David gegen Goliath
Die US-Künstler "Yes Men" dringen vor in die Schaltstellen der Macht
Die "Yes Men": Jacques Servin (l.) und Igor Vamos (r.)
Die Spezialität der "Yes Men" heißt: "Identitäts-Korrektur". Die US-amerikanischen Kult-Künstler nennen sich mit ihren bürgerlichen Namen Jacques Servin und Igor Vamos. Ihre Aktionen werden angeblich von der Musiklegende Herb Alpert finanziert. Als "Yes Men" legen sie sich fremde Identitäten zu, um in die Schaltzentralen von Wirtschaft und Politik vorzudringen. So hielten sie bereits Vorträge im Namen der WTO oder umstrittener Pharma-Konzerne - mit Vorschlägen, die zwar unglaublich, aber dennoch plausibel waren.
Sie sind wahre Meister in der schwierigen Kunst der Hochstapelei. Sie sind die "Yes Men", aktiv in allen Medien, gefürchtet von den großen Unternehmen. In geheimer Mission meldet sich Igor Vamos stets als "Mike Bonanno". Kollege Jacques Servin benutzt den Decknamen "Andy Bichlbaum". Die "Yes Men" haben zur Kunstform erhoben, was sie als "identity correction" bezeichnen. "'Identitäts-Korrektur' heißt zunächst einmal, herauszufinden, wer der Erde und den Menschen am meisten schadet", sagt Jacques Servin alias "Andy Bichlbaum". "Dann schlüpfen wir in dessen Rolle auf eine Weise, die allen klar macht, was da passiert." "Es hilft, wenn man von einem Identitäts-Diebstahl ausgeht", sagt Igor Vamos alias Mike Bonanno. "Davor haben wir alle Angst: dass jemand unsere Daten stiehlt und unser Konto abräumt. Doch hier sind es kleine Leute, die die Identität der großen Kriminellen annehmen, um sie zu mehr Ehrlichkeit zu zwingen."
Absurde Vorschläge werden protestlos registriert
Die Welthandelsorganisation WTO gehört zu den Lieblings-Schurken der "Yes Men". Ihre täuschend ähnliche Webseite machte es möglich: Anfragen um WTO-Sprecher landeten auf einmal in den E-Mails der "Yes Men". Die machten ihrem Namen alle Ehre, gaben ihr Ja-Wort - und brachten Opfer. Kurz darauf sorgte Andy Bichlbaum auf einer Handelskonferenz in Salzburg für Furore: Er geißelte die Siesta in Italien als Handelsbarriere und sprach sich im Namen der WTO dafür aus, bei künftigen Wahlen die Wählerstimmen am besten in Auktionen zu versteigern - als logische Konsequenz der Marktwirtschaft. Von Protesten keine Spur - und so machten sich die "Yes Men" auf den Weg nach Finnland, zur nächsten "Identitäts-Korrektur".
Thema des Vortrags waren die Vorteile der Sklavenhaltung, der historische Fehler der USA, wegen Sklaverei einen Bürgerkrieg zu führen, und die Chancen im Outsourcen ausgebeuteter Arbeitskräfte. Visueller Höhepunkt des Vortrags: Jacques Servin alias Andy Bichlbaum im goldenen Ganzkörperanzug, aus dem ein grotesker Appendix nach oben heraus poppte, zur Erheiterung der Anwesenden. "Dies ist der 'Arbeiter-Visualisierungs-Appendix', der eine ständige Kontrolle der Arbeiter ermöglicht", erklärte er dazu. "Das Schockierende ist, dass die Leute fast niemals bemerken, dass wir uns über den Kapitalismus lustig machen, den sie repräsentieren", sagt Jacques Servin alias Andy Bichlbaum. "Am Anfang waren wir noch überrascht, doch inzwischen haben wir verstanden, dass wir nur eine akurate Version dessen bieten, woran sie glauben. Es ist natürlich übertrieben, aber zutreffend."
