Gras über Gräbern
Späte Spurensuche nach Massengräbern im Burgenland
Der "Kreuzstadel" in Rechnitz, Burgenland
Erst 60 Jahre nach den schrecklichen Taten der Nazizeit hat man in Österreich endlich nach Spuren eines der vielen Massengräber zu suchen begonnen, die am Ende des Krieges, 1945, angelegt wurden. Im idyllischen Rechnitz, einer Ortschaft im ungarisch-burgenländischen Grenzland, liegt der so genannte Kreuzstadel. Historiker hoffen auf die Öffnung von Archiven, zum Beispiel in Moskau, um die Lücken in der spät gestarteten Vergangenheitsbewältigung zu schließen.
Dieses schöne Stück Österreich, wie es in der Fremdenverkehrswerbung heißt, ist der einzige Anhaltspunkt für die Suche nach dem Massengrab von an die 200 jüdischen Zwangsarbeitern, die hier noch wenige Wochen vor dem Ende des Hitlerregimes am 24. März 1945 erschossen worden waren. Erst jetzt haben Archäologen im Auftrag der Kriegsgräberfürsorge des österreichischen Innenministeriums hier systematisch zu graben begonnen.
Im Schlamm wühlen
Nach dem Platzen des Rechnitzer Kriegsverbrecherprozesses 1948 ließen die österreichischen Behörden jahrzehntelang die Vergangenheit vergangen sein. Erst mit dem Jahr 1986, sprich, nach der nationalen und internationalen Erregung über die lückenhafte offizielle Biographie des damals gewählten Bundespräsidenten Waldheim, begann in Österreich die systematische Aufarbeitung der schuldbeladenen Nazi-Zeit. Doch es sollte noch einmal 20 Jahre dauern, bis die Experten begannen, sich auch bei Rechnitz vor Ort ein Bild über jenes Massaker zu machen, das hier noch im Frühjahr 1945 stattgefunden hatte. Die Ausgräber stießen bei ihren Arbeiten bislang nur auf einen deutschen Kommandostand. Die Suche nach dem Massengrab gestaltet sich schwierig. Es ist buchstäblich viel Gras darüber gewachsen.
Barbara Fischer, Mauthausen Memorial, Österreichisches Innenministerium
"Man muss sich das so vorstellen: Das Verdachtsfeld läuft vom Kreuzstadel bis zum Bahnhof", erläutert Barbara Fischer vom Österreichischen Innenministerium. "Das Feld selbst, das sind ungefähr 25 Hektar. Wir haben erst im Verlauf der letzten Jahre das Feld von unserer Seite her einkreisen können, haben letzten Herbst Probebohrungen an circa 200 Stellen vorgenommen. Wir hatten auch Leichenspürhunde im Einsatz. Die Probebohrungen, diese Ergebnisse, wurden im letzten Jahr ausgewertet. Wir haben auch Luftbildaufnahmen aus dem Archiv in Washington vom Sommer 1945 bekommen und das alles eingearbeitet. Dabei sind drei Verdachtsfelder entstanden." Seit 1944 wurden Tausende Zwangsarbeiter aus Ungarn, bewacht von Volkssturmeinheiten und Hitlerjungen, für Schanzarbeiten am Südostwall herangezogen. Der Wall sollte den Vorstoß der Roten Armee stoppen. Nach erbitterten Kämpfen zogen sich schließlich die Einheiten der Waffen-SS im März 1945 hierher nach Rechnitz zurück. "In Rechnitz dürfte eine SS-Einheit aufgehalten worden sein", sagt der Lokalhistoriker Josef Hotwagner. "Die haben das Schloss besetzt. Das war am Samstag vor dem Palmsonntag. Das Schloss war der Hauptsitz der Nazis. Dort war auch die ganze Ortsgruppe."
Das Schweigen brechen
Im Schloss stieg ein rauschendes Fest, bei dem auch die Besitzer, Graf und Gräfin Bathanyi-Thyssen, zugegen waren. Im Morgengrauen wurden zum Schluss Waffen verteilt. Die angetrunkene Fest-Gesellschaft machte sich auf, Juden zu erschießen. "Einige Stunden später sind die Lastwagen zurückgekommen", erzählt die Zeitzeugin Judith Hruza. "Dann haben die Wächter alle Sachen, die Rucksäcke und die Spaten, hinunter geworfen. Dann haben wir die Inhalte einiger Rucksäcke erkannt, und wir waren ganz sicher, dass sie getötet waren." "Auf qualvolle Art mussten sie sterben" - das ist inzwischen auf einem Gedenkstein beim Kreuzstadel zu lesen. Doch erst sehr viel später brachen einige wenige Zeitzeugen im Rahmen einer Dokumentation erstmals ihr Schweigen. "Das haben die Juden gemacht, sie haben selber geschaufelt und sind hineingeschossen worden", sagt eine Frau, während sie vor einem Teller mit Fleisch und Knödeln sitzt. "Wie ich das Jammern gehört habe, da habe ich mir die Ohren zugestopft, dass ich es nicht mehr hören muss", erzählt eine andere Frau, während ihr die Stimme versagt.
Gedenkstein beim "Kreuzstadel"
Wo genau das Grab liegt, darüber wissen auch diese Menschen nichts. Jahrzehntelang hatte angstvolles Schweigen geherrscht. Tatsächlich waren Kronzeugen erschossen worden. Nur der ehemalige Gauleiter-Stellvertreter Tobias Portschy gab in seinem Wirtshaus "Rose" am Rechnitzer Hauptplatz ungeniert seine zynischen Rechtfertigungs-geschichten zum Besten. "Zwei Kreisleiter wurden zum Tod verurteilt, weil sie unheilbare Juden haben erschießen lassen", sagt Tobias Portschy. "Und das über flehentlichen Bitten jüdischer Ärzte, die ihre Glaubensgenossen zu betreuen hatten." Während sich viele in Rechnitz einfach schämten, prahlte Portschy bis zu seinem Tod 1996, dass sein Gnadengesuch für die verurteilten Kriegsverbrecher dieser Region erfolgreich gewesen war. Über das Massengrab jedoch kam ihm kein Wort über die Lippen.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr

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10.11.2006 / Gerald Teufel für Kulturzeit / lj
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