Stiller Held
Der deutsche Major Karl Plagge rettete einst Hunderte von Juden vor dem Tod
Der Holocaust-Überlebende Pearl Good (M.) neben ihrem Sohn Michael (r.) und ihrem Mann William
Er war ein rares Beispiel für einen aufrechten Charakter: Der Wehrmachtsmajor Karl Plagge, auch Schindler von Darmstadt genannt, rettete Hunderte von Juden im Zweiten Weltkrieg. Nie hat er seine Taten öffentlich gemacht. Michael Good, dessen Mutter von Plagge gerettet wurde, sorgt allerdings nun dafür, dass der Nazi-Major posthum für seine Haltung geehrt wird. Seine Nachforschungen sind unter dem Titel "Die Suche" im Beltz-Verlag erschienen.
Bis nach Amerika führt die Spur, um die Geschichte des Hitler-Verehrers Karl Plagge zu erfahren, der später Juden vor dem Holocaust gerettet hat. Holocaust-Überlebende und Interessierte treffen sich am Abend vor dem YIVO-Institut für jüdische Kultur und Geschichte in New York, um sich eine Dokumentation über die Judenvernichtung in Wilna anzuschauen. Hier fragen wir nach dem Wehrmachtsoffizier Major Plagge. Können Sie sich vorstellen, dass ein deutscher Nazi Juden gerettet hat? "Deutsche, nein", sagt einer der Anwesenden. "Aber andere Christen - ja." Und ein anderer erzählt: "Ich habe noch keinen 'menschlichen' Nazi getroffen."
Ohne Plagges Hilfe hätten sie nicht überlebt
Pearl Good, Holocaust-Überlebende
Mindestens einen hat es gegeben: den Major Karl Plagge. Die heute 77-jährige Pearl Good verdankt ihr Leben dem NSDAP-Mitglied und Nazi Karl Plagge. Heute, mehr als 60 Jahre nach Kriegsende, ist ihr, ihrem Mann William und Sohn Michael klar, ohne die Hilfe Karl Plagges hätte sie und ihre Familie nie überlebt. Sie kämpft mit den Tränen. "Ich konnte mir nie vorstellen, dass er ein Nazi war", sagt sie. "Ich glaube, er war ein wundervoller Offizier, der uns gerettet hat. Ich habe den wunderbaren Major Plagge von allen anderen Deutschen abgekoppelt. Für mich war er anders als die übrigen Deutschen."
1941 fällt die Hitler-Armee in Russland ein. Die Nazis vernichten systematisch die fast 70.000 Juden Wilnas. 1941 übernimmt Karl Plagge das Kommando über den Heereskraftfahrpark in Wilna. Als im September 1943 das Wilnaer Ghetto ausgelöscht wird, rettet Plagge mit ähnlichen Tricks wie Oskar Schindler viele der bei ihm arbeitenden Juden vor dem sicheren Tod. "Er stellte ihnen Arbeitsausweise aus und behauptete, Juden seien unerlässliche Kräfte für sein Arbeitslager und dürften ihm nicht weggenommen werden, damit die Kriegsmaschinerie am Laufen gehalten werden kann", erinnert sich die Holocaust-Überlebende Pearl Good. Doch diese lebensrettende Aktion ist nur ein Aufschub vor dem sicheren Tod. Die Gefangenen leben in Todesangst. Als die SS Ende 1944 das Arbeitslager komplett übernehmen und auslöschen will, warnt Plagge die Juden mit einer verschlüsselten Botschaft. "Er sagte: Sie alle wissen genau, wie sorgfältig die SS beim Schutz ihrer jüdischen Gefangenen vorgeht", berichtet Good. "Das war für uns das versteckte Zeichen: Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, unsere Verstecke aufzusuchen."
Lebensgefährlich für Retter und Opfer
Michael Good, Arzt und Autor
