Künstler vor dem Kadi
Jerofejew und Samodurow müssen sich für eine Ausstellung verantworten
Andrej Jerofejew (l.) und Juri Samodurow stehen am Pranger
Im Moskauer Ausstellungszentrum "Winsawod" kämpft ein Künstler in Indianerpose symbolisch gegen die staatliche Zensur, dargestellt als Panzer. Es ist eine Podiumsdiskussion von Künstlern, Kulturmanagern und Menschenrechtlern - und es geht um ein ernstes Thema: den bevorstehenden Gerichtsprozess gegen Andrej Jerofejew und Juri Samodurow. Weil sie eine unbequeme Ausstellung organisierten, droht ihnen Haft - ein Alarmsignal für die Künstlerszene.
"Die beiden werden beschuldigt, religiöse Gefühle verletzt zu haben, kirchliche Fanatiker haben eine Anklage erwirkt", so Igor Schilkowskij, Künstler und Verleger. "Das geht natürlich nicht. Die Kunst braucht ihren Raum, und die Kirche soll sich auf ihren eigenen Bereich beschränken - und nicht stören." Der Künstler Dmitrij Wrubel ergänzt: "Jeder von uns hat inzwischen Angst vor Verfolgung. Ironischerweise verkauft sich die Kunst aufgrund der Repressalien aber besser. So hat sich zum Beispiel der Preis für das Bild über die küssenden Polizisten vervierfacht, seit es der frühere Kulturminister als Beleidigung bezeichnete."
Verbotene Kunst
Der Stein des Anstoßes ist die Ausstellung "Verbotene Kunst" aus dem Jahr 2007. Verantwortlich dafür war Andrej Jerofejew, Kurator für zeitgenössische Kunst der Tretjakow-Galerie. Im Moskauer Sacharow-Zentrum hatte er Werke präsentiert, die der Selbstzensur russischer Museen zum Opfer gefallen waren, zum Beispiel eine Ikone aus Kaviar von Alexander Kosolapow. Oder eine "Tschetschenische Marilyn" mit einem Sprengstoffgürtel um den Bauch - eine Anspielung auf die gefürchteten "Schwarzen Witwen". Wohlweislich hatte Jerofejew die Exponate hinter Stellwänden verborgen. Besucher mussten durch Gucklöcher schauen, um Soldaten in Sexpose zu erkennen oder den Lenin-Orden am Kreuz. Alle Vorsichtsmaßnahmen nützten nichts: Gegen Jerofejew wurde ebenso Anklage erhoben wie gegen den Leiter des Sacharow-Zentrums, Jurij Samodurow.
Als Jerofejew vor kurzem zur Staatsanwaltschaft musste, um die Anklage zu erfahren, wusste er schon, dass er beschuldigt wird, religiöse und nationale Zwietracht zu säen - für ihn völlig absurd. "Die Anschuldigung hat nichts mit der Ausstellung zu tun - die widmete sich der Zensur", sagt er. "Wir haben Werke gezeigt, die aus Museen entfernt wurden. Nun heißt es, wir hätten die Gefühle mancher Bürger verletzt. Völlig an den Haaren herbeigezogen. Bewusst wird unsere Arbeit verzerrt, wir werden eingeschüchtert." Es geht um die Deutungshoheit für moderne Kunst, vor allem um die sakrale Bildsprache. Die russisch-orthodoxe Kirche erhebt ein Monopol auf diese Kunst, und der Kreml hat nichts dagegen. Demonstrativ zeigen Staat und Kirche Einigkeit. Laut Verfassung ist Zensur in Russland verboten. Doch sie wird ersetzt durch Selbstzensur der Museen oder durch bestellten Protest. "Dabei greift der Staat selbst nicht ein", sagt Jerofejew. "Es gibt ultrarechte Kräfte, die ihre eigene Politik verfolgen, und das passt dem Kreml offenbar ins Konzept. Er muss selbst gar nichts machen. Er hat nicht einmal eine klare Kulturpolitik. Und so können sich reaktionäre Kräfte aufspielen."
Bis zu fünf Jahre Haft
Einer dieser selbsternannten Patrioten ist Oleg Kassin, Chef der so genannten Volksversammlung. Er ist der Initiator der Anklage, und er will, dass an Jerofejew und Samodurow ein Exempel statuiert wird. "Wir wollen", so sagt er, "dass einer der Organisatoren, einer, der besonders uneinsichtig ist, zur Verantwortung gezogen wird und eine hohe Haftstrafe erhält. Damit alle verstehen, dass in Russland Recht und Gesetz herrschen. Dass Gesetze für alle gelten und sie die Rechte der orthodoxen Christen schützen." Diese Worte klingen wie ein schlechtes Omen, so, als ob bald schlechte Zeiten anbrechen für moderne Kunst in Russland. Jerofejew und Samodurow drohen Haftstrafen von bis zu fünf Jahren.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



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29.05.2008  /  Joachim Bartz für Kulturzeit / tm
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