Strawinsky in der Bronx
Die Berliner Philharmoniker gehen auf Tuchfühlung
Strawinskys "Frühlingsopfer" interpretiert von New Yorker Kids
Was Sir Simon Rattle so erfolgreich in Berlin mit Jugendlichen praktiziert hat und in dem preisgekrönten Film "Rhythm is It!" seinen Niederschlag fand, wird derzeit nach New York importiert: "The Rite Of Spring Project" heißt das aktuelle Projekt der Berliner Philharmoniker. Es soll mit 120 New Yorker Schülern in der Carnegie Hall aufgeführt werden. Daneben gibt es auch so genannte "Neighbourhood Concerts", also Nachbarschaftskonzerte.
Die Philharmoniker spielen in der Bronx, in Harlem, in Brooklyn und in Chinatown. Als vor kurzem das Berliner Haus der Kulturen der Welt mit seinem New York Festival auch einen Städtevergleich "New York - Berlin" zog, zeigte sich bei den Gästen aus der US-amerikanischen Metropole ein großes Interesse für folgende Themen: Welche Rolle spielen kreative Milieus und kommunale Akteure? Am Ende stellte man fest, dass viel von der deutschen Hauptstadt zu lernen ist.
Sir Simon Rattle
Ungewohnte Klänge und Rhythmen ertönen derzeit, wo sonst die Ghettoblaster dröhnen. "Was ist denn das für eine Musik?", fragt die zehnjährige Leslie. "So etwas habe ich noch nie gehört." Die Berliner Philharmoniker bringen Strawinsky nach Harlem, und zwar Strawinsky zum Selbermachen. Was unterscheidet New Yorker von Berliner Kids? "Es sind andere Traditionen und eine andere Körpersprache", sagt Sir Simon Rattle, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. "Aber im Grunde ist es dasselbe: Die jungen Leute sind unglaublich kreativ und leidenschaftlich dabei, wenn man erst einmal die Barrieren eingerissen hat."
Gewöhnungsbedürftige Klänge
Harlem, Bronx, Washington Heights: In diesen Stadtteilen von New York wohnen jene, denen Strawinsky und Klassik nicht unbedingt an der Wiege gesungen werden. Sie hören Rap und Techno, und wenn sie selbst Musik machen, dann klingt oft nach Gospel-Musik. In New Yorks sozial schwächerem Norden bieten die Berliner Philharmoniker Kontrast-Programm. Strawinskys "Frühlingsopfer" ist das Kernstück, auch das ihrer Jugendarbeit in Berlin. Diese Klänge sind gewöhnungsbedürftig. Aber die Kids dürfen improvisieren, selbst erfinden und dabei sich selbst finden. "Frühlingsopfer" ist eine spannende Geschichte, und wir übertragen sie in den Alltag: Unschuld, Verlust von Unschuld, rivalisierende Banden, Gruppenzwänge - das spiegelt doch perfekt unsere Wirklichkeit", meint Orchestermitglied Catherine Milliken.
Catherine Milliken, Berliner Philharmoniker
Mary King macht vor, wie es klingen könnte. Es ist schwer, den letzten Ton so lange zu halten, wendet er ein. Und doch - sie haben Spaß, weil sie sich ernst genommen fühlen. "Das ist eine natürlich eine für mich fremde Kultur, aber ich probiere gern etwas Neues aus", sagt der 14-jährige Lennox. "Sie sind so voller Leben, Hoffnung und Verheißung - großartig", freut sich Catherine Milliken. Ihre vertrauten Gospel-Melodien sind Lichtjahre davon entfernt. Es ist anders, aber sie nehmen die Herausforderung an. "Das muss ja nicht die einzige Musik in ihrem Leben sein", so Sir Simon Rattle. "Aber wenn sie wenigstens ein bisschen davon annehmen, macht das schon enorm viel aus. Und es geht nicht nur um die Musik, und was sie ihnen gibt, sondern auch um Disziplin, im Team zu arbeiten."
Rohe Energie
Am United Palace Theater in Washington Heights im Norden New Yorks bändigt Choreograph Royston Maldoon die "Frühlingsopfer"-Tanzgruppe. Der Ort ist ein Theater und eine Kirche in einem. New Yorker Barock. Oder doch Gotik? Die Jugendlichen lieben seinen Ohrring und seine Bartstoppeln. Royston Maldoon ist Choreograph und Feldwebel in einem. "Ihr müsst total aufmerksam sein, völlig konzentriert", sagt er. "Kein Gerede, aufpassen, und absolut fokussiert. Das ist eure einzige Chance." Und: "Maul halten", brüllt Feldwebel Maldoon. "Ich mag diese rohe Energie, dieses Risiko", sagt Maldoon. "Jeden Tag auf Messers Schneide. Doch dann, wenn sie völlig verändert auf der Bühne sind und tanzen - das fasziniert mich einfach."
Royston Maldoon, Choreograf
Er kämpft gegen ihre Konzentrationsschwächen, ewige Quasselei, Fahrigkeiten - aber er weiß aus Berlin, dass er zum Ziel kommt mit den Kids. "Nein, macht Euch nichts vor: Es wird nicht plötzlich von selbst klappen bei der Aufführung", mahnt der Choreograf. "Wenn Ihr unsicher seid, verfallt Ihr in Panik. Aber wenn Ihr genau wisst, was Ihr zu tun und zu denken habt, dann werdet Ihr die Panik besiegen." "Das ist irgendwie befreiend", sagt die zehnjährige Leslie. "Du kannst tun, was du willst, und niemand kritisiert dich." Was ist wichtiger - die Arbeit mit den Kindern oder die Aufführung?
"Der Prozess ist das entscheidende", so Sir Simon Rattle. "Die Aufführung ist natürlich das Ergebnis, aber es geht darum, wie die jungen Leute sich entfalten, über sich selbst hinaus wachsen können. Die Aufführungen sind dann schon verblüffend, aber nicht die Hauptsache dabei. Wir wollen schließlich nicht über Nacht die Alvin Ailey Dance Company ausstechen, dieses New Yorker Top-Ballett. Dafür brauchen wir dann doch noch ein paar Wochen mehr." Es ist Sir Simons erste Begegnung mit ihnen. Am Folgetag wird es ernst: Dann bringt er seine Berliner Philharmoniker mit ins United Palace Theater. Die New Yorker Kids sind entschlossen: Sie werden sich nicht lumpen lassen.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



Der Beitrag von Uwe Kröger (Länge: 5.49 Min.)

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16.11.2007 / Uwe Kröger für Kulturzeit / lj
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