Unseliger Papst-Tod?
Ist Papst Johannes Paul II. dank ärztlicher Sterbehilfe aus dem Leben geschieden?
Papst Johanns Paul II. (1920-2005)  © dpa
In Italien gibt es in diesen Tagen einen Eklat. Papst Johannes Paul II. soll aufgrund ärztlicher Sterbehilfe aus dem Leben geschieden sein. Mithilfe eines - aus Sicht der Kirche - kriminellen Handels. Er hätte, wäre es mit normalen Dingen zugegangen, mit seiner Parkinson-Erkrankung noch Wochen, Monate oder Jahre leben können, behaupten Mediziner. Die Kirche schweigt. Die Debatte geht ins Mark der päpstlichen doktrinären Ethik. Die Folgen sind nicht abzusehen.
Wochen-, ja, monatelang bildeten 2005 die ärztlichen Bulletins über den Gesundheitszustand des Papstes die Topnachrichten des Tages. Öffentlicher wurde selten zuvor gelitten und gestorben. Sein Tod war ein beispielloses Medienereignis. Der römische Petersplatz erlebte die größten Menschenansammlungen der italienischen Geschichte. Jetzt - zwei Jahre danach - kommt der Verdacht auf, dass mit dem Tod des Karol Wojtyla etwas nicht stimmt. Es riecht nach Eklat: Sterbehilfe hätte das Leben des Papstes beendet. Das wäre aus offizieller katholischer Sicht ein Verbrechen.
Tod durch Unterernährung
Die linksintellektuelle Zeitschrift "Micromega" hat den Stein ins Rollen gebracht. Die Professorin für Anästhesie, Lina Pavanelli, erläutert auf einer Pressekonferenz ein umfangreiches Dossier, in dem sie dokumentiert, dass der Papst an Unterernährung gestorben ist. Genauer: an unterlassener künstlicher Ernährung. "Mein Ausgangspunkt waren das Buch von Renato Buzzonetti, dem Leibarzt des Papstes, und die täglichen Pressemeldungen", erklärt Lina Pavanelli. "Danach litt der Papst zuletzt an einer gravierenden Unterernährung." Die Öffentlichkeit erlebte es als ein ganz natürliches, unvermeidliches Sterben. Das Problem aber: Der Papst konnte keine Nahrung mehr zu sich nehmen, doch die ärztlich gebotene künstliche Ernährung wurde ihm merkwürdigerweise nicht zuteil. Nicht die Parkinson-Erkrankung, sondern ärztliches Handeln, sagt Pavanelli, habe den Tod des Papstes herbeigeführt. "Die Hauptursache von Karol Wojtylas Tod war die Unterernährung", sagt Pavanelli." Sie war es, die ihn soweit geschwächt hat, dass er eine Infektion, die normalerweise ganz leicht mit Antibiotika bekämpft wird, nicht überwinden konnte."
Der Tatort eines Ereignisses, das nach der Kirchenlehre als Todsünde gilt, ist das katholische Krankenhaus "Gemelli". Die Auswertung der öffentlich zugänglichen Krankenberichte führte die Anästhesistin zu dem Schluss, dass der Papst hier rapide an Gewicht verlor - die Agenturen sprechen von 15 Kilo - , und dennoch nicht künstlich ernährt wurde. Hier beginnt der Skandal. Denn diese Nichternährung verstößt gegen die vatikanische Lehre, unter anderem gegen das Evangelium vitae, das Wojtyla selbst verfasst hat. Paolo Flores D´Arcais, der Herausgeber von “Micromega” und Philosoph, erklärt, dass ein kürzlich erschienenes Dokument der "Kongregation für die Glaubenslehre" daran festhalte, "dass auch in dem Endstadium eines Patienten die künstliche Ernährung zwingend ist, selbst wenn dieser sich in einem irreversiblen Koma und einem nur noch vegetativen Zustand befindet."
