Knallharte Ost-Realität
Clemens Meyer debütierte mit einem Roman über die Nachwendezeit
Clemens Meyer kommt aus dem wilden Osten Leipzigs
Stadtteil Reudnitz, der wilde Osten Leipzigs. Hier lebt Clemens Meyer, hier ist er groß geworden und hier kennt er sich aus. Sein Beruf heute: Schriftsteller. Davor hat er lange Jahre gejobbt, mal hier mal da, auf dem Bau oder als Wachmann. Und am Literaturinstitut war er. "Ich habe immer schon geschrieben, aber das stimmt natürlich nicht ganz", sagt er. "Ich habe schon ziemlich zeitig kleine Geschichten und Gedichte geschrieben und das weitete sich immer mehr aus. Mir war relativ früh klar, dass das meins ist."
Ein sehr bodenständiger Mensch sei er, sagt Clemens Meyer, und aus Leipzig eigentlich noch nie richtig raus gekommen. Seine Zwei-Raum-Wohnung spiegelt vieles von dem wider, was ihm hier wichtig ist: Literatur und das Schreiben, Familie, Freundschaft - und Fußball. Sein Verein ist Sachsen Leipzig. Im Sport wie in der Literatur zählt für Clemens Meyer das Ergebnis, das, was am Ende dabei raus kommt.
"Es gibt welche, die gut ist, welche die mittelmäßig ist und welche, die nicht so gut ist", sagt er. "Das sollte man als Kriterien nehmen: Ist etwas gut gemacht, ist es eine gute Geschichte? Ost und West - ich unterscheide meine Stoffe ja nicht und suche sie auch nicht bewusst. Ich wohne halt hier. Ich kann auch nichts dafür, dass ich hier wohne; im Osten und auch noch im Osten von Leipzig."
Als Jugendlicher den Mauerfall erlebt
1977 in der DDR geboren, hat Clemens Meyer den Mauerfall als Jugendlicher erlebt. Sein Debütroman "Als wir träumten" spielt in Leipzig zur Zeit des Umbruchs und der Nachwendezeit. Er handelt von einer Gruppe Jugendlicher, für die die Veränderungen Nebensache sind. Während um sie herum die gesellschaftlichen Gefüge zerbrechen, dreht sich ihre Welt um Freundschaft, Fußball, saufen, klauen und Prügeleien mit den Glatzen. Das ist eine knallharte Beschreibung von Ost-Realität, nicht aber aus dem Leben von Clemens Meyer. "Die meisten Romane sind irgendwo biografisch beeinflusst, irgendwo und irgendwie. Aber das war immer schon mein Stoff", sagt Meyer. "Es hat lange gedauert, bis ich meine Form gefunden hatte und bis meine Mittel halbwegs vollendet waren, dass ich das auch konnte."
Dass Clemens Meyer nicht dem Klischee eines Intellektuellen und Schriftstellers entspricht, fällt auf. Zur Suche nach neuen Ideen gehört die tägliche weiter-"Bild"-ung. Geschichten, wie sie sich schriller kaum erfinden lassen. "Mich interessieren Schicksale von - in Amerika würde man sagen, 'Misfits', Außenseiter, die sich durchs Leben Kämpfen." Er wolle sich aber nicht einschränken. "Man kann überall gute Geschichten finden, man muss nur die Augen auf machen."
Jetzt, da er Schriftsteller ist, kommt Clemens Meyer auch immer mehr herum, raus aus Leipzig. Das bietet Ausblick auf noch mehr Geschichten, aus denen sich etwas machen lässt. Als nächstes Projekt steht aber erstmal der Bau eines Modellschiffs an, der "Bounty". Auch das ist etwas ganz neues für Clemens Meyer.

Kulturzeit: montags bis freitags, um 19.20 Uhr



Kulturzeit berichtet aus Klagenfurt über die 30. Tage der deutschsprachigen Literatur


Literaturauswahl:

"Als wir träumten"
Fischer 2006
ISBN: 3100486005
19,90 €

ORF: Bachmann-Preis
ORF: Kurzbiographie Clemens Meyer

19.06.2006 / Yvonne Gögelein / 3sat / hs
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