Der Papst in Unterhosen
Eine Homosexuellen-Ausstellung in Florenz sorgt für Wirbel
"Miss Kitty" sorgt für viel Wirbel
Der Papst in Unterhosen, das ist "Miss Kitty", eine Terracotta-Skulptur des Mailänder Künstlers Paolo Schmidlin. Diese Figur löste im Sommer 2007 einen Kunstskandal in Mailand aus. Dort sollte Miss Kitty zusammen mit 150 Arbeiten zum Thema Kunst und Homosexualität gezeigt werden. Die Eröffnung der Ausstellung fand nie statt, es gab zu viele Proteste. Jetzt wird sie trotzdem in Florenz gezeigt. "Vade retro" heißt die Schau, und die Idee stammt von dem Ausstellungsmacher und Politiker Vittorio Sgarbi.
Verkniffenes Lächeln, durchdringender Blick und Gold am Finger, das greise Haar zusammengehalten von einer Girlie-Spange - so sieht der Künstler Paolo Schmidlin Papst Benedikt XVI.: als halbnackten Transsexuellen "Miss Kitty". "Es ist eine ironisch-anzügliche Figur, aber auch ein wenig verführerisch sozusagen", beschreibt Paolo Schmidlin sein Kunstwerk im Rahmen der Ausstellung "Vade retro".
"Blasphemie", schimpfen Kritiker
Kurator Vittorio Sgarbi in Erklärungsnöten
Vittorio Sgarbi - unter Berlusconi stellvertretender Kulturminister, Fernsehmoderator und Kulturdezernent von Mailand - hat die Schau konzipiert. In Florenz ist er sozusagen im Exil, zusammen mit 150 Kunstwerken. Männer sind zu sehen, die so gar nicht dem italienischen Machismo-Bild entsprechen, zudem Fotos, Skulpturen, Gemälde aus über einhundert Jahren. David La Chapelles grellbunte Männerwelten, Akte des berühmten Mode-Fotografen Mario Testino. Und dann auch noch Frauen, die gar keine Männer brauchen. "Wir wollten unsere Ausstellung in einer Stadt zeigen, in der Michelangelo und Leonardo zu Hause waren", sagt Kurator Sgarbi. "Sie ist auch die Heimat von Visconti und Versace. Armani arbeitet dort. Proust war ein großer Schriftsteller, auch Oscar Wilde, aber von all denen haben unsere Gegner wahrscheinlich nie gehört. Wir wollen mit dieser Ausstellung zeigen, dass es so etwas wie eine homosexuelle Ästhetik gibt."
Im Juli 2007 wollte Sgarbi die schwule Kunst in Mailand zeigen. Doch Bürgermeisterin Letizia Moratti verbot die umstrittene Papstfigur - Sgarbi sah rot, empfahl ihr einen Bürgermeisterposten in Teheran. Über 3500 Kataloge musste er einstampfen. Als weitere Kunstwerke entfernt werden sollten, sagte Sgarbi die Ausstellung ganz ab. Jetzt darf er sie zeigen, wenn auch nicht in Mailand. Die umstrittene Papstskulptur wurde in einen Vorhang gehüllt. "Wir haben einen Vorhang vor der Skulptur angebracht. Sie steht nun dahinter", erklärt Vittorio Sgarbi. "Wer will, soll sie sich anschauen. Wir respektieren die geistige Freiheit."
Beleidigung von Papst, Kultur und Glauben
Und sehen wollen ihn alle, den halbnackten Papst. "Blasphemie" sei das, schimpfen Kritiker. Hinter einem weißen Vorhang wartet Benedikt XVI. nun auf Besucher. So ist jeder, der ihn sich anschaut, selbst schuld. "Wenn eine Person noch lebt, so wie der Papst, wird so etwas schnell zu einem politischen Problem", sagt Vittorio Sgarbi. "Denn natürlich ist das anstößig. Aber letzten Endes ist es doch so, als würde ich Ihnen eine Perücke aufsetzen. Jeder Mensch kann sich provoziert fühlen, auch der Papst. Aber niemand kann einen Künstler daran hindern, Ihnen eine Perücke aufzusetzen und damit zu sagen, dass Sie ein Arsch sind."
