immer steht das Land unter Schock. In den vergangenen Wochen sind Ausländer brutal gejagt worden. "Verlasst unser Land! Sonst bringen wir euch um", drohten die Einheimischen in den Armenvierteln Südafrikas. Es gibt Tote, doch die Regierung wartet ab. Zu lange dauert es, bis endlich - unter dem Blick der Weltöffentlichkeit - die staatlichen Sicherheitskräfte die Lage in den Griff bekommen. Jetzt sind fast 50.000 Einwanderer in Zeltlagern und provisorischen Unterkünften evakuiert. Dort sind sie sicher, viel besser geht es ihnen aber nicht. Das Rote Kreuz verteilt Decken und Matratzen für die Nacht. Doch die Erinnerung lässt hier niemanden Ruhe finden. "Es war an einem Samstagabend", berichtet eine Frau. "Sie kamen, schrien und sangen, trieben alle Ausländer zusammen und zerstörten die Hütten. Wenn sie einen Ausländer erwischten, schlugen sie ihn zusammen. Einige meiner Brüder sind dabei gestorben."
Die Gewalt hat Ursachen: In den Townships herrschen Dreck, Hunger und Elend. Wer hier lebt, hat kaum mehr als seine Unterkunft. Doch hierhin drängen auch die Einwanderer aus den Nachbarstaaten - in eine Welt, in der es nichts mehr zum Teilen gibt. So droht der Krieg der Armen gegen die Ärmsten. "Es war ein Hilferuf", erklärt ein Mitarbeiter des Roten Kreuzes. "Die Leute sagen: 'Wir wissen nicht mehr, was wir tun sollen'. Nur deshalb reagierten sie mit Gewalt. Wüssten sie sich selbst zu helfen, würden sie vielleicht auch anders reagieren." Die Regierung versucht nun, das Chaos zu ordnen, verteilt Flüchtlingsanträge, will die Vertriebenen reintegrieren. Doch wie das gehen soll, ist noch immer unklar. Weil die meisten hier illegal über die Grenzen gekommen sind, ist nicht einmal bekannt, wie viele Flüchtlinge es überhaupt gibt. Zu lange ist die prekäre Situation der Einwanderer vernachlässigt worden. Daher wird es - bei allen Beteuerungen - eine schnelle Lösung wohl kaum geben. Die Menschen hier erwartet noch immer eine ungewisse Zukunft.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



Das Kulturzeit-Gespräch mit Moeletsi Mbeki, Soziologe und Bruder des südafrikanischen Präsidenten (11.06.2008)


Der Beitrag von Jochen Werner (ca. 2.36 Min.)

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11.06.2008 / Jochen Werner (Kulturzeit) / lj
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