Rhetorischer Unsinn, überzeugender Vortrag
Davon konnten sich auch die Zuschauer einer Wirtschaftssendung überzeugen, in der ein "Yes Man" als vermeintlicher Vertreter der WTO mit einem Kritiker der Handelsorganisation debattierte. Seine Verteidigung beinhaltete rhetorischen Unsinn, der überzeugend vorgetragen wurde: "Ich finde, die ganzen WTO-Kritiker stützen sich viel zu sehr auf die Realität und harte Zahlen", sagte Jacques Servin alias Andy Bichlbaum. "Aber das ist ein langfristiges Problem, das mit Erziehung zu tun hat." Die spektakulärste Aktion der "Yes Men", die gerade an einem neuen Film arbeiten, ist der so genannte Dow Chemical-Hoax: ein Interview zum 20. Jahrestag der Chemiekatastrophe in Bhopal. Selbst das Pseudonym des vermeintlichen Firmensprechers - lateinisch für "Ende der Welt" - machte die BBC nicht stutzig.
"Heute ist ein großer Tag für alle Dow-Mitarbeiter, aber auch für Millionen auf der ganzen Welt", sagte Jacques Servin alias Andy Bichlbaum. "20 Jahre nach der Katastrophe kann ich zu meiner wirklich großen Freude verkünden: Dow akzeptiert erstmals die volle Verantwortung für die Katastrophe. Wir haben einen 12-Milliarden-Dollar-Plan, um endlich alle Opfer zu entschädigen, auch die, die ihr ganzes Leben medizinische Betreuung brauchen." Es war die wohl teuerste Kunst-Aktion aller Zeiten. Innerhalb von Minuten sackte der Firmen-Wert an der Frankfurter Börse um zwei Milliarden Dollar. "Das Traurige daran war: Kaum kam heraus, dass es sich um einen Scherz handelte, dass Dow gar nicht daran dachte, die Opfer in Bhopal zu entschädigen, da erholte sich der Kurs vollständig", so Igor Vamos alias Mike Bonanno. "Die Lehre lautete: Selbst, wenn ein Unternehmen das Richtige tun wollte, der Markt würde es nicht zulassen."
"Taktische Peinlichkeit"
Dass eine Abkehr von der reinen Marktlehre auch bei Kapitalisten machbar wäre, demonstrierten die "Yes Men" in Australien, erneut als falsche WTO-Vertreter. "Nachdem wir die schlimmen Auswirkungen unserer Politik eingesehen haben, wird sich die WTO auflösen" so Jacques Servin alias Andy Bichlbaum. "Ich finde das sehr mutig von einer Organisation, Fehler zuzugeben und sich aufzulösen", meinte eine Konferenz-Teilnehmerin. "Das ist toll". Die zustimmenden Reaktionen auf die Meldung waren peinlich für die WTO. Doch auch hier hielten sich die "Yes Men" schadlos. Wie auch bei ihren anderen Aktionen, gab es keinen juristischen Vergeltungsschlag, keine Klage. "Das beschreiben wir mit dem Begriff 'taktische Peinlichkeit', so Igor Vamos alias Mike Bonanno. "Das heißt: Wir haben als Schwache einen taktischen Vorteil: Wenn die uns attackieren, können wir sie in der Öffentlichkeit weiter bloßstellen - sie würden nur noch schlechter dastehen."
Die "Yes Men" sehen sich nicht als Künstler. Bei aller Kunstfertigkeit und Effizienz ihrer Aktionen bleiben sie dennoch bescheiden. "Anwälte kämpfen vor Gericht, Gewerkschaftler in der Arbeitswelt, wir können eben das hier", sagt Jacques Servin alias Andy Bichlbaum. "Doch für eine Veränderung des Systems ist das, was wir tun, weit weniger wichtig als richtige politische Arbeit. Doch es ist immerhin etwas."

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr

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29.10.2007 / Dominique Gradenwitz für Kulturzeit / lj
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