Was ist schön?
Umberto Eco über Spaghetti, Magersucht und Marilyn Manson
Umberto Eco hat 2004 "Die Geschichte der Schönheit" geschrieben. Aber weil es Schönheit nicht ohne Hässlichkeit gibt, folgt jetzt seine "Geschichte der Häßlichkeit". "Kulturzeit"-Redakteur Ralf Rättig hat Umberto Eco gefragt, was Hässlichkeit und Schönheit für ihn bedeuten.
Schönheit und Hässlichkeit
Umberto Eco (UE): Lange Zeit hieß es: "Schönheit ist Proportion". Eine andere Definition war: "Schönheit ist Integrität".
Was ist Schönheit?
Eco: Jede Zeit hat ihre eigenen Regeln. Wir benutzen das Wort "schön" heute metaphorisch. Ich kann sagen: Ich hatte einen schönen Teller Spaghetti! Das ist üblich. Es ist eine Metapher, um zu sagen, dass es gut war, begehrenswert. "Schön" sagen wir für alles, das wir positiv beurteilen, und "hässlich" für alles Negative. Dadurch können die Worte ihre Bedeutung verlieren.
Wir haben viele Götter
Eco: Heute kann ein junger Mensch George Clooney toll finden oder Nicole Kidman - und sich gleichzeitig anziehen wie Marilyn Manson. Wir sind zu Polytheisten geworden, wir haben viele Götter. Und das ist seltsam: Wir haben den Unterschied zwischen "schön" und "hässlich" verwischt.
Schön und hässlich
Eco: Unser Sinn für Schönheit ist grundsätzlich charakterisiert durch interesseloses Wohlgefallen, während das Hässliche heftige Gefühle hervorrufen kann: Ekel, Horror.
Gefühle für das Hässliche
Eco: Das Hässliche kann auch komisch wirken. Denken Sie an "Schneewittchen und die sieben Zwerge": hässlich, aber lustig. Wir lachen darüber! Anders bei der "Nacht der lebenden Toten": Da versetzt uns das Hässliche in Schrecken.
Schönheit im Wandel
Eco (zeigt auf ein Bild mit einer Magersüchtigen): Diese Werbung ist ein typisches Beispiel dafür, wie relativ "schön" und "hässlich" sind. Bis vor zwei Jahren war Magersucht eine Art Ideal für junge Mädchen. Dann hat eine moralische Reaktion für Unbehagen gesorgt, und plötzlich war das Bild einer magersüchtigen Frau anstößig. Innerhalb von fünf, sechs Jahren sorgt dasselbe Model für zwei ganz und gar unterschiedliche ethische und ästhetische Reaktionen.
Schönheit und Moral
Eco: Im alten Griechenland sprachen sie von "kalos kai agathos", "schön und gut", das war das gleiche. Insofern war Sokrates ein Schock für die Griechen, denn der war hässlich, aber moralisch sehr gut.
Schönheit und Macht
Eco: Der wirkliche Wendepunkt war die Fernseh-Wahldebatte zwischen Kennedy und Nixon. Kennedy hat gewonnen, weil er besser aussah als Nixon. Fertig! Das zeigt, dass der alte Reflex - schön ist gleich gut - immer noch vorhanden ist. Kennedy war schön, Kennedy war gut. Nixon war hässlich, unrasiert, er war schlecht. In dem Fall stimmte das wahrscheinlich. Aber das ist nur ein Zufall, nur ein Zufall.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



Umberto Eco
"Die Geschichte der Häßlichkeit"
Hanser 2007
ISBN-13: 978-3446209398 39,90 €



Umberto Eco
"Die Geschichte der Schönheit"
Hanser 2004
ISBN-13: 978-3446204782 39,90 €




Das ausführliche Interview mit Umberto Eco, geführt von Ralf Rättig (Länge: 12.30 Min.)


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09.11.2007 / Ralf Rättig (Kulturzeit) / tm
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