Beständiger Wandel
Der Kulturwissenschaftler Behringer plädiert für Vernunft in der Klimadiskussion
Satellitenbild des Hurrikans "Dean"   © reuters
Weltweit stehen die Zeichen auf Sturm, das Wetter verunsichert die Menschen: Flutkatastrophen, steigende Temperaturen, Dürreperioden. Die globale Erwärmung ist der neue Feind. Noch nie seit 650.000 Jahren ist die Konzentration der Treibhausgase so hoch gewesen wie heute, sagen Klimaforscher. Inzwischen machen ihnen aber Kulturwissenschaftler das Feld streitig. Sie warnen, apokalyptische Visionen vom CO2 als "Klimakiller Nr. 1" seien eher kontraproduktiv.
"Die Welt wird sich sowieso erwärmen", sagt der Kulturwissenschaftler Wolfgang Behringer. "Wenn wir uns auch sehr anstrengen und den CO2-Ausstoß sehr stark einschränken, besitzt das Klima doch eine Trägheit, die dazu führen wird, dass in den nächsten Jahrzehnten sich immer mehr Treibhausgase in der Atmosphäre anreichern. Das heißt, wir müssten uns eigentlich mit diesem veränderten Szenario beschäftigen und weniger nach Sündern und Schuldigen suchen." Der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore gehört zu denen, die den Kampf gegen den Schurken CO2 wirkungsvoll in Szene setzen. Die These seines Films "Eine unbequeme Wahrheit" über den Temperaturanstieg ist inzwischen zur Stereotype geworden - sowohl am Stammtisch als auch in der hohen Politik: Nie sei die Erde einer Katastrophe näher gewesen.
Die Politik schlägt daraus Kapital. Bundeskanzlerin Angela Merkel ist vor Grönland im Einsatz, Arm in Arm mit der Wissenschaft, um das empfindliche Gleichgewicht des Klimas zu retten. In Wirklichkeit sei am Klima nichts beständiger als der Wandel, sagt Behringer. Ein Motor der Evolution, seit Jahrtausenden. "Man könnte grosso modo die Wissenschaftsrevolution und auch die industrielle Revolution als Antwort betrachten auf die großen Schwierigkeiten, die Hungersnöte, die Seuchen, die die Epoche der kleinen Eiszeit mit sich gebracht hat ", sagt Behringer. "Insofern könnte man sagen, dass der Klimawandel auch die wissenschaftliche Entwicklung vorantreibt." Eine stabile, feuchte Warmzeit mit zwei bis drei Grad höheren Temperaturen als heute begünstigte vor über achttausend Jahren das Entstehen städtischer Hochkulturen in Mittelamerika oder in Ägypten. Vom Nomaden und Jäger zum Bauern – das waren die Anfänge einer Zivilisation.
Chancen der globalen Erwärmung
Zerstoerung nach Zyklon "Gonu" am persischen Golf  © ap
"Das Interessante daran ist, dass diese Kultur entstanden ist zu einem Zeitpunkt eines besonders günstigen Klimas, also die wärmste Zeit auf dem Weg ins Holozän, in einer Zeit, als die Menschen sesshaft werden konnten, ohne Ackerbau zu betreiben", erklärt Behringer. "Die hatten wirklich allen Grund den Göttern zu danken, für den Überfluss der Natur, der ihnen zu teil geworden ist. Man kann auch sehen, dass diese Kultur wieder verschwindet mit der nächsten Abkühlung." Auf Grönland nutzt man heute, wie die Wikinger vor tausend Jahren, die Chancen der globalen Erwärmung, und macht sich Hoffnung auf Neues. So freut sich ein Landwirt: "Ich bin ziemlich sicher, im nächsten Jahr werden wir hier Erdbeeren anbauen. Das ist mein Traum fürs nächste Jahr." Grünland, wie die Wikinger die Insel nannten, ernährte mit Ackerbau und Viehzucht etwa 300 Jahre lang rund 3000 Menschen - bis eine Kältewelle sie vertrieb. Ihnen fehlten - anders als den Eskimos - innovative Strategien. Während auf Grönland die Wikinger starben, erblühte in Italien die Renaissance.
Die Erwärmung seit dem 12. Jahrhundert sorgte in Europa für Gletscherschmelzen, eine Verschiebung der Baumgrenzen und eine Besiedelung der Hochalpen. Ostpommern, England oder Norwegen waren Weinanbaugebiete und könnten es wieder werden, wie heute bereits Schweden. Auf die Warmzeit folgten im 15. Jahrhundert Extremwinter und Katastrophen, die Kleine Eiszeit, wie Geologen sagen. Erst heute klingt sie ab. Damals entstand das erste Winterbild Europas. Peter Brueghels "Heimkehr der Jäger" - ein Prototyp melancholischer Landschaftsmalerei, klirrend kalt, streng und trostlos. Die Lagune vor Venedig war eine einzige Eisfläche, genauso wie die Themse. "Die Flüsse stehn wie harter Stahl“, zitiert Wolfgang Behringer den Dichter Johannes Rist. "Wenn man weiß, dass in bestimmten Jahren die Donau oder der Rhein tatsächlich bis auf den Grund gefroren waren und wirklich gestanden haben wie Stahl, dann kann man diese Verse anders verstehen, als wenn man nur innerhalb der Literatur denkt."
Eine Strafe Gottes?
Die Kleine Eiszeit - eine Strafe Gottes? Viele suchten nach Sündenböcken, machten "Hexen" für Missernten und Hungersnöte verantwortlich. Tausende wurden verbrannt. Doch erst im Kampf gegen religiösen Wahn entwickelte sich, so Behringer, Vernunft. "Erst indem man ganz weg gegangen ist von diesem Sündenbegriff und nach pragmatischen Anpassungsstrategien gesucht hat, eben zum Beispiel nach Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktivität, Verbesserungen in der Hygiene, zur Seuchenvermeidung oder Verbesserungen im Hausbau, in der Architektur, um eine angenehmere Lebensumwelt zu schaffen. Also, auf die jetzige Diskussion angewendet, heißt dass, dass man mit diesem Umweltsündebegriff nicht besonders weit kommen wird." Vernunft statt Hysterie - Behringer plädiert für mehr Besonnenheit in der Klimadebatte. Es sei nicht damit getan, dem CO2 den Garaus zu machen, sondern nötig, über neue Anpassungsstrategien nachzudenken.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



Wolfgang Behringer
"Kulturgeschichte des Klimas "
Beck 2007
ISBN-13: 978-3406528668
22,90 €

Ethik und Klima - Kirchenvertreter und ein Ex-US-Vizepräsident warnen vor der Katastrophe
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24.09.2007 / Benedict Maria Mülder für Kulturzeit / jh
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