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Inzest als Ursache von Hysterien?
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Freud war bis 1897 überzeugt, dass der sexuelle Missbrauch am Kind durch Verwandte, also realer Inzest, die Ursache aller Hysterien sei. Denn bei allen seinen Patientinnen deckte er Erinnerungen auf, die auf sexuelle Gewalt in der Kindheit hindeuteten. Eine grauenhafte Wahrheit tat sich ihm auf.
Alle Patientinnen litten an körperlichen Beschwerden ohne organischen Befund: Sie hatten Gehstörungen, Lähmungen, Platzangst.
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Matthias Hirsch, Psychoanalytiker
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Eine von ihnen, Emma Eckstein, litt an überstarker Menstruation. Freud ließ sie deshalb unsinnigerweise von Wilhelm Fließ, dem befreundeten HNO-Arzt, an der Nase operieren, wobei sie fast verblutet wäre. Das war die Wende in Freuds Theorie: Weg von der Missbrauchsthese, hin zum Ödipuskomplex. Freud deutet das starke Bluten jetzt anders: als Liebeserklärung, als Ödipusfantasie, als Liebe zum Vater. "Diese Umkehr von der Verführungstheorie hin zum Ödipuskomplex setzte sich sicher aus mehreren Faktoren zusammen: vielleicht gesellschaftlicher Natur", sagt Psychoanalytiker Matthias Hirsch. "Er rechnete sich vielleicht aus, mehr wissenschaftliche Anerkennung zu bekommen, wenn er nicht allzu sehr den Finger auf die gesellschaftliche Dimension von Kindesmissbrauchs legte. Er hatte sicher auch mit dem Tod seines Vaters schwer zu kämpfen."
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Neurose statt realer Kindesmissbrauch
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Im selben Jahr verdichtete sich Freuds Verdacht, dass auch sein eigener Vater sich an seinen Kindern vergangen hat. Vielleicht hat sogar - wie so oft - die eigene Mutter dabei weggeschaut. Sein Bruder und die jüngeren Schwestern litten an schwerer Hysterie. Daher - so Freuds Vermutung - müsse auch sein eigener Vater ein Kinderschänder gewesen sein. Freud schreibt wörtlich:
"'Dann müsste mein eigener Vater auch ein so Perverser gewesen sein' - also eine gewisse Scheu auch in sich selbst und in seine Familie genügend hineinzusehen", meint Hirsch. So habe Freud dann doch wieder den Patienten als isoliertes Individuum gesehen und zu behandeln versucht. Die sozialen Dimensionen habe er dann eben zurückgestellt.
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Trauma-Forschung kehrt zurück zu Freud
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Während der "sexuellen Revolution" von 1968 wird Freuds bürgerliches Ich-Ideal als sinnenfeindlich angeprangert. Die Sexualität leide unter der Knechtschaft des ödipalen Triebverzichts, könne aber durch das freie Zeigen und Herumspielen an den Geschlechtsorganen befreit werden. Dass uneingestandene narzisstische, pädophile Interessen der Erwachsenen im Spiel sind, also körperlicher oder seelischer Inzest, weisen die Autoren der damals modischen Aufklärungsbücher empört zurück.
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Angriff auf den Ödipuskomplex
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Anfang der 70er Jahre blasen zwei Franzosen, der Philosoph Gilles Deleuze und der Psychiater Felix Guattari erneut zum Angriff auf Freuds Ödipuskomplex, diesmal im Namen der Schizophrenie. Die französischen Meisterdenker fordern die Abschaffung der ödipalen Verzichtskultur und verkünden die Befreiung der Wunschmaschinen. Sexualität sei vielgestaltiger, polymorph-pervers und habe ein Naturrecht gegen das Gesetz des Vaters.
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