Pendler zwischen den Welten
"Kulturzeit"-Reihe: Indien literarisch - Vikram Seth
Vikram Seth lebt in Großbritannien und Indien
Indische Literatur - das sind indische Schriftsteller in aller Welt, in Indien genauso wie in der Diaspora. Von der einen Milliarde Inder verlassen jedes Jahr Hunderttausende ihr Land, um im Ausland, besonders in England und den USA zu studieren oder zu arbeiten. Der Schriftsteller Vikram Seth hat auch in Großbritannien, den USA und in China studiert und gearbeitet. Heute hat der Erfolgsautor ein Haus in England und eine Wohnung in Delhi und pendelt zwischen den beiden Welten.
"Ich bin kein Tannenbaum oder Lindenbaum mit nur einer Wurzel", meint Seth. "Ich sehe mich mehr als einen indischen Banyanbaum, der mehrere Wurzeln an verschieden Orten haben kann."
Wahre Heimat Delhi
Zu Delhi fühlt sich Seth am meisten zugehörig
Zur Zeit verbringt Vikram Seth die meiste Zeit in England. Von hier aus bereist er den europäischen Kontinent und stellt sein neues Werk "Zwei Leben" vor. Da passt Delhi gerade nicht in die Reisepläne. "Wenn ich mich für einen Ort entscheiden sollte, dann wäre das aber natürlich Delhi, wo meine Familie lebt und wo ich mich am meisten zugehörig fühle", sagt er. Und dazu fällt Vikram Seth dann vor allem Old Delhi ein, der Teil der indischen Hauptstadt, der fast unberührt blieb, als der englische Architekt Edward Lutyens Anfang des 20. Jahrhunderts das neue Delhi verwirklichte.
"Während ich meinen Roman 'Eine gute Partie' schrieb, lebte ich dort eine zeitlang. In diesen kleinen Gassen, wo die Jungs neben den Tempeln Cricket spielen und die Leute ihre Motorräder aufheulen lassen. Da gibt es keinen Platz für irgendetwas, das breiter als ein Motorrad ist. Und auch die können sich nur ganz langsam hindurch bewegen. Das ist eine ganz andere Welt, sie hat nichts zu tun mit dem Delhi, das von Edward Lutyens gebaut wurde oder dem Delhi der modernen Vororte. In einem gewissen Sinn ist es der älteste und auch der historisch authentischste Teil Delhis. Aber auch da entwickelt sich alles rasend schnell."
Mit britischer Gesellschaft vertraut
Die meiste Zeit lebt Seth in England
Vikram Seths englische Heimat liegt südwestlich von London. Und wie vertraut er mit der britischen Gesellschaft ist, hat er nicht zuletzt in seinem Roman "Verwandte Stimmen" bewiesen. Der Protagonist ist ein Violinist in einem Londoner Streichquartett, und in dem ganzen Buch spielt nicht eine Szene in Indien.
"Ich bin Inder. Ich habe nicht die Staatsbürgerschaft eines anderen Landes angenommen", sagt Seth. "Ich bin Inder und ich bin Schriftsteller, also qua Definition bin ich ein indischer Schriftsteller. Englisch ist eine der Amtssprachen in Indien. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich notwendigerweise immer über Indien schreiben muss. Manche ausländischen Akademiker wollen mich in die Schublade 'indisch' stecken und meinen nach 'Eine gute Partie' sollte ich 'Eine schlechte Partie' und 'Eine mittelmäßige Partie' und so weiter schreiben. Ich denke aber: Wenn ich eine Idee habe, die mich wirklich fesselt, dann spielt es keine Rolle, ob die Geschichte in Kalifornien spielt, oder ob es um ein Streichquartett in London geht. Ich werde die Idee verfolgen und schauen, ob die Geschichte funktioniert."
Seth liebt Lieder von Schubert und die Malerei
In seiner Freizeit, also selten und eigentlich nur zwischen zwei Buchprojekten, gehört seine Leidenschaft der Musik, der indischen und der europäischen Klassik. Er liebt es, die Lieder von Schubert auf Deutsch zu singen und er malt, beeinflusst von der arabischen und der chinesischen Kalligraphie. "Ich versuche, mich auf unterschiedliche Weise auszudrücken. Aber ich habe nur ein oder zwei Möglichkeiten, mich wirkungsvoll mitzuteilen. Meine Prosa und meine Gedichte kann ich der Öffentlichkeit anbieten", meint Seth. "Alles andere ist nur zu meinem eigenen Vergnügen und für meine Freunde gedacht, da bin ich nicht gut genug."
Das literarische Schaffen, die Hobbys, das Pendeln zwischen den zwei Leben in England und Indien, viel Zeit für Müßiggang bleibt da nicht. Er versuche gerade, sein Leben so einzurichten, dass er möglichst wenig Termine habe, berichtet Seth. "Bis zum Ende dieses Jahres hoffe ich, soweit zu sein, dass ich für den Rest meines Lebens keine Termine mehr haben werde. Dann kann ich wirklich einmal entscheiden, wo ich hingehen und wo ich sein möchte." Vikram Seths nächster Termin aber steht fest: die Frankfurter Buchmesse ab dem 4. Oktober 2006.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



Indien literarisch



Frankfurter Buchmesse 2006

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02.10.2006 / Thomas Wedmann für Kulturzeit / hs
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