Mysteriöse Morde
Ist der russische Staat zum Serienkiller geworden?
Das Londoner Krankenhaus, in dem Alexander Litwinenko starb  © dpa
Am Abend des 4. Dezember 2006 wurde der Generaldirektor eines Gastunternehmens in der russischen Provinzhauptstadt Samara erschossen. Es war einer der täglichen Auftragsmorde in Putins Reich. Wir registrieren nur die spektakulären Morde an Journalisten und Regimekritikern. Die zahlreichen Tötungen von weniger prominenten Geschäftsleuten, Ex-Geheimdienstlern und Bankern sind hier kaum eine Notiz wert. Viel mediale Aufmerksamkeit erregte dagegen der Mord an dem Kreml-Kritiker Alexander Litwinenko. Sein Tod wirft immer mehr Fragen auf.
Die russische Realität zeigt immer wieder, dass sie jedem Drehbuchautoren weit überlegen ist. Litwinenko wurde mit Polonium 210 vergiftet, einem teuren radioaktiven Element, das nicht in Apotheken erhältlich ist. Wer immer es zur Ermordung des ehemaligen russischen Geheimdienstagenten einsetzte, muss in irgendeiner Weise Zugang zu den Schaltstellen des russischen Sicherheitsapparates haben. Litwinenkos italienischer Kontaktmann Mario Scaramella hat für dessen Tod "Geheimorganisationen" aus Russland verantwortlich gemacht. In einem Interview mit dem US-Fernsehsender CNN sagte der angebliche Geheimdienstexperte: "Dahinter stecken Leute mit Verbindungen zu Geheimorganisationen, die nicht direkt der Kontrolle des russischen Establishments unterstehen, aber aus Russland kommen, im allgemeinen pensionierte Geheimdienstler."
Zahlreiche Morde an Journalisten und Regimekritikern
Für eine ganze Reihe ähnlicher Morde und Anschläge werden die Urheber in Moskau vermutet. 2003 starb zum Beispiel der Journalist und Menschenrechtler Jurij Schtschekotschichin an einer so genannten allergischen Reaktion. 2004 überlebte Wiktor Juschtschenko, der pro-westliche Kandidat für die ukrainischen Präsidentschaftswahlen, nur knapp ein Giftattentat. Und im Oktober 2006 wurde die russische Journalistin Anna Politkowskaja im Treppenhaus ihres Wohnhauses erschossen.
Mindestens 13 russische Journalisten sind in den letzten Jahren unter mysteriösen Umständen ums Leben gekommen. Aus Kreisen des russischen Innenministeriums heißt es, dass jedes Jahr zwischen 500 und 800 Auftragsmorde im Land verübt werden. Die Dunkelziffer könnte um einiges höher liegen. Nach dem Tod von Anna Politkowskaja soll Litwinenko gesagt haben: "Es ist ganz eindeutig: Sie arbeiten eine Liste ab. Der Staat hat sich zu einem Serienkiller entwickelt."
Heißt das Motiv Tschetschenien?
Der ehemalige Geheimdienstmann Litwinenko wusste sicher viel, was geheim bleiben sollte, und war somit wohl einer der unangenehmsten Kreml-Kritiker. In seinem Buch "Wie der FSB Russland in die Luft jagt" stellt er zum Beispiel die These auf, dass der Innlandsgeheimdienst hinter den Sprengstoffanschlägen von 1999 auf Wohnhäuser in Moskau stünde und nicht tschetschenische Terroristen. Der Anschlag habe als Vorwand gedient, um Putins zweiten Krieg in Tschetschenien zu legitimieren, so Litwinenko.
In seinem eigenen Fall versuchen britische Fahnder noch immer, die Hintergründe der Tat zu klären. Kommen die Täter aus dem russischen Geheimdienst? Für Litwinenko war noch auf dem Sterbetett klar, dass der russische Präsident Wladimir Putin dafür verantwortlich ist. Und sein Freund, der Filmregisseur Andrej Nekrasov, weiß auch ein Motiv: Tschetschenien.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr


Dokumentarfilmer Andrej Nekrassow im Gespräch über den Mord an Alexander Litwinenko (22.11.2006)

Mordkomplott: Warum der Ex-Agent Alexander Litwinenko sterben soll
Eine mutige Frau: Die russische Journalistin Anna Politkowskaja wurde ermordet
Mit allen Mitteln: Wie der Kreml journalistische Recherchen in Beslan verhindert

06.12.2006 / Kulturzeit / hs
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