Die Aktion ist lebensgefährlich für Retter wie Opfer. Pearl Good und die anderen Juden fliehen daraufhin in unterirdische Schlupflöcher. "Wir hatten kaum Luft zum Atmen. Man konnte kaum eine Kerze anzünden", erinnert sie sich. "Viele sind aus Luftnot verrückt geworden. Viele haben geschrieen. Aus Angst, dass die Nazis die Schreie hören, wurden viele wahnsinnig Gewordene mit Ziegeln erschlagen." Jahrzehntelang konnten Pearl Good und ihr Mann nicht über ihre schrecklichen Erlebnisse reden. Deshalb entschied sich die gesamte Familie 1999, an den Ort des Schreckens zurückzukehren. Dort in Wilna erzählt Pearl Good ihrem Sohn Michael erstmals von Major Karl Plagge, der ihre Familie und weiteren 250 Juden das Leben gerettet hat. Für Michael Good ist das ein Schlüsselerlebnis. Die Suche nach Major Plagge beginnt. Heute, sieben Jahre später, ist sein Buch über den vergessenen Retter seiner Eltern veröffentlicht: "Die Suche" ist ein Dokument seiner jahrelangen Recherche. Michael Good hatte mit großen Widerständen zu kämpfen, bis er Historiker, Überlebende und Zeitzeugen gefunden hat.
"Gerechter unter den Völkern"
"Plötzlich war ich mit der Geschichte eines Deutschen in der Uniform der Armee Hitlers konfrontiert, dem ich auch noch mein Leben verdankte", so Michael Good. "Es hat mich fast irre gemacht. Ich musste lernen zu verstehen, dass es möglich war, dass ein deutscher Major, der eine Wehrmachtsuniform trug, ein guter Nazi war. Wie war das möglich, dachte ich mir. Für mich waren die Deutschen immer kaltblütige Mörder." Die Geschichte eines Nazis, der erkennt, dass er einem Unrechtssystem dient - das wollten viele nicht hören - erstaunlicherweise auch in Deutschland. Wirkt die Geschichte etwa bis heute wie ein Spiegel für das eigene Versagen, den Nazi-Gräuel zu widerstehen? Inzwischen hat sich sogar die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem überzeugen lassen und den "stillen Helden" posthum geehrt, als "Gerechten unter den Völkern".
"Für viele Juden war und ist es unmöglich, dass es gute Nazis gab", glaubt Michael Good. "Alle Deutschen im Krieg waren für sie Mörder. Die Story über Plagge, die ich erzähle, kreuzt beide Geschichten. Es steht fest: Nicht alle Nazis, nicht alle Deutschen waren Mörder. Ich verdanke mein Leben einem deutschen Nazi-Offizier. Für die Deutschen wiederum zeigt es: Man konnte sogar im System Widerstand leisten, ohne die Regeln zu brechen." In den Entnazifizierungsprozessen wurde Plagge von den Deutschen als Mitläufer eingestuft. Er hatte trotz des Zeugnisses geretteter Juden selbst darauf bestanden. 1957 starb Karl Plagge in Darmstadt. Michael Good ist es zu verdanken, dass die Geschichte des stillen Helfers Plagge öffentlich wurde. Good hofft jetzt, dass die Suche nach weiteren Überlebenden und Kollegen Plagges seinen Charakter noch deutlicher nachzuzeichnen hilft.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr


Karl Plagge hatte sich zwar sehr früh der NSDAP angeschlossen. Der Wunsch, einem Freund zu helfen sowie die Erlebnisse in der Reichspogromnacht 1938 änderten jedoch seine Haltung zu den Nazis.



Michael Good
"Die Suche. Karl Plagge, der Wehrmachtsoffizier, der Juden rettete"
Beltz 2006
ISBN: 340785773X
22,90 €

"The Search For Major Plagge - The Nazi Who Saved Jews"
Fordham University Press 2006
ISBN: 0823224406
24,50 €



Das Mahnmal, der Holocaust und die Deutschen



Mendelssohns Urenkel - "Kulturzeit extra": Jüdisches Leben in Berlin


Wer mit Michael Good Kontakt aufnehmen möchte, kann sich unter folgender Adresse mit ihm in Verbindung setzen:
Michael Good
375 Haddam Quarter Road
Durham CT 06422
Telefon: (860) 349-2299
www.searchformajorplagge.com

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16.11.2006 / Kamran Safiarian (Kulturzeit) / se
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