Verstoß gegen Dogmen
Papst Johannes Paul II., dieses überdimensionale Vorbild, der schon zu Lebzeiten zwischen Popfigur und Heiligem oszillierte - hat er am Ende selbst wissentlich und willentlich gegen die Dogmen verstoßen und sich im Sinne der eigenen Lehre schuldig gemacht? "Es ist nicht vorstellbar, dass ein so hochkarätiges Ärzteteam wie jenes, das den Papst behandelte, diesen Papst nicht über die verschiedenen Möglichkeiten und Konsequenzen einer Therapie unterrichtet hätte", sagt Paolo Flores D´Arcais." Wenn die Ärzte es nämlich unterlassen hätten, hätten sie strafrechtlich ein Verbrechen begangen." Ist dem Hüter einer eisernen Ethik diese ihm selbst zum Hindernis geworden? Auch die erfahrene Anästhesistin sieht es als zwingend an, dass der Papst selbst die Sterbehilfe verlangt hat. "Ich kann es mir nicht anders vorstellen, als dass die Ärzte für ihr Handeln die Erlaubnis vom Patienten, also dem Papst, hatten", sagt Lina Pavanelli." Denn nur er konnte von den Ärzten verlangen, das nicht zu tun, was in solcher Situation getan werden muss: nämlich ihn künstlich zu ernähren."
Die Kirche schweigt zu den Enthüllungen. Lediglich ein vatikantreuer Publizist meldet Zweifel an - allerdings ohne Pavanellis Studie entkräften zu können. Der Leibarzt hat öffentlich bestätigt, dass man mit der künstlichen Ernährung erst zwei Tage vor dem Tod Wojtylas begonnen habe. Ein Papst stößt an die Grenzen der selbst propagierten Dogmen. Dem vatikanischen System mit seinen rigorosen Moralkodex gilt Pavanellis Kritik. Ihr Ziel sei nicht, wie sie sagt, die Diskreditierung des so beliebten und erfolgreichen Papstes. Sie will die Widersprüche ans Licht holen. "Es geht mir nicht darum, das Verhalten des Papstes in seinen letzten Wochen zu bewerten", erklärt Lina Pavanelli." Der Skandal ist die Doktrin der katholischen Kirche, die so rigide und so grausam ist, dass nicht einmal der, der sie verfasst hat, sie befolgen konnte. Das ist der Skandal." Und Paolo Flores D´Arcais ergänzt: "Das Problem ist, dass für die katholische Kirche die Entscheidung, die Karol Wojtyla getroffen hat, ein Verbrechen ist. Wir, die Vertreter einer weltlichen Moral, verstehen seine Entscheidung, wir empfinden ungeteilte Sympathie für einen Papst, der nein sagt zu lebensverlängernden Maßnahmen, die eine andauernde Folter bedeuten für ein Leben, das seine Endphase erreicht hat. Wir betrachten diese Entscheidung als ein heiliges Recht, das jedem Patienten zustehen sollte."
Ein starkes Stück Kirchenkritik
Pavanellis Enthüllungen sind nicht nur ein starkes Stück Kirchenkritik. Sie könnten auch außerordentlich folgenreich sein. Vom Standpunkt der orthodoxen Lehre wird, sofern nicht das Gegenteil bewiesen wird, die lautstark geforderte und gewünschte Heiligsprechung von Papst Johannes Paul II. zu einem echten Problem. "Wojtyla heilig zu sprechen - nach der Dokumentation von Prof. Pavanelli - hieße, die Kirche spricht eine Person heilig, die sich eines Verhaltens schuldig gemacht hat, das die Kirche selbst verdammt", erläutert Paolo Flores D´Arcais. Der in mancher Hinsicht als Revolutionär etikettierte Karol Wojtyla war am Ende seiner eigenen Lehre vielleicht ein Stück voraus.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



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28.09.2007  /  Reinhold Jaretzky/Aureliana Sorrento für Kulturzeit / jh
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