George Orwell lässt grüßen
Die Kunst der öffentlichen Video-Kontrolle
Das "Auge" überwacht uns in jeder Lebenslage  © dpa
Die Orwellsche Zukunftsvision ist schon lange real - und sie wird immer normaler. Eine Stadt in Deutschland ist dabei ganz vorne: Leipzig - ausgerechnet die Stadt, wo einst der SED-Überwachungsstaat seine schärfsten Kritiker hatte. Hier wurde 1996 in einem Großprojekt die ununterbrochene Videoüberwachung öffentlicher Plätze eingeführt. Allein am Bahnhof sind 186 Kameras installiert. Doch nun regt sich Widerstand.
In Leipzig nimmt die Polizei jeden ins Visier. Es gibt Kameras an allen zentralen Plätzen. Wer aus der Norm fällt, wird beobachtet. Menschen auf Parkbänken, Spaziergänger - die Videopolizei schaut zu. Nicht immer geht es um Verbrechen. "Die Gefahr besteht natürlich, dass man in die Fenster schaut oder hübschen Frauen nachschaut", gibt Bernd Turowski von der Polizei Leipzig zu. "Hübschen Frauen nachschauen, ist ja nichts Schlimmes, aber in fremde Fenster. Wir wissen: Das Grundgesetz, die Integrität der Person, ist hier das höchste Gut."
Das "Auge " ist überall
Kommt das "Auge" der Polizei Privatwohnungen zu nahe, zensiert der Computer den Videokontrolleur. Er schaltet auf Schwarz. So sei Voyeurismus unmöglich. Die Leipziger Polizei war die erste, die in Deutschland ferngesteuerte Kameras einsetzte - wie zuvor bereits die Staatssicherheit der Stadt. Nicht nur Passanten, auch einen Hoteleingang können die Kameras mühelos einsehen. Andere Städte machen es mittlerweile genauso. "Wir sehen auch die Innenstadt von Leipzig als die gute Stube", so Bernd Turowski. "Und es ist immer gut, wenn Touristen und Gäste nach Leipzig kommen und den Bereich um den Hauptbahnhof und die Innenstadt besuchen und sagen: Hier haben wir uns wohl gefühlt, hier war kein bedrückendes Gefühl, dass man hier finstere Gestalten oder ähnliches gesehen hat."
Die Kameras verdrängen die Kriminalität nur, statt sie zu bekämpfen. Das sagt hingegen Padeluun, Netzaktivist und Mitinitiator der BigBrotherAwards. Er druckt den Widerstand auf T-Shirts. Das Recht am eigenen Bild ist für ihn unverzichtbar. "In wissenschaftlichen Studien, wo Videobänder ausgewertet wurden, lässt sich ganz klar sehen, dass attraktive junge Damen besonders gerne überwacht werden", sagt er. "Wahrscheinlich nur für ihre Sicherheit, aber eben auch Randgruppen, also Leute anderer Farbe zum Beispiel, werden sehr schnell überwacht. Das heißt, der typische Dünkel, der in Menschen drinsteckt, der zeigt sich auch wieder in den Auswertungen der überwachten Personen."
Auch Privates ist nicht gefeit
Einmal gefilmt, entwickeln die Überwachungsbilder ihr Eigenleben. Nur ein Klick ins Netz, und Padeluun entdeckt Zigtausende davon - frei und für jedermann einsehbar. Brutalität und Unfälle, wo niemand half, stattdessen leblose Kameras zuschauten. Auch private Schlafzimmer sind natürlich mit dabei. "Es breitet sich aus in vielen Bereichen, gerade in kleineren Orten, wo überforderte Lokalpolitiker denken, wir müssen etwas gegen den Müllmissbrauch unserer Glascontainer tun", ärgert sich der Netzaktivist. "Da soll dann sofort eine Kamera hin. Oder ganz entsetzlich, Schulhöfe, wo man anfängt, die Kinder zu überwachen, was ich mit das Schlimmste finde, was man Kindern antun kann. Wie soll man sich da entwickeln und lernen, ein richtiger Mensch zu sein, wenn man permanent so das Gefühl hat, technisch überwacht zu werden?"
