Belgien ist Geschichte
Eine fiktive Fernseh-Reportage versetzt das Land in Aufregung
Nach der Sendung demonstrieren Belgienanhänger vor dem Königshaus für ein geeintes Land  © dpa
Als am 30.Oktober 1938 der CBS Orson Welles Rundfunkinszenierung von "Krieg der Welten" über eine Invasion vom Mars ausstrahlte, gerieten Tausende Menschen in Panik. Noch Stunden nach der Sendung musste der Rundfunksprecher beteuern, dass es sich lediglich um die Dramatisierung eines utopischen Romans gehandelt hatte. Ähnliches ereignete sich jetzt in Belgien. Der öffentlich-rechtliche Fernseh-Sender RTBF strahlte eine fiktive Live-Reportage über die Unabhängigkeitserklärung des niederländischsprachigen Landesteils aus.
Am 13. Dezember 2006 um 20.22 Uhr wird das Prime Time-Programm im belgischen Fernsehen durch eine Sendestörung unterbrochen. Dann wird eilig eine Sondersendung eingeschoben, in der es heißt: "Gleich wird Flandern einseitig seine Unabhängigkeit erklären. Ein entscheidender Moment. Belgien wird dann nicht mehr existieren."
Die Ereignisse überschlagen sich. Ein Reporter berichtet live, soeben sei die Entscheidung im flämischen Parlament gefallen, Belgien damit Geschichte. Die königliche Familie sei außer Landes geflüchtet. Die Sondersendung zeigt Flamen im Freudentaumel.
Belgienanhänger gehen auf die Straße
Erst nach 30 Minuten erklärt der Moderator, dass dies alles eine Fiktion sei. In der Zwischenzeit jedoch - und das ist keine Fiktion - ist das Telefonnetz des Senders lahmgelegt und auch bei der Polizei steht das Telefon nicht mehr still. Belgienanhänger versammeln sich vor dem Königshaus und demonstrieren für ihr Land. "Ich habe zu meinem Mann gesagt, lass uns gleich zum Palast fahren", sagt eine Frau. Und eine andere Frau meint: "Wir sind gekommen, weil wir ein einheitliches Belgien wollen."
Am nächsten Morgen sind die Zeitungen voller Berichte. 89 Prozent aller Zuschauer haben die Nachricht geglaubt. "Das ist eine Sendung, die zum Nachdenken anregt. Die Extremisten, die Belgien auseinanderreißen wollen, werden sich vielleicht endlich über die Konsequenzen klar werden", meint eine weitere Passantin.
Sender: Wir wollten eine überfällige Diskussion anstoßen
Auch über die Konsequenzen hatte das Programm berichtet. Ein in Flandern und Wallonie geteiltes Belgien würde neue Briefmarken erfordern, neue Farben für die Polizei, Pässe, neue Nummerschilder und jedes Telefongespräch in den anderen Landesteil werde teurer, weil es nun ein Auslandsgespräch sei. In einem Radio-Programm am nächsten Mittag verteidigte die Sendeleitung ihr Vorgehen. Man wollte mit diesem außergewöhnlichen Sendeformat eine längst überfällige Diskussion im Land anstoßen. "Wir wollten nicht schocken, niemanden aus der Fassung bringen und bieten jedem unsere Entschuldigung an, der emotional reagiert hat", sagt RTBF-Intendant Jean-Paul Philippot.
Das wollen Regierung und Regional-Politiker nicht gelten lassen. "Es ist einfach unverantwortlich, die Glaubwürdigkeit einer Nachrichtensendung zu missbrauchen und damit den König und viele Institutionen in Frage zu stellen", sagt Didier, Reynders, Vize Premier der belgischen Regierung. Und Yves Leterme, Ministerpräsident der flämischen Regierung, meint: "Geschmacklos und verfehlt. Man hat eine Karikatur aus Flandern gemacht." Doch vorerst bleibt alles beim alten in Belgien, die königliche Familie im Land und ein starkes Bindeglied zwischen den so heftig zerstritten Volksgruppen Flamen und Wallonen.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr

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