Giovanni Donzelli, Vorsitzender der Jungen Rechten Italiens, sitzt im Florentiner Stadtrat, umgeben von klassischer Nacktheit. Die "Homo-Ausstellung" wollte er verhindern, sorgte dafür, dass keine Gelder von der Kommune flossen. "Ich fühle mich nicht nur als Katholik und Gläubiger beleidigt, sondern vor allem auch als Italiener und Florentiner", sagt er. "Denn unsere Stadt beherbergt nun diese skandalöse Ausstellung. Dort wird der Papst beleidigt und somit auch unsere Kultur, unsere Wurzeln und der Glaube dieses Landes." Doch all diese Gegner hatten nicht mit der italienischen Eisenbahn gerechnet. Die stellte Sgarbi und seinen Kunstwerken ein Ausstellungsgebäude zur Verfügung - für wenig Geld, direkt am Bahnhof, mitten in Florenz.
Ein Sieg der Kunst
Jetzt sieht man hier unter anderem zwei bärtige Männer beim Zungenkuss - und das auf der Trikolore. Auch das wollte man in Mailand verbieten. "In meinem Fall hat man mich sehr beschimpft", sagt der Videokünstler Sebastiano Deva." Man hat mir vorgeworfen, dass ich die italienische Nation beschmutzen will. Aber das habe ich überhaupt nicht vorgehabt. Ich bin ein Künstler. Mit meinem Werk, der italienischen Fahne, will ich zeigen, dass in Italien nicht alles gleich ist und dass es viele Unterschiede gibt."
"Maria und Josef", schreien Kritiker
Wenige Stunden vor der Eröffnung ist noch ein Werk des schwulen Künstlerpaars "Pierres et Gilles" angekommen. Ausstellungsleiter Eugenio Viola ist aufgeregt. Zwei Monate lagerten alle Kunstwerke in einer Mailänder Halle. "Das hier ist nicht einfach eine Ausstellung", sagt er. "Es ist ein Sieg der freien Darstellung, der Meinungsfreiheit, ein Sieg der Kunst." Gleichgeschlechtliche Liebe in der Kunst - ähnliche Ausstellungen hat es in anderen europäischen Ländern längst ohne großen Aufschrei gegeben. Doch Italien hat da scheinbar etwas nachzuholen und reibt sich zugleich am zweitem Tabu, dem Katholizismus. Zum Beispiel ist eine Sexpuppe in den Armen einer Frau zu sehen. Das seien doch Maria und Josef, riefen die Kritiker, und wollten auch sie entfernen.
Reiz des Verbotenen
"Durch die Zensur redet man heute viel mehr über die Ausstellung", sagt Vittorio Sgarbi. "Und die Menschen kommen, um sie zu sehen. Und siehe da: Es ist überhaupt nichts Schlimmes dabei. Wenn etwas verboten wird, dann wird doch jeder umso neugieriger. Also so gesehen sollte man sich vielleicht sogar eine Zensur wünschen." Auch Paolo Schmidlin kam, um seine Skulptur zu besuchen. Dass "Miss Kitty" solch einen Kunstskandal auslöst, damit hatte er nicht gerechnet. "Ich glaube, dass es solch einen Skandal wohl kaum woanders gegeben hätte", sagt er. "Ich meine, weder in der Schweiz, in Spanien oder sonstwo in Europa. Aber hier in Italien, da musst du sehr sensibel sein, wenn du bestimmte Themen anfasst. Aber ich hoffe, dass sich dies irgendwann legt. Vielen Dingen, die früher gar nicht akzeptabel waren, begegnet man jetzt schon mit einer gewissen Gleichgültigkeit. So bin ich guter Hoffnung, dass das alles besser werden wird und dass es eine Weiterentwicklung gibt."
Nun wird sie gezeigt, die Skandalausstellung. Danach nimmt Vittorio Sgarbi den Papst mit nach Mailand. Für sein Dienstzimmer hat er die Skulptur gekauft. Denn weiter provozieren, das will er auf jeden Fall.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



Der Beitrag von Clemens Riha (Länge: 6.10 Min.)



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