Terroristen in den Fernsehnachrichten, daneben Livebilder aus der U-Bahn - was aussieht wie das Lagezentrum eines Geheimdienstes, ist die Sicherheitszentrale der Berliner Verkehrsbetriebe. 850 Kameras und gerade einmal drei Mitarbeiter, die sich all die Bilder aus der U-Bahn anschauen. Noch dazu schaltet der Computer alle paar Sekunden automatisch um. "Da die Mitarbeiter hier nicht ausschließlich nur mit Videobeobachtung beschäftigt sind, ist es eher der Zufall, dass sie sehen, wenn irgendwo etwas passiert", gibt Frank Reichel, Sicherheitschef der Berliner Verkehrsbetriebe, zu. "Klassische Videobeobachtung ist nur mit einem unverhältnismäßig hohen Aufwand durchzuführen. Wenn sie überlegen, dass pro Tag ungefähr 20.500 Stunden anfallen, die kann sich kein Mensch angucken."
Kameras sind billiger als Menschen. Früher gab es noch Personal auf jedem U-Bahnhof. Doch das ist zu teuer. Auch in einigen Zügen wird in Berlin bereits gefilmt und aufgezeichnet. Wenn schon niemand mehr da ist, der helfen kann, soll wenigstens im Nachhinein mit Bildern aufgeklärt werden. "Wir werden bis zum Jahresende die restlichen U-Bahn-Linien ebenfalls mit Aufzeichnungstechnik versehen", sagt Frank Reichel. "Dann sind alle 170 U-Bahnhöfe, auf denen die Kameras hängen, mit Aufzeichnungstechnik versehen. Im Fall eines Terrorschlages würden dann die Videodaten gesichert, entsprechend ausgelesen und den Ermittlungsbehören zur Verfügung gestellt."
Maschinen überwachen Menschen
Im Berliner Chaos Computer Club probiert Frank Rosengart eine Kamera, die auch die Deutsche Bahn hat. In deren Sicherheitszentralen durfte "Kulturzeit" leider nicht drehen. "Das ist eine kleine schwarze Kuppel, von der man nicht sieht, wo sie hinfilmt, die aber trotzdem immer da ist, sich sehr schnell bewegen kann", erklärt Frank Rosengart. Das heißt, eine Umdrehung dauert ungefähr eine Sekunde. Man kann sehr stark ranzoomen und man bekommt einen ziemlich guten Überblick über die Szene, kann dann aber trotzdem auch ins Detail gehen." Das Schwarze Auge kann in jeden Winkel eines Bahnhofs blicken, versteckt unter der Decke angebracht. Das ist Spionagealltag in Deutschland. Selbst eine SMS können die Videokontrolleure mit der Kamera lesen. "Das Problem ist, dass die technische Entwicklung schnell weitergeht", so Frank Rosengart. Er selbst habe am meisten Angst davor, "dass die Technik irgendwann so weit ist - und sie wird demnächst so weit sein - dass die Kameras, beziehungsweise die Technik dahinter, die Menschen überwachen können. Es ist also nicht mehr so, dass Menschen die Menschen überwachen, sondern Maschinen überwachen die Menschen. Und dann wird es richtig spannend, weil dann die Menschen möglicherweise auch anfangen, ihr Verhalten dahingehend zu ändern, dass sie von den Maschinen nicht mehr als auffällig erkannt werden."
Für Padeluun ist die Hölle auf Erden ein Ort, "in dem wir fremdbestimmt leben, in dem wir selber immer überlegen, wenn uns jetzt jemand sehen würde, würde ich das dann auch noch tun, oder ist das jetzt okay, mit dem oder der gesehen zu werden? Es könnte ja irgendwann einmal herauskommen und die oder der ist sowieso manchmal ein bisschen komisch, und dann will ich ja vielleicht lieber nicht. Das ist eine Welt, in der wir nicht mehr frei entscheiden können, einfach das zu tun, was wir gerade wollen". Kameras schauen zu. Was, wenn keiner mehr hinter ihnen sitzt und sich niemand mehr vor die Linsen traut?

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr


Der komplette Beitrag als Stream (ca. 6.33 Minuten)



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31.07.2007 / Clemens Riha/Katja Riha für Kulturzeit / se
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