Aus der Traum vom ewigen Wald?
Chinesische Investoren kaufen deutsches Holz
Herrscht im deutschen Wald die Ruhe vor dem Sturm?  © dpa
Noch herrscht Ruhe im Wald. Es ist die Ruhe vor dem Sturm, denn die deutschen Förster schlagen Alarm. Chinesische Investoren wollen in großem Stil deutschen Wald aufkaufen, um den immer größer werdenden Hunger der chinesischen Industrie nach dem Rohstoff Holz zu stillen. In Celle haben sie bereits zugeschlagen, in Schleswig-Holstein laufen Verhandlungen. Was aber steht auf dem Spiel? Kein anderer Ort ist symbolisch so überfrachtet wie der deutsche Wald. Ohne Wald gäbe es weder die deutsche Romantik noch die deutsche Seele.
Zurückbleiben werden Dichterwort und Bardensang, von Sturmwind umbraust. An Bilder von stürzenden Tannen werden wir uns gewöhnen. Wie lang wird es noch raunen und rauschen im deutschen Wald? Wann wird das romantische Waldweben für immer verstummen? Gedenken wir besserer Zeiten, bevor bittrer Abschied naht.
"Wald und Welt versausen
Schaudernd hört der Wandrer zu
Sehnt sich recht nach Hause.
Hier in Waldes stiller Klause
Herz, geh endlich auch zur Ruh."
(Joseph von Eichendorff)
Der Deutschen Heiligtum
Mehr als eine Ansammlung von Bäumen  © dpa
"Den Deutschen ist ihr Wald ein Heiligtum und das Heiligtum darf nicht beschädigt werden", meint der Literaturwissenschaftler Helmut Koopmann. "Ich glaube, der Wald ist mehr als eine Versammlung von Bäumen. Der Wald ist fast ein Mythos, eine mythische Landschaft und für viele Deutsche mit dem Deutschen identisch."
Ein Banause, wer da meint, der Wald sei einzig eine Scheuer voller Nutzholz, derer sich jeder bedienen dürfe. Nein, hier wird die deutsche Seele aufgeforstet: "Im Herzen tief, da rauscht der Wald", hat Brentano geschrieben. Die Zeiten haben sich geändert. Ein hölzernes Happening ist das Werk "Template" des chinesischen Konzeptkünstlers Ai Weiwei auf der documenta. Harmlose Kunst aus Peking? Ganz ohne Hintersinn? Papperlapapp! Ein gewitztes Zeichen zum Angriff: Her mit dem deutschen Wald!
Ai Weiweis Holzskulptur "Template"
China ist groß. Und braucht sehr viel Holz. Aber in China gibt es davon viel zu wenig. Deutschland hat jede Menge Wald. Das Spaßhaus des durchtriebenen Künstlers Ai Weiwei haben Sturm und Blitz schon einmal zu Kleinholz gemacht. Ein fast schon symbolischer Kahlschlag.
Chinesen kaufen ganze Wälder
Die martialischen Zangen sind schon im Einsatz. Maschinen-Getöse, wo einst der Kuckuck rief. Was der saure Regen nicht schaffte, das drohen nun Delegationen aus China zu besorgen. Sie kommen mit Schlips und Kragen - haben jedoch wenig Vornehmes im Sinn. Sie wollen ganze Wälder kaufen, abholzen, zersägen und dann nach China verschiffen. Die ersten grausamen Anfänge sind, etwa in Hessen und Schleswig-Holstein, gemacht.
Nun schlägt nicht nur die deutsche Forstwirtschaft Alarm. Gefahr im Verzug sieht auch die Creme der Germanistik. Literaturwissenschaftler Wolfgang Frühwald meint: "Wenn die Chinesen deutschen Wald kaufen, ist es mit Sicherheit mehr als eine rein kapitalistische Transferleistung. Das ist, als ob man ein Stück seiner eigenen Geschichte verkauft, nur um des Geldes willen."
Alle wollen Holz
Was wird in Zukunft noch rauschen?  © dpa
Die höchste Erfüllung des Dichters sei es, so Adalbert Stifter, "zu denken, wie der Wald rauscht". Aber was wird da in Zukunft noch rauschen? In China, Ai Weiwei, der Querdenker, hat es gesagt, leben viele, viele Chinesen. Und alle wollen sie Holz. Aus der Traum vom ewigen Wald! Eine Kulturnation vor ihrer Entwurzelung. Was wird da alles auf der Strecke bleiben? Das Gemüt. Und manch süße Erinnerung. "Vom Freiherrn vom Stein, dem großen Reformer der preußischen Zeit, wird erzählt, wenn er Besuch hatte, sei er mit ihm durch den Park seines Schlosses gegangen und habe die einzelnen Bäume in diesem Garten umarmt und mit ihnen gesprochen", berichtet Frühwald. "Das heißt, er hat in den Bäumen mit den Ahnen seiner Familie gesprochen, die diese Bäume gepflanzt haben und die in diesen Schatten groß geworden sind."
Was ist ein Wald ohne Bäume? Ein Katastophen-Gebiet. Ein verkarsteter Ort ohne Trost. Vielleicht verirren sich noch ein paar Vögel hierher.
"Die Nachtigallen schlagen.
Hier in der Einsamkeit.
Als wollten sie was sagen
Von der schönen alten Zeit.
(Eichendorff)
Bedrohung und Heimat
Es wird ein düsteres Eichendorff-Jahr, in dem sich der Todestag des Dichters zum 150. Mal jährt. "Der Wald ist etwas, wohin sich der Mensch zurückziehen kann, wenn er denn überhaupt einen Rückzug sucht", meint der Literaturwissenschaftler Ton Koopmann. "Auf der anderen Seite ist der Wald auch das Rückzugsgebiet der Räuber, die sich in den böhmischen Wäldern verschanzen. Er ist Bedrohung und Heimat zugleich. Er ist nah und fern. Er ist Fluchtpunkt und eigentlich nie so ganz fester Besitz gewesen."
Im Wald, da sind die Räuber. Eben. Die Gefahr hat schon immer im Dunkel der Tannen gewohnt. Die Chinesen dürfen kommen. Und wenn sie den letzten Baum mitgenommen haben: Eichendorff lebt weiter!
"O Täler weit, o Höhen,
O schöner, grüner Wald,
Du meiner Lust und Wehen
Andächt'ger Aufenthalt.
Da draußen, stets betrogen,
Saust die geschäft'ge Welt;
Schlag noch einmal die Bogen,
Um mich, du grünes Zelt."
(Eichendorff)

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



Ai Weiweis Holzskulptur auf der dokumenta 12 in Kassel



"Kulturzeit extra": Auftritt China



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12.07.2007 / Tilman Jens für Kulturzeit / hs
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