Die Gigantomanie des Frank Gehry
16 Hochhäuser mit bis zu 60 Stockwerken in Brooklyn geplant
So sollen die "Atlantic Yards" aussehen
Frank Gehry ist der Mann der großen Gesten, der mit seiner Architektur Duftmarken setzt und die Skylines der Städte verändert wie kein zweiter. Ob in Bilbao, Chicago oder Los Angeles. Jetzt scheint es, als wollte er seinem Lebenswerk die Krone aufsetzen. Rund um das Basketballstadion in Brooklyn plant er 16 Hochhäuser mit bis zu 60 Stockwerken für Wohn- und Bürogebäude. Es ist das größte Bauvorhaben von New York seit Jahrzehnten - und das umstrittenste. Es hagelt Proteste. Prominentester Kritiker ist der Schriftsteller Jonathan Lethem.
Großkampfstimmung in Brooklyn: Moderne Architektur erregt die Gemüter auf einer Bürgerversammlung. Die Aufregung gilt Plänen von Stararchitekt Frank Gehry. Im Auftrag des einflussreichen Bauherrn Bruce Ratner erarbeitete er das größte Bauprojekt in der Geschichte New Yorks: "Atlantic Yards", einen Komplex aus 16 bis zu 190 Meter hohen Hochhäusern rund um eine neue Basketball-Arena. Geplant ist ein Korridor aus Wohn- und Bürogebäuden. Bei einer seiner wenigen Äußerungen zu dem Projekt sagte Gehry: "Wir versuchen zu verstehen, was Brooklyn ausmacht, was die eigene Sprache von Brooklyn ist. Das wollen wir nachbauen, ohne zu kopieren. Alles ist noch im Fluss, und wir kommen nicht mehr auf dem hohen Ross daher."
Doch manchen, die die Botschaft hören, fehlt der rechte Glaube. "So etwas würde ich 'Die große Mauer von Brooklyn' nennen, die zwei Bezirke voneinander trennt. Und wer würde wirklich am Fuße eines solchen Baus wohnen wollen", heißt es auf der Bürgerversammlung.
Arbeiter und Künstler schätzen Brooklyns moderate Mieten
Die "Brownstones" prägen das Bild von Brooklyn (Anklicken zum Vergrößern)
Brooklyn, nur durch den East-River von Manhattan getrennt, wird architektonisch weitgehend von den so genannten Brownstones geprägt. Hier wohnen viele Arbeiter und Künstler, die sich die horrenden Mieten von Manhattan nicht leisten können. Viele Anwohner fürchten die Zerstörung ihres Stadtteils und Preissteigerungen, unter ihnen der Schriftsteller Jonathan Lethem. In seinem Bestseller "Die Festung der Einsamkeit" beschrieb er seine Kindheit in Brooklyn. Für Diskussionen sorgte er mit einem vielbeachteten offenen Brief an Frank Gehry, seiner Kritik "von Künstler zu Künstler". "Ich habe hier vor allem eine Frage aufgeworfen: 'Ist nicht Kunst - in diesem Falle Architektur - , die einen so großen, unwiderruflichen und oft unerwünschten Einfluss auf das Leben von so vielen Menschen hat, nicht letztlich ein politischer Akt?' Ich habe nicht Gehrys Fähigkeiten oder seine Absichten als Künstler in Frage gestellt, aber seine vielleicht unbeabsichtigten Aktionen als politisches Wesen", so Lethem.
Die Durchsetzung des von vielen als Albtraum für Brooklyn bezeichneten Projektes klingt wie aus dem "Lehrbuch für städtische Immobiliendeals". Der Klassiker: Kritiker erhielten wichtige Unterlagen erst kurz vor Ende der Einspruchsfrist. Mit dem Versprechen von Jobs und Wohnungen brachte Bauherr Bruce Ratner alle wichtigen Politiker auf seine Seite. Doch sein größter Trumpf war der Architekt. Der Schöpfer des legendären Guggenheim-Museums in Bilbao: Frank Gehry. Er brachte ästhetische Autorität für einen Bauherren, der mit Bauten wie diesen bislang nun wirklich nicht zur Verschönerung von Brooklyn beigetragen hat. Dass Ratner, dessen Profit für Atlantic Yards auf eine knappe Milliarde Dollar geschätzt wird, von der Stadt New York auch noch weit über eine Milliarde öffentliche Zuschüsse erhalten soll, leuchtet nicht jedem ein.
"Das wird mitten in eine feine städtische Struktur geknallt"
Francis Morrone, Architekturkritiker
Kritiker wie Franics Morrone, der an der New York University lehrt und Architekturbücher über Brooklyn verfasst hat, finden das ganze Projekt verfehlt, trotz Gehry: "Keiner bezweifelt, dass Frank Gehry ein sehr talentierter Architekt ist", sagt er. "Aber er ist ein Architekt, dessen Stärken vor allem auf relativ kleinen Flächen liegen. Er kreiert Gebäude als Objekte, die nichts mit ihrer Umgebung zu tun haben und keinen Versuch unternehmen, sich in diese Umgebung zu integrieren. Das hier ist ein Projekt, dass es in dieser Größenordnung bislang nicht nur nicht in Brooklyn, sondern überhaupt nicht in New York gibt, ja nicht einmal in den ganzen USA. Und das wird mitten in eine sehr feine und schöne städtische Struktur hereingeknallt."
Gesamtansicht der "Atlantic Yards" (Anklicken zum Vergrößern)
Wie von Ratner bekommen wir auch von Gehry kein Interview. Es scheint den Architekten nicht zu stören, dass in seinem Brooklyn-Projekt mehr als doppelt so viel Menschen leben würden wie in Harlem, dem bislang dichtbesiedeltsten Bezirk der USA - und die Anwohner wohl kaum Lebensqualität gewinnen würden. Dass das Projekt kaum noch zu stoppen ist, liegt vielleicht auch daran, dass fast alle Kritiker Weiße sind. Von dem Projekt würden sie sowieso nicht profitieren. Die Schwarzen dagegen schon, denken sie. Sie spekulieren auf Arbeitsplätze und neue Wohnungen.
Lethem: Politische Manipulation würgt Diskussion ab
Jonathan Lethem, Schriftsteller
"Das hier ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie politische Manipulation eine Diskussion abwürgen kann", bemerkt Lethem. "Jeder, der für das Projekt ist, will preiswerte Wohnungen und Jobs. Aber es gibt unzählige andere Vorschläge, mit denen das für unsere Gemeinde viel besser erreicht werden könnte. Warum sollten wir uns von diesem einen willkürlichen Ratner-Vorschlag vor vollendete Tatsachen stellen lassen?"
Basketball, Rasse und Gehry lenken vorzüglich von dem eigentlichen Thema ab: Geld. Dass Gehrys Hilfe so wichtig ist, zeigt die Macht heutiger Stararchitekten. Doch Gehry läuft Gefahr, in Zukunft vielleicht nicht als Guggenheim-Erbauer in Erinnerung zu bleiben, sondern als der "Schlächter von Brooklyn".

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr

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22.11.2006 / Dominique Gradenwitz für Kulturzeit / hs
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