Mama lieben - Papa töten
"Kulturzeit"-Reihe zu Freud: Ödipuskomplex und Kindesmissbrauch
Das Kind erlebt Dinge, die überwältigen und seine Gefühle prägen  © Montage/AP/mev
Glaubte Freud alles, was er öffentlich behauptet hat, selbst? Den Wunsch des Sohnes, die Mutter zu erobern und den Vater, den Erzrivalen, zu töten? Betrachtete er wirklich den von ihm entdeckten Ödipuskomplex als die ausschließliche Quelle der Neurosen? Das Kind erlebt Dinge, die überwältigen, seine Gefühle prägen und - so hatte es Sigmund Freud verkündet - den späteren Verlauf unseres inneren Schicksals bestimmen, im Guten wie im Schlechten.
Die Urszene, der Geschlechtsakt, wird, vom Kind beobachtet, als Gewalt erlebt. Ist sie die zentrale Ursache seelischer Krankheit? Oder sind es kindliche Triebe, die zu übermächtigen Fantasien führen. Oder ist es im Gegenteil der reale sexuelle Missbrauch, der das Gefühlsleben des Kindes zerstört? Oder alles drei?
Inzest als Ursache von Hysterien?
Freud war bis 1897 überzeugt, dass der sexuelle Missbrauch am Kind durch Verwandte, also realer Inzest, die Ursache aller Hysterien sei. Denn bei allen seinen Patientinnen deckte er Erinnerungen auf, die auf sexuelle Gewalt in der Kindheit hindeuteten. Eine grauenhafte Wahrheit tat sich ihm auf. Alle Patientinnen litten an körperlichen Beschwerden ohne organischen Befund: Sie hatten Gehstörungen, Lähmungen, Platzangst.
Matthias Hirsch, Psychoanalytiker
Eine von ihnen, Emma Eckstein, litt an überstarker Menstruation. Freud ließ sie deshalb unsinnigerweise von Wilhelm Fließ, dem befreundeten HNO-Arzt, an der Nase operieren, wobei sie fast verblutet wäre. Das war die Wende in Freuds Theorie: Weg von der Missbrauchsthese, hin zum Ödipuskomplex. Freud deutet das starke Bluten jetzt anders: als Liebeserklärung, als Ödipusfantasie, als Liebe zum Vater. "Diese Umkehr von der Verführungstheorie hin zum Ödipuskomplex setzte sich sicher aus mehreren Faktoren zusammen: vielleicht gesellschaftlicher Natur", sagt Psychoanalytiker Matthias Hirsch. "Er rechnete sich vielleicht aus, mehr wissenschaftliche Anerkennung zu bekommen, wenn er nicht allzu sehr den Finger auf die gesellschaftliche Dimension von Kindesmissbrauchs legte. Er hatte sicher auch mit dem Tod seines Vaters schwer zu kämpfen."
Neurose statt realer Kindesmissbrauch
Im selben Jahr verdichtete sich Freuds Verdacht, dass auch sein eigener Vater sich an seinen Kindern vergangen hat. Vielleicht hat sogar - wie so oft - die eigene Mutter dabei weggeschaut. Sein Bruder und die jüngeren Schwestern litten an schwerer Hysterie. Daher - so Freuds Vermutung - müsse auch sein eigener Vater ein Kinderschänder gewesen sein. Freud schreibt wörtlich: "'Dann müsste mein eigener Vater auch ein so Perverser gewesen sein' - also eine gewisse Scheu auch in sich selbst und in seine Familie genügend hineinzusehen", meint Hirsch. So habe Freud dann doch wieder den Patienten als isoliertes Individuum gesehen und zu behandeln versucht. Die sozialen Dimensionen habe er dann eben zurückgestellt.
Sigmund Freud  © ap
Freud lässt fortan die These vom Durchschnittsbürger als Kinderschänder fallen und führt jetzt die Neurose auf "Mama lieben - Papa töten" zurück. Wer den Ödipuskonflikt überwindet, wird ein erfolgreiches, rationales, aufgeklärtes bürgerliches Individuum, das die Kunst beherrscht, auf Triebbefriedigungen zu verzichten. Anpassung, die Anerkennung von Pflichten und Realitätsbewusstsein sind das Ziel des menschlichen Reifungsprozesses, zu dem Freuds Psychoanalyse Hilfe leisten kann.
