Was ist Aufklärung?
Die neue Debatte über Multikulti und den Weg zur politischen Freiheit
Die Frauen nehmen im Kampf um die Tradition der Aufklärung oder Multikulturalismus eine Schlüsselstellung ein  © dpa
Timothy Garton Ash hat die Befreiungsformen und Gleichheitsansprüche von Ayaan Hirsi Ali als Fundamentalismus der Aufklärung bezeichnet und gefordert, Gesellschaften müssten mehr Rücksicht auf die Eigenheiten der verschiedenen Kulturen nehmen. Er beruft sich auf den Islamwissenschaftler Tariq Ramadan und dessen Integrationsmodell. Das hat den Philosophen Pascal Bruckner auf die Barrikaden gerufen.
Sie war und ist der Stein des Anstoßes: Ayaan Hirsi Ali, Somalierin und Muslima, ehemalige Abgeordnete des holländischen Parlaments, jetzt emigriert und Sozialforscherin in Washington. In ihrem Film "Submission" prangerte sie die Unterdrückung der muslimischen Frauen an und rief damit wütende Proteste hervor. Ihr Mitstreiter Theo van Gogh wurde sogar ermordet. In ihrem Buch "Ich klage an" plädiert sie unerschrocken für schonungslose Aufklärung und löste damit eine scharfe Debatte aus. Der Politologe aus Oxford, Timothy Garton Ash, meint: "Im übrigen ist auch Ayaan Hirsi Ali in diesem Sinne ein Fundamentalist. Sie sagt den muslimischen Frauen: 'Emanzipiert Euch! Emanzipiert Euch nicht nur von der Kultur, sondern auch gewissermaßen von der Religion.' Das möchte ich auch. Ich sage nur, es ist nicht realistisch."
Der in Paris lebende Schriftsteller Pascal Bruckner findet, "diese Haltung entspricht einem Rassismus, weil man den Muslimen, die ungläubig oder die gemäßigt sind, verbietet, ihre Religion aufzugeben. Denn gerade in Europa ist es Tradition, in der Öffentlichkeit auf religiöse Dogmen zu verzichten, seien sie nun protestantisch, katholisch oder wie auch immer."
Timothy Garton Ash
Religion für Muslime und Vernunft für Europäer - das ist ein scharfer Vorwurf an Garton Ash. Er meint dagegen: "Das ist völliger Quatsch. Das ist die klassische Taktik der Demagogie. Erst machen sie aus dem Kontrahenten einen Strohmann, eine Parodie. Und dann schießen sie ihn nieder. Sie finden in keinem Essay von mir, in keinem Aufsatz, in keinem Buch eine solche absurde Version des Multikulturalismus."
Tage des Multikulturalismus sind gezählt
Die Tage des Multikulturalismus sind gezählt. Darüber sind sich Bruckner und Garton Ash einig. Die brennenden Vorstädte von Paris und die Attentate auf die Londoner U-Bahn haben gezeigt, dass das unverbundene Zusammenleben verschiedener Kulturen sich als nicht praktikabel erwiesen hat. Trotzdem fordert Garton Ash immer noch religiöse Sonderrechte für die Muslime.
Pascal Bruckner
Pascal Bruckner meint dazu: "Das ist so eine Art, wieder die Apartheid in die Gesellschaft einzuführen: im Namen des guten Willens, im Namen der guten Absichten, wo man letzten Endes einen Teil der Gesellschaft wegen ihres Glaubens und ihrer Herkunft vom Rest der Männer und Frauen abtrennt. Man gewährt ihnen eine scheinbar vorteilhafte Behandlung, die ihnen aber letztlich schadet."
Timothy Garton Ash kontert: "Der Extreme ist hier Pascal Bruckner, der behauptet, im Grunde genommen: Machen wir’s nur alle wie der französische Monokulturalismus. Und alles wird gut. Und sieht überhaupt nicht, dass die Banlieus von Paris fast tagtäglich brennen, weil es nicht funktioniert. Ich sage: Weder der französische Monokulturalismus noch der britische Multikulturalismus haben funktioniert. Also suchen wir den besseren, sagen wir einmal den dritten Weg."
Der Islamwissenschaftler Tariq Ramadan sollte nach Garton Ash eine Mittlerfunktion herstellen zwischen europäischen Menschenrechten und dem islamischen Fundamentalismus. Immerhin wurde der doppelzüngige Enkel des Gründers der Muslimbruderschaften nach Oxford eingeladen, um dort über die Rolle der Muslime in Europa zu lehren. Bruckner glaubt, dass Tariq Ramadan "ein brillanter Bursche" sei, "intelligent, der den Europäern das Lied von ihrer kolonialen Schuld vorspielt. Wenn man die Religion kritisiert, nimmt er eine anklägerische Haltung ein und sagt: 'Ihr wart die Kolonialisten, wie wollt Ihr uns beurteilen? Tariq Ramadan ist ein kontroverser Theologe, aber die, die ihn gut kennen, denken, er ist, ein Propagandist und Missionar der Muslimbrüder, der Europa dem Islam anpassen will und nicht den Islam an Europa."
Frauen in der Schlüsselposition
Eine Schlüsselstellung im Kampf um die Tradition der Aufklärung oder Multikulturalismus zwischen Europäern und europäischen Muslimen nehmen die Frauen ein. Die Freiheit, betont Garton Ash, kann man nicht staatlich verordnen. Kopftuch oder Kopftuchverbot sei deshalb nicht die Frage. "Es geht darum, dass wir einen neuen Modus Vivendi, eine Art des Zusammenlebens finden mit unseren muslimischen Mitbürgern - und ob wir das Coca Cola nennen oder Pastis oder Baguette oder Multikulturalismus oder Monokulturalismus ist mir eigentlich egal. Hauptsache es funktioniert. Und im Moment funktioniert es nicht."
Ayaan Hirsi Ali  © dpa
Gleichgültig ist es aber nicht, ob die Rechte der Frauen im europäischen Islam respektiert werden oder nicht. Pascal Bruckner meint: "Derjenige, der die Frauen kontrolliert, kontrolliert im Grunde die Tradition oder ihren etwaigen Wandel. Es ist also nicht erstaunlich, dass es die Frauen sind, die in den Parlamenten herausragen, Frauen wie Irshad Mangi, Necla Kelek in Deutschland, Ayaan Hirsi Ali, Taslima Nasrin und viele andere: Das sind Frauen, die den Kampf aufnehmen."
Gerade in der "Frauenfrage" hört dann das nachgiebige Verständnis auf. Kopftuchstreit, Ehrenmorde, Klitorisbeschneidung - das sind Punkte, an denen der postmoderne Relativismus der Kulturen an seine Grenzen stößt. 250 Jahre Aufklärung kann sich Europa nicht nehmen lassen, und religiöse Intoleranz auf keinen Fall tolerieren.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr


Bruckner hat mit seinen Äußerungen mittlerweile eine internationale Debatte entfacht, die durch das Internet und das Forum bei "www.perlentaucher.de" sowie die englische Seite "www.signandsight.com" maßgeblich vorangetrieben wurde.



Ian Buruma, Ralf Dahrendorf, Wolfgang Sofsky, Necla Kelek, André Glucksmann, u.a.
"Welche Freiheit. Plädoyers für eine offene Gesellschaft"
Matthes & Seitz Berlin 2007
ISBN-13: 978-3882218855
22,80 €


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19.02.2007 / Burghard Schlicht für Kulturzeit / hs
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