Der Traum vom Heimkehren
Palästinenser 60 Jahre nach der Staatsgründung Israels
Jerusalem - die geteilte Stadt  © dpa
"Oh, mein Vaterland, oh, mein Palästina" ist ein Lied voller Sehnsucht nach einer verlorenen Heimat. Sechs Millionen Palästinenser leben 60 Jahre nach der Staatsgründung Israels im Exil - wenn auch nicht mehr in Zeltlagern. Sie flohen in Lastwagen und Karawanen, als die Araber für ein Palästina ohne Juden kämpften, und Israel um seine Unabhängigkeit.
"Oh, mein Vaterland, mit dem Schwert in der Hand werden wir dich befreien", singen die Flüchtlinge von damals noch heute. Doch ihre Lager sind längst gewachsene Dörfer, die Rückkehr in das Land, das heute Israel ist, wohl nur Illusion. Sari Nusseibeh, palästinensischer Historiker und Direktor der Jerusalemer Al-Quds-Universität, hat schon vor Jahren die These aufgestellt, dass mit einem Beharren auf das Rückkehrrecht kein Frieden mit Israel möglich sei. Denn in keinem zukünftigen Friedensabkommen wird sich Israel auf die Einwanderung von Millionen Palästinensern einlassen.
Streit ums Rückkehrrecht
"Wenn wir einen palästinensischen Staat wollen", so Sari Nusseibeh, "dann heißt das per Definition, dass es ein Staat neben Israel sein wird: die Zweistaaten-Lösung. Das Rückkehrrecht der Flüchtlinge nach Israel selbst müssen wir dann aufgeben, andere Lösungen für das Flüchtlingsproblem finden: Zuerst einmal muss Israel das Problem, das Leid anerkennen, dann die Flüchtlinge finanziell entschädigen oder in einem palästinensischen Staat neu ansiedeln." Und, so meint der Historiker, Israel muss den Palästinensern Ost-Jerusalem als Hauptstadt zugestehen, wenn sie auf das Rückkehrrecht verzichten. Diese These nat ihm erbitterten Zorn eingehandelt: den Zorn der Straße, aber auch den vieler Politiker und Akademiker. Saji Salameh ist Universitätsberater für Migrations- und Flüchtlingsstudien. Das Rückkehrrecht, verankert in einer UN-Resolution von 1948, sei unantastbar, meint Salameh, der zu Zeiten Yassir Arafats dessen rechte Hand in Sachen Flüchtlingsfragen war.
Sari Nusseibeh
"Wir werden nie 'ja' dazu sagen, unser Rückkehrrecht aufzugeben", meint Saji Salameh. "Nein, niemals. Die Israelis müssen endlich einsehen, dass wir in diesem Land gelebt haben, dass unsere Häuser, unsere Ländereien und unsere Erinnerungen immer noch dort sind. Das müssen sie anerkennen." Salameh spricht Millionen Menschen aus der Seele. Viele haben immer noch den Schlüssel zu dem Haus, aus dem sie vertrieben wurden im Krieg nach der Staatsgründung Israels - auch Ahmed Massoud Khaled Safi und seine Frau Kamli. 60 Jahre schon leben sie und ihre Freunde in einem Uno-Flüchtlingslager bei Ramallah. 60 Jahre warten sie auf den Tag, an dem sie zurückkehren werden. "Es gibt keine Alternative zum Rückkehrrecht", sagt Ahmed Massoud Khaled Safi. "Es ist in unserer Seele und in unserem Herzen. Es ist in all unseren Seelen und unseren Herzen. Und eines Tages werden wir nach Hause zurückgehen."
Projekt "Rückkehr 2008"
Schon 1948, zu Beginn der palästinensischen Flüchtlingsströme, haben die Vereinten Nationen die Tragödie dokumentiert, in Filmen wie dem "Sand der Sorge". "Al Nakba", die Katastrophe, nennen die Palästinenser die Staatsgründung Israels - bis heute. Die Kinder von damals sind ewig heimatlos geblieben. "Rückkehr 2008" heißt das Projekt, für das die Flüchtlinge zusammen mit der Palästinenserregierung in Pressekonferenzen die Werbetrommel rühren. Am 60. Unabhängigkeitstag Israels wollen Millionen Palästinenser die Grenzen stürmen: vom Westjordanland aus, vom Gazastreifen, von Ägypten und Jordanien, von Libanon und Syrien.
Saji Salameh
Für den palästinensischen Flüchtling Safi ist das der Stichtag, an dem sie mit UN-Flaggen in der Hand zurück zu ihren Häusern marschieren werden. Auf den Einwand, die Israelis würden sie aufhalten, entgegnet Safi: "Sollen sie uns erschießen. Auch mein Sohn ist schon im Kampf gegen Israel gefallen." Mehr als irgendwo sonst stirbt die Hoffnung zuletzt in den Flüchtlingslagern. Aber noch sind sich die Historiker uneinig, ob man den Menschen einen neuen Horizont geben muss oder ob die Rückkehr von ein paar Tausenden realistisch ist in dem Moment, in dem Israel bereit ist zu verhandeln.
Saji Salameh fordert. "Reden wir miteinander. Die Realitäten kennen wir alle. Setzen wir uns zusammen und diskutieren wie, wo und wieviel Flüchtlinge in welchen Mechanismen zurückkehren können - auf eine Art und Weise, in der wir unser Selbstwertgefühl und unsere Würde bewahren." Der Historker Sari Nusseibeh sagt: "Der Traum, zurückzukehren, lebt immer noch weiter. Und er wird solange bestehen, bis wir den Menschen einen anderen Traum anbieten können: nicht einen Traum in der Vergangenheit, sondern den Traum von einem potentiellen Paradies in der Zukunft. Deswegen ist es so wichtig, den Menschen Hoffnung zu geben." Noch träumen Ahmed Massoud Khaled Safi und seine Freunde beharrlich von der Rückkehr ins Kernland Israels. Aber niemand packt seine Koffer. Im Gegenteil: In dem 60 Jahre alten Flüchtlingslager bauen sie Häuser für die nächste Generation.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



Pulverfass Nahost


Sari Nusseibeh, Anthony David, Gabriele Gockel, Katharina Förs
"Es war einmal ein Land. Ein Leben in Palästina"
Antje Kunstmann 2008
ISBN-13: 978-3888975103
24,90 €

Israel ohne Mythos - Tom Segev analysiert die Ursprünge des Israel-Palästina-Konflikts
Eskalation in den Palästinensergebieten - um richtet sich die Wut nun auch direkt gegen Europäer
Historische Wende - Der Abzug der jüdischen Siedler aus dem Gaza-Streifen
Der Zaun spaltet Israel - Ist die Mauer der Anfang vom Ende des palästinensischen Volkes?

17.04.2008 / Uri Schneider für Kulturzeit / tm
zurück Seitenanfang Druckversion Artikel versenden 3sat / Kulturzeit [E-Mail]