Allein auf sich gestellt
Flüchtlingskinder in Deutschland
Krieg, Verfolgung und Armut - für viele ist die Flucht die einzige Chance auf eine Zukunft. Doch wie sieht die in Deutschland aus?  © ap
Am 20. November 2007 feiert die UN-Kinderrechtskonvention 18. Geburtstag. Sie wird "volljährig". Doch ernstgenommen wird sie nicht. Laut der Konvention besitzen alle Kinder verbriefte Rechte - auf Überleben, auf Entwicklung, auf Schutz und Beteiligung. Alle Staaten - außer den USA und Somalia - haben diese Konvention ratifiziert. "Ein Kind ist jeder Mensch, der das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet hat", heißt es da. Die Botschaft lautet: "Alle Kinder haben die gleichen Rechte.“ Doch nicht in Deutschland.
Kaum einer weiß, dass die Bundesrepublik die Konvention nur mit einem Vorbehalt unterzeichnet hat. Demnach bleibt deutsches Asyl- und Ausländerecht von der Konvention unberührt. Die härtesten Konsequenzen hat das für die Flüchtlingskinder, die ganz allein auf sich gestellt sind. "Ich habe hier schon Jugendliche erlebt, die haben geweint, kurz bevor sie volljährig wurden", erinnert sich die Münchener Sozialpädagogin Isabella Deck. Sie ist Vormündin für 36 Mündel - und träumt von einer "anderen Art" Asylverfahren.
Schon mit 16 Jahren werden die Flüchtlingskinder hier nach deutschem Ausländer- und Asylrecht wie Erwachsene behandelt. Viele sind monatelang ohne Vormund. Mit 18 dann ist alles offen. Der 18-jährige Afshin Ali Nikoie zum Beispiel, bald zwei Jahre in Deutschland und im Status der Duldung, träumt davon, Automechaniker zu sein. Für eine gute Zukunft will er "alles machen". Hinter vielen der Flüchtlingskinder liegen Krieg, Verfolgung und Armut. Die meisten sind Waisen oder Halbwaisen. Viele sind traumatisiert.
Volljährig - und was dann?
Michael Stenger, 48, Schulleiter & Geschäftsführer des "SchlaU-Projekts", München
Michael Stenger, 48, Schulleiter & Geschäftsführer des "SchlaU-Projekts", München erklärt: "Wenn ich sage, es gibt einen Vorbehalt gegen die Kinderrechtskonvention, die im Alter zwischen 16 und 18 eben nicht eingehalten wird, dann ist das ein Bruch mit der Konvention, die unterschrieben worden ist. Dieser Vorbehalt, wie das so schön heißt, bedeutet nichts anderes, als dass diese Rechte für Kinder, für Asylbewerberkinder, im Alter von 16 bis 18 nicht gilt." Isabella Deck hat häufig erlebt, "dass Jugendliche zum Beispiel - bevor wir als Vormund bestellt waren - bereits im Asylverfahren waren, bereits ihre Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hinter sich hatten. Es kann einfach sein, dass wir die Bestellung bekommen vom Vormundschaftsgericht, jetzt sind wir Vormund, und dann sehen wir aber auch gleichzeitig: der Asylantrag ist schon als offensichtlich unbegründet abgelehnt".
Die 18-jährige Maika Camara aus Guinea ist vor der Zwangsverheiratung geflohen, hat Bleiberecht in Deutschland und träumt von der Arbeit mit Kindern. Sie sagt: "Niemand hat mir geholfen, das war sehr sehr schwierig." Da werde "unheimlich viel verzögert, verschleppt", sagt Michael Stenger. "Fristen werden versäumt, und genau die Rechte, die weltweit von allen Unterzeichnerstaaten sonst bis 18 Jahre gewährt werden, diese Kinderrechte werden ihnen hier vorenthalten." Ein Asylverfahren ist wie ein Labyrinth. Allein ist man fast chancenlos. Diese Erfahrung musste auch Ramzi Hamroni aus Palästina machen. Der heute 18-Jährige ist bald zwei Jahre in Deutschland, im Status der Duldung, seine Abschiebung ist ausgesetzt. Er träumt davon, seine vielen Narben zu vergessen.
Als 16-Jähriger blieb er acht Monate lang ohne Vormund. Jetzt hat er einen Anwalt. Der rät ihm, vor unserer Kamera zu schweigen. Ramzi kann sich keine Fehler leisten. Die Abschiebung droht. Er hat Angst. Seit eineinhalb Jahren lebt er in einem Asylbewerberheim in München. Die wenigen Quadratmeter teilt er sich mit einem anderen Jungen. Das Containerlager gehört noch zu den besseren Erwachsenenunterkünften, in denen auch so genannte unbegleitete minderjährige Flüchtlinge untergebracht sind. Diese sind aufgrund der deutschen Vorbehaltsklärung alt genug, um ihr eigenes Asylverfahren selbst in die Hand zu nehmen, alt genug, um in Abschiebehaft zu geraten, alt genug, um unbetreut in Erwachsenen-Unterkünften zu leben - ohne vollen Anspruch auf Schulbildung.
10.000 unbegleitete Minderjährige in Deutschland
Michael Stenger weiß: "Sie verlieren dadurch auch das Kinderrecht, in dem beispielsweise die Bildung festgeschrieben ist. Unsere Schule springt in diese Lücke ein, wir nehmen sie auf und bereiten sie hier in der Schule in allen Fächern vor, um dann extern an den Regelschulen den Hauptschulabschluss, beziehungsweise den qualifizierenden Hauptschulabschluss abzulegen." Rund 10.000 unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge leben zur Zeit in Deutschland. Das sind Schätzungen, amtliche Statistiken gibt es nicht. Ihre Sehnsucht ist ein Lebensentwurf, eine Perspektive, eine Chance. Projekte wie "Zwischenstation" in Berlin, betreutes Jugendwohnen, versuchen, sie ihnen zu bieten. Es muss gefragt werden: Was sind denn die in der UN-Kinderrechtskonvention verbürgten Rechte wert, wenn sie für Flüchtlingskinder, die sie dringend brauchen, nicht gelten? Ganz gleich aus welchen Gründen sie hierher gekommen sind.
Lamin Jabi, 16 Jahre alt, aus Guinea-Bissau, geboren in Libyen, floh aus Hoffnungslosigkeit. Sein Asylantrag wurde abgelehnt. Er träumt davon, Fußballspieler zu sein. Was wissen wir von diesen Kindern? Nichts. Oft haben sie alles verloren: Eltern, Familie, Freunde, ihre Kultur, ihre Sprache. Sie vermissen ihre Kindheit. Doch die kann man ihnen nicht zurückgeben. Aber einen Zufluchtsort. Es ist längst an der Zeit, eine neue Debatte über Kinderrechte zu führen. Kinderrechte sind Menschenrechte - und die gelten in Deutschland nur unter Vorbehalt.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr

Rotary Club Munich International: SchlaU Project
Zwischenstation e.V
Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge e.V.
Unicef
UNHCR

Endstation Abschiebelager - Wie Italien Asyl suchende Flüchtlinge interniert
Festung Europa - Der Fall Cap Anamur
Schilys Lager - Europa zwischen Nächstenliebe und Selbstschutz
Zwei Österreicher in Ghana - "Welcome Home" thematisiert europäische Abschiebepraxis
denkmal: Kinder ohne Kindheit - 25 aufrüttelnde Texte über den Verstoß gegen Kinderrechte

20.11.2007 / Nico Weber für Kulturzeit / se
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