Gewissen der Schweiz
Maurice Chappaz zum 90. Geburtstag
Maurice Chappaz kämpft für das Wallis
Als das "Gewissen der Schweiz", als Mahner gegen die Verwüstung der Landschaft durch den Tourismus, wurde er in den 1970er Jahren bekannt, berühmt und berüchtigt. Maurice Chappaz, Neffe eines der Mitbegründer des "neuen Wallis" und Spross einer noblen Familie aus dem französischsprachigen Martigny, wurde angesichts der rasanten Entwicklung seiner Heimat zum Pamphletisten, dessen Buch "Die Zuhälter des ewigen Schnees" 1969 wie eine Bombe einschlug. Am 21. Dezember 2006 wird der spöttisch-lyrische Dichter 90 Jahre alt.
Das Wallis ist ein alpines Tibet zwischen Strom und Gipfeln. In wenigen Jahrzehnten wurde das Rhônetal vom Idyll zur Industrieregion. Diese Entwicklung, skrupelloses Spekulantentum und blinden Fortschrittsglauben hatte schon früh ein junger Dichter angeprangert. Sein schwefelgelbes Pamphlet "Die Zuhälter des ewigen Schnees" schlug 1969 wie eine Bombe ein. Der zornige junge Mann von damals, Maurice Chappaz, wird in diesen Tagen 90 Jahre alt. Die Gratulanten sind alte Weggefährten, auch der Dichterfreund Philippe Jaccotet. Und selbst Pascal Couchepin, Schweizer Kulturminister, outet sich als Chappaz-Leser. Soviel Anerkennung gab es nicht immer für den unbequemen Poeten. Sein Pamphlet hatte eine wahre Hetzkampagne ausgelöst.
In der Presse beleidigt und verletzt
"Chappaz démythisé" hieß es 1986. "Beachten Sie den Fehler: Entmystifiziert müsste es heißen, sonst wäre ich ja bereits ein Mythos gewesen", kommentiert der Dichter. "Zwischen 1969 und 1974 wurden regelmäßig verletzende, beleidigende Artikel publiziert. Sehen Sie diesen Titel, der uns betrifft: 'Die Literatur der traurigen Schweine'."
Rhône-Gletscher  © mev
Mit den traurigen Schweine waren Corinna Bille und ihr Mann Maurice Chappaz gemeint, beide längst anerkannte Schriftsteller. Viele ihrer Bücher reflektierten das Nomadenleben der Jugendzeit in einer dem Untergang geweihten Heimat. "Heimat - das bedeuteten für mich diese weißen Gipfel und das Rauschen der mal grauen, mal grünen oder gelben Rhône, die ihren Lauf wechselte, über die Ufer trat", sagt Chappaz.
Wallis ist überall
Nach dieser Heimat schmeckt auch der Wein aus den Rebbergen in Fully. Dort hatte Chappaz einst selber als Winzer gearbeitet. Winzer oder Advokat standen ihm als Berufe zur Auswahl. So hatte es die dominierende Gestalt im Leben des jungen Mannes geplant, sein Onkel Maurice Troillet.
Troillet, der "Architekt des modernen Wallis", trieb mit Tunneln und Schulen die Entwicklung des Hochtals voran. Die Grande Dixence, die höchste Staumauer der Welt, wuchs wie ein Symbol der Moderne in den blauen Walliser Himmel. In einer Schaffenskrise verdingte sich der Dichter beim Staudammbau und schrieb dann den "Gesang von der Grande Dixence". Seine Werke sind poetische Texte, doch keine Heimatliteratur. Das Wallis ist Methapher - Wallis ist überall, wo Umweltzerstörung stattfindet.
Die Katastrophe wird kommen
Hat das Leben die Gefühle des Zorns gemildert? "Der Zorn wurde abgelöst durch andere Gefühle", antwortet Chappaz. "Ich wünsche mir, nicht Recht zu bekommen. Aber ich kann mir vorstellen, dass wir eine Epoche erleben werden, vielleicht in 10, 20, 30 Jahren, die sehr viel schrecklicher sein wird als jene, die wir jetzt erleben. Mit diesen Gefühlen kann ich nicht mehr die geringste Wut verspüren gegenüber den Ereignissen. Ich sage mir, was sich in der Natur abspielt, in der sich entwickelnden Zivilisation, angesichts dessen kann ich keinen Zorn mehr verspüren."
Eine Katastrophe, eine Veränderung des Universums werde eintreten, meint Chappaz - "in dieser oder jener Form. So dass alle Gefühle der Wut oder des Zorns verschwinden - vorbei. Ich hoffe nur, man wird überhaupt noch Hoffnung haben können." Der Hoffnungslosigkeit setzt er im Alter weiterhin die Feder entgegen. Er wendet sich den Griechen zu. Liebe und Zorn blitzen im "Evangelium nach Judas", dem letzten Prosawerk, noch einmal auf. Vor 50 Jahren hatte der junge "Tagelöhner des Traums" dem Onkel geschrieben - das Credo des Poeten. Jetzt verliest diese Absage an die bürgerlichen Konventionen seine Nichte Marie-Thérèse. Der Brief wurde im Oktober 1947 in Fully geschrieben:
Brief an den Onkel
Ich hege für Dich, lieber Onkel Maurice, eine tiefe Zuneigung. Was in meinen Augen noch mehr zählt in bezug auf meine eigenen Ideen ist die absolute Wertschätzung Deines Leben. Zwischen uns besteht trotz allem wohl eine Art Seelenverwandtschaft.
Auf lange Sicht sind die Desinteressierten die wahren Realisten. Ich habe alles auf eine Karte gesetzt. Wenn ich das, was ich mir vorgenommen habe, erreiche, rechtfertigt es mein ganzes Leben, selbst wenn ich nicht zu Wohlstand gelange. Sogar die Extravaganzen, denn sie vergehen, nicht aber das authentische Werk. Dahinein lege ich mein ganzes Herz. Ich umarme Dich zärtlich.
Maurice
Maurice Chappaz - als junger Dichter wurde er verfemt, als 90jähriger wird er nun geehrt.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr


Maurice Chappaz, Pierre Imhasly (Übersetzer):
"Evangelium nach Judas"
Waldgut 2006
ISBN: 3729403400


Maurice Chappaz, Pierre Imhasly (Übersetzer):
"Die Zuhälter des ewigen Schnees. Ein Pamphlet"
Orte-Verlag 1976
ISBN: 3858300039
11,40 €

20.12.2006 / Mürra Zabel für Kulturzeit / hs
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