Trauma-Forschung kehrt zurück zu Freud
Während der "sexuellen Revolution" von 1968 wird Freuds bürgerliches Ich-Ideal als sinnenfeindlich angeprangert. Die Sexualität leide unter der Knechtschaft des ödipalen Triebverzichts, könne aber durch das freie Zeigen und Herumspielen an den Geschlechtsorganen befreit werden. Dass uneingestandene narzisstische, pädophile Interessen der Erwachsenen im Spiel sind, also körperlicher oder seelischer Inzest, weisen die Autoren der damals modischen Aufklärungsbücher empört zurück.
Doch der reale sexuelle Missbrauch ist viel häufiger als man glaubt. Das sind die neuen Erkenntnisse der Trauma-Forschung, die wieder den Weg zu Freuds allererster Verführungstheorie zurückfand. Sexuelle Gewalt löst bei Kindern schwere seelische Traumata aus. Zum Erschrecken der Forscher wird der Missbrauch von Generation zu Generation weitergetrieben. Das Medieninteresse gilt allerdings immer nur den drastischen Einzelfällen. Doch orthodoxe Freudsche Psychoanalytiker bleiben dabei: Der antike Ödipusmythos stellt keinen realen Inzest dar, sondern einen fantasierten inneren Konflikt. Nur wenige können sich das Ausmaß wirklichen Kindesmissbrauchs vorstellen.
Angriff auf den Ödipuskomplex
Anfang der 70er Jahre blasen zwei Franzosen, der Philosoph Gilles Deleuze und der Psychiater Felix Guattari erneut zum Angriff auf Freuds Ödipuskomplex, diesmal im Namen der Schizophrenie. Die französischen Meisterdenker fordern die Abschaffung der ödipalen Verzichtskultur und verkünden die Befreiung der Wunschmaschinen. Sexualität sei vielgestaltiger, polymorph-pervers und habe ein Naturrecht gegen das Gesetz des Vaters.
Psychoanalytiker warnen indes vor den ungezügelten Träumen und Wünschen, die von unserer Medien- und Werbeindustrie wirksam angeheizt werden. Denn ohne die ödipale Selbstkontrolle endeten die entfesselten Triebe in Gewalt und Totschlag. Die Idee des Ödipuskomplexes aufzugeben, hieße die Verantwortung immer woanders zu suchen, nur nicht bei sich selbst. Freuds' Lehre bedeutet, dass jeder Mensch seine Fantasien und Taten als erwachsener Mensch selbst verantworten muss. Ist damit das Rätsel um Ödipus und die Sphinx gelöst? Ödipale Verzichtskultur oder ungehemmte Wunschmaschinen - alles passiert. Auf die vernünftige Balance kommt es an.

Kulturzeit, montags bis freitags um 19.20 Uhr



"Kulturzeit"-Reihe: Sigmund Freud zum 150. Geburtstag, vom 18. bis 21. April 2006



"Kulturzeit extra: Rot sind manche blaue Blätter" Samstag, 22.04.2006, um 19.20 Uhr



Freud - Die Reise ins Unbewusste
Von Couch zu Couch - "Freud"-volle Tage auf 3sat vom 17. April bis 3. Mai 2006


Literatur zu Freud:
Bärbel Reetz: "Die russische Patientin"
Eva Weissweiler: "Die Freuds"
Christfried Tögel (Hrsg.), Lilly Freud-Marlé: "Mein Onkel Sigmund Freud"
Micha Brumlik: "Sigmund Freud. Der Denker des 20. Jahrhunderts"

Was Albert Einstein und Sigmund Freud verbindet
Freuds verschwundene Nachbarn: Eine Ausstellung über die Juden der Berggasse 19
Sabina Spielrein, Traute Hensch "Tagebuch einer heimlichen Symmetrie"
Der Raum als Couch: Ein Bildband erforscht die Orte der Psychoanalyse

18.04.2006 / Henning Burk für Kulturzeit / hs
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